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14. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.

7. - 9. Oktober 2015, Berlin

Die medizinische Versorgung nach koronarer Bypassoperation im ländlichen Raum – Eine qualitative Studie

Meeting Abstract

  • Julia Dittkrist - Institut für Allgemeinmedizin, Rostock, Deutschland
  • Christin Löffler - Institut für Allgemeinmedizin, Rostock, Deutschland
  • Attila Altiner - Institut für Allgemeinmedizin, Rostock, Deutschland
  • Gustav Steinhoff - Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie, Rostock, Deutschland

14. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. Berlin, 07.-09.10.2015. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2015. DocFV74

doi: 10.3205/15dkvf083, urn:nbn:de:0183-15dkvf0831

Published: September 22, 2015

© 2015 Dittkrist et al.
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Text

Hintergrund: Koronare Bypassoperationen gehören zu den häufigsten Herzoperationen und stellen eine von drei Therapiestrategien der koronaren Herzkrankheit (KHK) dar. Da die Zahl komplexer koronarer Befunde aufgrund der demografischen Alterung stetig steigt, nimmt ihre Bedeutung in der Gesundheitsversorgung zu. Neben dem Überlebensvorteil tritt die Verbesserung der Lebensqualität insbesondere bei älteren Patienten mit mehreren präoperativen Komorbiditäten zunehmend in den Fokus der Behandlung.

Fragestellung: Diese qualitative Studie basiert auf Erfahrungsberichten von Patienten vor allem aus dem ländlichen Raum und geht folgender Forschungsfrage nach: Inwieweit kann die Nachbetreuung von Patienten mit koronarer Bypassoperation verbessert werden? Hierbei wurde insbesondere die Effektivität einer intensiven klinischen Nachbetreuung im Rahmen einer zuvor durchgeführten Studie untersucht. Ziel war es zu ermitteln, welche Komponenten und Aspekte der Betreuung den Patienten besonders geholfen haben, um diese in eine langfristige Implementierung zu überführen.

Methode: Im Rahmen der qualitativen Studie wurden 2013 und 2014 mit 20 Patienten narrative Interviews geführt und ton-aufgezeichnet. Die Patienten, im Alter zwischen 52 und 76 Jahren, wurden 24 Monate nach ihrer Operation in deren häuslichen Umfeld interviewt. Eine Hälfte der Befragten erhielt im Rahmen einer zuvor durchgeführten Studie ein zusätzliches umfangreiches Betreuungsprogramm mit regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen in einer herzchirurgischen Abteilung. Die zehn anderen Patienten erhielten nach der Operation eine herkömmliche Nachbetreuung. Die Auswahl der Interviewpartner basierte auf dem theoretischen Sampling. Ziel war es, möglichst kontrastierende Fälle gegenüberzustellen und ähnliche Fälle zu vergleichen. Das vollständig transkribierte Audiomaterial von insgesamt 578 Minuten wurde auf Basis der Grounded Theory analysiert. Zur Kodierung der Daten wurde das Softwaresystem Nvivo10 verwendet. Die generierten Hypothesen zur Optimierung der Patientenbetreuung wurden regelmäßig in einer multidisziplinären Forschungsgruppe diskutiert.

Ergebnisse: Die Analyse des Materials zeigte, dass Probleme bei der postoperativen Betreuung vor allem im ländlichen, strukturschwachen Raum bestanden. Dies betraf vor allem die Nachbehandlung und Rehabilitationsmaßnahmen. Die im Vorfeld der Operation von den Patienten so wenig bedachten postoperativen Komplikationen nahmen einen hohen Stellenwert in den Interviews ein und spielten bei der Genesung, der Mobilität und der Eigenständigkeit der Patienten nach der Operation eine wichtige Rolle. Sowohl die angesprochenen Komplikationen, als auch oftmals beschriebene Verschlechterungen kardialer Symptome nach der Operation, machten eine regelmäßige ärztliche Nachbetreuung notwendig. Auffällig war, dass ein großer Anteil an Patienten Probleme bei der Bewerkstelligung der kardiologischen Nachsorge hatte. Die ärztlichen Konsultationen variierten in den Zeitabständen sowie in der von den Patienten wahrgenommenen Relevanz.

Des Weiteren zeichneten sich bei den zehn klinisch engmaschig betreuten Patienten sowohl positive als auch negative Effekte ab. Die Patienten schätzten die Rückversicherung aus der Klinik und stuften die Kompetenz der Spezialisten aus dem Krankenhaus höher ein, als die der ambulant betreuenden Ärzte. Zweifel an der Kompetenz ambulant tätiger Ärzte wurden sowohl bei ihnen, als auch bei Patienten ohne zusätzliche klinische Nachbetreuung deutlich. Die Patienten fixierten sich auf Befunde technischer Untersuchungen und äußerten Zweifel an der Aussagekraft manueller oder technisch wenig aufwendiger Untersuchungsmethoden. Im Zuge einer sich abzeichnenden Technisierung der Medizin, wurde die Abnahme des persönlichen Kontaktes sowohl im Krankenhaus, als auch bei der ambulanten ärztlichen Betreuung oftmals kritisiert.

Diskussion: Um die Versorgung von Patienten nach Bypassoperation nachhaltig zu verbessern, sollten die aus dieser Studie gewonnen Aspekte in der Versorgung berücksichtigt werden: Im Vergleich zu den sehr ausführlichen Aufklärungsgesprächen im Vorfeld der Operation, nahm der Informationsfluss zu den Patienten nach der Operation ab. Multimorbide Patienten nahmen eine Priorisierung ihrer chronischen Erkrankungen vor, teilweise zulasten der notwendigen Nachsorge. Hierbei spielten die patientenbezogenen Krankheitskonzepte bezüglich der KHK eine entscheidende Rolle.

Praktische Implikationen: Patienten mit koronarer Bypassoperation sollten besser im Umgang mit möglichen Komplikationen und Folgen der KHK aufgeklärt werden. Hilfreich wäre hierbei zunächst eine dezidierte Aufklärung bei der klinischen Entlassung bezüglich Risiken und Umgang mit der Erkrankung.