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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Sekundärdatenanalyse zur Verordnungshäufigkeit und zu potentiellen Ursachen einer antiretroviralen Therapie

Meeting Abstract

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf198

DOI: 10.3205/11dkvf198, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1980

Published: October 12, 2011

© 2011 Tomeczkowski et al.
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Hintergrund: Personen mit einer HIV-Infektion müssen eine einmal notwendig gewordene antiretrovirale Therapie (ART) kontinuierlich und lebenslang fortführen. Anhand von Krankenkassendaten soll eine Aussage zur Verordnungsdauer einer ART in Abhängigkeit zur Diagnose und anhand eines repräsentativen Apothekenpanels Aussagen zur Verordnungsdauer einer ART in Abhängigkeit vom Alter, Geschlecht und Therapieregime gemacht werden.

Material und Methoden: Ein Panel mit 1.514.373 Versicherten von verschiedenen bundesweit agierenden und nicht-fusionierten gesetzlichen Krankenkassen aus dem Jahr 2008 wurde ausgewertet. In den Kassendaten wurden Personen mit einer ART anhand des ATC Codes identifiziert (WHO ATC Code: J05AE01-04, 06-10; J05AF01-02, 04-06, 09; J05AG01, 03, 04; J05AR01-04, 06; J05AX07-09) (Viread (Tenofovir) wurde von der Analyse ausgeschlossen, da die Substanz unter dem gleichen Markennamen auch für die Behandlung der Hepatitis B zugelassen ist). Anschließend wurden die Versicherten mit ART in die Gruppen mit und ohne gesicherte HIV Diagnose eingeteilt (ICD-10: B20-24: 64,8%; R75: 0,9%; U85: 0,6%; U60-61: 14,9%; Z21: 18,8%). Um für kleine Gruppen repräsentative Aussagen zur ART machen zu können, wurde zusätzlich ein Apothekenpanel (LRx) der Firma IMS Health mit 26.815 Patienten aus dem Zeitraum von Oktober 2008 bis September 2009 ausgewertet (54% aller GKV-Patienten mit ART-Verordnungen in diesem Zeitraum). Die Auswertung der Verordnungen an nur einem Tag wurde nur für die Monate März und April durchgeführt, wodurch sichergestellt war, dass diese Personen 5 Monate vor und nach ihrer Verordnung keine weitere ART-Verordnung erhalten hatten. Die antiretrovirale Therapie wurde anhand des EPhMRA ATC-Codes J05C identifiziert. Viread (Tenofovir) wurde erneut ausgeschlossen. Personen, die aufgrund einer beruflichen Exposition eine ART erhalten hatten, waren in beiden Datenbanken nicht enthalten.

Ergebnisse: In dem Krankenkassenpanel wurden 601 Personen mit ART-Verordnungen identifiziert, von denen 465 eine gesicherte HIV-Diagnose aufwiesen (77% aller Personen mit ART-Verordnungen). 136 hatten keine gesicherte HIV-Diagnose (23% der Personen mit ART-Verordnungen). Die Verordnungsdauer der ART war in beiden Gruppen signifikant unterschiedlich (p < 0.001) (Tabelle 1 [Tab. 1]).

Bei Personen mit ART-Verordnungen ohne HIV-Diagnose konnten überwiegend Diagnosen aus der Gruppe „andere infektiöse und parasitäre Krankheiten“ festgestellt werden. Davon entfiel ein hoher Anteil auf sexuell übertragbare Erkrankungen. In dem Apothekenpanel konnten in den Monaten März und April 505 Personen mit ART-Verordnungen an nur einem Tag ermittelt werden. Diese Personen waren jünger, häufiger weiblich und erhielten häufiger Lopinavir/Ritonavir im Vergleich zu Patienten, die ihre ART-Verordnungen an mehr als einem Tag erhalten hatten.

Schlussfolgerung: Ein Viertel der Personen mit ART-Verordnung haben keine HIV-Diagnose. Patienten mit und ohne gesicherte HIV-Diagnose unterscheiden sich signifikant hinsichtlich der Dauer ihrer ART-Verordnungen. Bei Patienten ohne HIV-Diagnose erfolgt die ART-Verordnung außerhalb der Zulassung (Off-Label) bei anderen infektiösen Erkrankungen. Als Ursache kommt hier auch eine Fehlkodierung oder Betrug in Frage. In der Gruppe der Personen mit ART-Verordnungen an nur einem Tag halten wir eine Anwendung der ART zur Prävention und nicht-beruflich bedingten Postexpositionsprophylaxe für möglich.