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MAINZ//2011: 56. GMDS-Jahrestagung und 6. DGEpi-Jahrestagung

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V.
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V.

26. - 29.09.2011 in Mainz

Straßenverkehr, Lärm und Feinstaub: eine empirische Langzeituntersuchung zu sozialen Mustern der Belastung durch städtische Umweltrisiken

Meeting Abstract

  • Nico Dragano - Universitätsklinikum Essen / Universität Duisburg Essen, Essen
  • Natalie Riedel - Institut für Raumplanung (IRPUD) / Fakultät Raumplanung, Technische Universität Dortmund, Dortmund
  • Karl-Heinz Jöckel - Universitätsklinikum Essen / Universität Duisburg Essen, Essen
  • Kateryna Fuks - Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf, Düsseldorf
  • Michael Nonnemacher - Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen, Essen
  • Susanne Moebus - Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen, Essen
  • Raimund Erbel - Westdeutsches Herzzentrum, Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen, Essen
  • Barbara Hoffmann - IUF Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf, Essen

Mainz//2011. 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi). Mainz, 26.-29.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gmds596

DOI: 10.3205/11gmds596, URN: urn:nbn:de:0183-11gmds5969

Published: September 20, 2011

© 2011 Dragano et al.
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Hintergrund: Im Rahmen der Forschung zur Umweltgerechtigkeit haben einzelne Untersuchungen gezeigt, dass städtische Umweltrisiken in ärmeren Gegenden häufiger auftreten als in reicheren. Über die daraus resultierenden individuellen Expositionsmuster ist hingegen wenig bekannt. Insbesondere fehlen Langzeitdaten, die es erlauben, zeitliche Abfolgen sowie die Kumulation von Umweltrisiken bei mobilen urbanen Bevölkerungen zu betrachten. Daher wurden für diese Studie räumliche Umweltdaten mit Daten einer bestehenden Kohortenstudie verknüpft, um Expositionsgeschichten zu untersuchen und besonders belastete soziale Gruppen zu identifizieren.

Methode: Die Untersuchung ist Teil der prospektiven Heinz Nixdorf Recall Studie. Studienbasis sind 4.814 Männer und Frauen (45-75 Jahre) aus Mülheim, Bochum und Essen, die in den Jahren 2000-2003 rekrutiert, medizinisch untersucht und seitdem kontinuierlich beobachtet werden. Für die drei Städte wurden kleinräumige Kontextfaktoren erhoben, um die Wohnumwelt in der Studienregion zu charakterisieren. Zum einen wurde die soziale Zusammensetzung von Wohnvierteln mit amtlichen Daten beschrieben (Arbeitslosenquote, mittleres Einkommen, Bewohnerfluktuation). Zum anderen sind verkehrsbezogene Umweltbelastungen durch verschiedene Methoden gemessen worden (Feinstaub PM2,5, Verkehrsaufkommen, Lärm). Für einen Teil der Stichprobe (n=3.320) konnten Kontextmerkmale retrospektiv über zehn Jahre den jeweiligen Wohnorten zugeordnet werden. Ziel der hier vorgestellten Analyse war es, mit Hilfe bivariater Verfahren und multivariater hierarchischer Regressionsrechnungen Zusammenhängen zwischen der Expositionsgeschichte und sozialen Merkmalen nachzugehen.

Ergebnisse: Grundsätzlich war festzustellen, dass Personen mit niedriger Bildung und niedrigem Einkommen im Laufe der 10 Jahre mehr Zeit an belasteten Wohnorten verbrachten - sowohl in Bezug auf soziale als auch umweltbedingte Faktoren. Beispielsweise lebten Menschen der niedrigsten Einkommensgruppe im Schnitt 15,3% der 10 Jahre an Orten mit hoher Lärmbelastung (>65 dB im 24h-Mittel), während es bei der höchsten Einkommensgruppe 10% waren. Ebenfalls länger belastet waren Single- im Vergleich zu Mehrpersonenhaushalten. Auswertungen mit Gesundheitsmaßen zeigten zudem, dass mit höheren Belastungen auch erhöhte Raten gesundheitlicher Belastungen einher gingen. Beispielsweise stieg die Prävalenz der Hypertonie mit jedem Jahr an einem durch Lärm belasteten Wohnort um 3% (OR=1,03; 95%KI 1,00-1,05; Kontrolle für Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf).

Diskussion: In dieser Studie in Städten des Ruhrgebietes zeigte sich eine Tendenz zu höheren Belastungen durch kontextuelle Risiken bei Menschen mit geringer Bildung und Einkommen. Nicht nur war die Prävalenz der Belastung höher, sondern auch die Zeitdauer die insgesamt an belasteten Orten verbracht wurde. Es scheinen demnach Mechanismen zu wirken, die dazu führen, dass städtische Umweltbelastungen sozial ungleich verteilt werden. Dies könnten sowohl mietmarkt-bezogene Prozesse, als auch Folgen kommunalpolitischer und städtebaulicher Entscheidungen sein.