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MAINZ//2011: 56. GMDS-Jahrestagung und 6. DGEpi-Jahrestagung

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V.
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V.

26. - 29.09.2011 in Mainz

Mortalitätsstudie (Follow-up) über ehemalige Dioxin-belastete Beschäftigte einer Chemiefabrik

Meeting Abstract

  • Ulf Manuwald - Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Hamburg
  • Marcial Velasco Garrido - Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Hamburg
  • Xaver Baur - Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Hamburg

Mainz//2011. 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi). Mainz, 26.-29.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gmds114

DOI: 10.3205/11gmds114, URN: urn:nbn:de:0183-11gmds1149

Published: September 20, 2011

© 2011 Manuwald et al.
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Text

Einleitung: In einer früher in Hamburg angesiedelten Chemiefabrik bestand eine Belastung der Beschäftigten gegenüber Ausgangssubstanzen, Zwischen- und Endprodukten von Herbiziden und Insektiziden. In den verschiedenen Produktionsstufen waren in unterschiedlich hohen Konzentrationen Dioxine und Furane als Kontamination angefallen, darunter 2,3,7,8-TCDD (Tetrachlordibenzodioxin), aber auch andere Noxen wie Hexachlorcyclohexan und Benzol. Ziel dieses Follow-ups ist die Untersuchung der Langzeitwirkungen dieser Arbeitsplatz-Exposition.

Material und Methoden: Es wurden alle ehemaligen MitarbeiterInnen des Chemieunternehmens eingeschlossen, die zwischen 1952 und 1984 (Schließung des Werkes) über mindestens drei Monate Vollzeit beschäftigt waren. Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich vom Eintrittsdatum in das Werk bis zum Stichtag 31.12.2007.

Die Vergleichsgruppen (Bevölkerung Hamburgs und BRD (West)) wurden zur Bestimmung der standardisierten Mortalitätsrate (SMR) für verschiedene Todesursachen herangezogen. Im Beobachtungszeitraum kamen verschiedene Versionen der ICD zur Anwendung. Die Überleitung in die ICD 9 erfolgte in Anlehnung an Vijheid et al. [1].

Die indirekt standardisierten Mortalitätsraten wurden nach der Methode von Breslow et al. [2] altersstandardisiert berechnet.

Eine retrospektive Abschätzung der Dioxin- und HCH-Exposition für jeden Arbeitsbereich erfolgte durch Becher et al. [3].

Ergebnisse: Die Kohorte umfasst 1191 Männer und 398 Frauen. Der Vitalstatus konnte für 96,5%, (1145 Männer, 388 Frauen) ermittelt werden. Zum Stichtag (31.12.2007) lebten 450 Männer und 209 Frauen. Bis dahin starben 695 Männer/ 180 Frauen. Bei 13/ 2 war die Todesursache unbekannt.

Die SMR (Männer) sind für die Gesamtmortalität (1,14 95%CI 1,06-1,23), Mortalität aufgrund bösartiger Neubildungen (1,37 95%CI 1,20-1,57) und die spezifische Mortalität aufgrund von Larynxkarzinom, Lungenkrebs und Rippenfellkarzinom (1,64 95%CI 1,33-2,04) sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (1,16 95%CI 1,02-1,31) signifikant erhöht. Bei Frauen zeigt sich eine Verringerung der Gesamtmortalität (0,91 95%CI 0,76-1,05) und Herz-Kreislauf-Mortalität (0,74 95%CI 0,57-0,96), aber eine signifikant erhöhte Brustkrebsmortalität (1,87 95%CI 1,16-2,98).

Für die krebsspezifische Mortalität wurde eine Dosis-Wirkungs-Beziehung beobachtet.

Diskussion: Über eine erhöhte Krebsmortalität unter Dioxinexponierten ist in der internationalen Literatur mehrfach berichtet worden [4], [5], [6], [7]. In diesem weiteren Follow-up konnten früher erlangte Ergebnisse [8], [9], [10] bestätigt und bekräftigt werden. Zusammenfassend deuten unsere Ergebnisse auf eine kanzerogene Wirkung von Dioxin- und HCH-Verbindungen hin. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass weitere Noxen wie Benzol mitgewirkt haben.

Eine Limitation dieser Studie ist der unbekannte Raucherstatus der ArbeiterInnen. Allerdings wurde in früheren Auswertungen der Studienkohorte das Rauchen als wesentlicher erklärender Faktor für die erhöhte Krebsmortalität bei den Werks-MitarbeiterInnen ausgeschlossen [11], [12]. Weitere Limitationen sind die kleine Fallzahl, Unterschiede in der Todesursachenermittlung sowie fehlende Messungen der Belastung am Arbeitsplatz. Ein Healthy worker-Effekt ist wahrscheinlich.


Literatur

1.
Vrijheid M, et al. The 15-Country Collaborative Study of Cancer Risk Among Radiation Workers in the Nuclear Industry: design, epidemiological methods and descriptive results. Radiat Res. 2007;167(4):361-79.
2.
Breslow NE, Day, NE. Statistical methods in cancer research. Volume II. The design and analysis of cohort studies. IARC Sci Publ. 1987;82:1-406.
3.
Becher H, et al. Krebsrisikoabschätzung für Dioxine. Berlin: Erich Schmidt Verlag; 1998.
4.
Warner M, et al. Serum dioxin concentrations and breast cancer risk in the Seveso Women's Health Study. Environ Health Perspect. 2002;110(7):625-8.
5.
Onozuka D, Yoshimura T. Mortality After Exposure to Polychlorinated Biphenyls and Polychlorinated Dibenzofurans: A40-Year Follow-up Study of Yusho Patients Americaan. Journal of Epidemiology. 2008;169(1).
6.
Kogevinas M, et al. Cancer mortality in workers exposed to phenoxy herbicides, chlorophenols, and dioxins. An expanded and updated international cohort study. Am J Epidemiol. 1997;145(12):1061-75.
7.
Ott MG, Zober A. Cause specific mortality and cancer incidence among employees exposed to 2,3,7,8-TCDD after a 1953 reactor accident. Occup Environ Med. 1996;53(9):606-12.
8.
Flesch-Janys D, et al. Elimination of polychlorinated dibenzo-p-dioxins and dibenzofurans in occupationally exposed persons. J Toxicol Environ Health. 1996;47(4):363-78.
9.
Manz A, et al. Cancer mortality among workers in chemical plant contaminated with dioxin. Lancet. 1991;338(8773):959-64.
10.
Becher H, et al. Cancer mortality in German male workers exposed to phenoxy herbicides and dioxins. Cancer Causes Control. 1996;7(3):312-21.
11.
Manz A. Exposition gegenüber HCH und Auswirkungen auf die Mortalität. Forschungsbericht FB 789 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Bremerhaven: Wirtschaftsverlg NW; 1998.
12.
Flesch-Janys D. Dioxin and cancer- epidemiological dose-response analyses withhuman data as the key to risk assessment. In: Habilitationsschrift zur Erlangung der Lehrbefähigung für das Fach Epidemiologie/ Public Health am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen (Fachbereich 11). 2001.