gms | German Medical Science

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Hochpreisige Arzneimittel: Kausalitäten zwischen Markteinführung von Orphan Drugs und der Inanspruchnahme von Off-Label-Präparaten am Beispiel "Pulmonale arterielle Hypertonie"

Meeting Abstract

  • corresponding author presenting/speaker Dirk Horenkamp-Sonntag - WINEG, Hamburg, Deutschland
  • Susanne Ahrens - WINEG, Hamburg, Deutschland
  • Roland Linder - WINEG, Hamburg, Deutschland
  • Frank Verheyen - WINEG, Hamburg, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf116

DOI: 10.3205/11dkvf116, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1167

Published: October 12, 2011

© 2011 Horenkamp-Sonntag et al.
This is an Open Access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.en). You are free: to Share – to copy, distribute and transmit the work, provided the original author and source are credited.


Outline

Text

Hintergrund: Um die bei der Techniker Krankenkasse (TK) vorhandene Morbidität ihrer Versicherten zu validieren, erfolgt durch das WINEG standardmäßig ein Vergleich mit verschiedenen externen Datengrundlagen. In diesem Zusammenhang zeigte sich, dass bei ausgewählten Krankheitsentitäten überproportionale Kostenzunahmen im Arzneimittelbereich aufgetreten sind. So konnte nachgewiesen werden, dass im Zeitraum 2006 bis 2009 Arzneimittelkostenanstiege von 42,8% bei der Grunderkrankung Mukoviszidose [1], [2] bzw. von 94,1% bei der Indikation pulmonale arterielle Hypertonie (PAH) [3], [4], [5] eingetreten sind.

Material und Methoden: Um herauszufinden, welche Faktoren zu überproportionalen Kostenzuwächsen geführt haben, wurde durch das WINEG eine systematische Kostentreiberanalyse für die beispielhafte Krankheitsentität PAH durchgeführt. Hierzu wurden innerhalb der TK-Datengrundlage Patientengruppen identifiziert, bei denen im Leistungsverlauf bestimmte Krankheits-Diagnosen und / oder medizinische Leistungsinanspruchnahmen dokumentiert waren. Innerhalb dieses krankheitsspezifischen Versichertenkollektivs wurden detailliert Analysen des versichertenbezogenen Arzneimittelverbrauchs über den Zeitraum 2007–2010 durchgeführt und nach Wirkstoffen differenziert ausgewertet. Berücksichtigt wurden nicht nur PAH-Orphan Drugs (Tracleer, Volibris, Thelin, Revatio, Adcirca und Ventavis), sondern auch PAH-Off-Label-Use-Präparate (z.B. Viagra).

Ergebnisse: Bei TK-Versicherten, die zur Therapie der PAH entsprechende Arzneimittel beziehen und seit mindestens 2006 entsprechende Diagnosen im Leistungsverlauf haben (ambulante und /oder stationäre ICD I27, I50.0, J43 und /oder J44), gibt es einen Anstieg der Arzneimittelgesamtkosten pro Versichertem in Höhe von 169,4% von 2006 zu 2010. Dies resultiert in erster Linie aus einer Kombination von Preis- und Strukturkomponenten: Zunahme der Kosten je DDD um 69,9% insgesamt, hauptsächlich bedingt durch Revatio (+73,3%), Ventavis (+69,5%) und Tracleer (+40,7%). Die Mengenkomponente spielt eine sekundäre Rolle: Zunahme der DDD pro Versichertem um 39,4% insgesamt, in erster Linie durch Tracleer (+173,4%) und Revatio (+209,6%).

Hinsichtlich der Off-Label-Use-Inanspruchnahme bei der medikamentösen Therapie der PAH fällt eine deutlicher Rückgang auf. In 2006 hatten 26,1% aller PAH-Versicherten mindestens ein Off-Label-Use-Präparat in Anspruch genommen, in 2010 lag der Anteil bei 9,5%.

Schlussfolgerung: Die Interpretation der Ergebnisse ist komplex, da sich ökonomische, medizinische und ordnungspolitische Effekte überlagern. Neben Änderungen infolge gesetzgeberischer Maßnahmen wie z.B. der Erhöhung der Mehrwertsteuer zum 01.01.2007 oder der Einführung des GBA-Zweitmeinungsverfahrens [6] bei besonderen Arzneimitteln zum 28.03.2009 sind wettbewerbliche Aktivitäten von Arzneimittelherstellern zu berücksichtigen. Davon zu trennen ist die epidemiologische Zunahme von Morbidität infolge des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts in Verbindung mit modifizierten Indikationsstellungen beim Einsatz von Arzneimitteltherapien. Trotzdem muss kritisch hinterfragt werden, warum für die seltene Erkrankung PAH mit einer externen Prävalenz von 1,5/100.000 [7] sechs Orphan-Drugs unterschiedlicher Arzneimittelhersteller im Zeitraum 2002–2009 zugelassen worden sind. Auffällig ist, dass im TK-Versichertenkollektiv die interne Prävalenz (8,4/100.000) um den Faktor 5,6 erhöht ist, was als Hinweis auf eine massive Indikationsausweitung interpretiert werden kann.


Literatur

1.
Horenkamp-Sonntag, et al. Versorgung von Mukoviszidose-Patienten in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern. Gemeinsamer Kongress der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) und der European Union of Medicine in Assurance and Social Security (EUMASS), 21.-25.09.2010 in Berlin. (Abstract und Vortrag)
2.
Horenkamp-Sonntag, et al. Versorgung von Patienten mit Cystischer Fibrose im europäischen Vergleich. 55. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), 05.-09.09.2010 in Mannheim. (Abstract und Vortrag)
3.
Horenkamp-Sonntag, et al. Kostentreiberanalyse von Arzneimitteln bei ausgewählten chronischen Erkrankungen auf Basis von GKV-Routinedaten. Jahreskonferenz 2011 der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie e.V. (DGGÖ), 21.-22.03.2011 in Bayreuth. (Abstract und Vortrag)
4.
Horenkamp-Sonntag, et al. Systematische Analyse von ATC-Zuordnungsfehlern in GKV-Routinedaten und deren ökonomische Auswirkung auf Arzneimittelkostenanalysen. AGENS-Methodenworkshop, veranstaltet von der Arbeitsgruppe „Erhebung und Nutzung von Sekundärdaten“ (AGENS) der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) und der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) in Kooperation mit der PMV-Forschungsgruppe und dem ZVFK-Zentrum für Versorgungsforschung Köln, 14.-15.04.2011 in Köln. (Abstract und Vortrag)
5.
Linder, et al. Analysen des WINEG zu den Auswirkungen des G-BA-Zweitmeinungsverfahrens bei besonderen Arzneimitteln auf die Versorgung von Patienten mit pulmonaler Hypertonie. 9. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung und 5. Jahrestagung Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., 30.09.-02.10.2010 in Bonn (Abstract und Poster)
6.
Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Änderung der Arzneimittel-Richtlinie in Anlage 13 / Verordnung besonderer Arzneimittel vom 22. Januar 2009: Richtlinie über die Verordnung von Arzneimitteln in der vertragsärztlichen Versorgung (Arzneimittel-Richtlinie)
7.
Orphanet Berichtsreihe: Orphan Drugs Datenerhebung (Oktober 2010) und Seltene Krankheiten Datenerhebung (November 2010). Available from: http://www.orpha.net/consor/cgi-bin/Education_Home.php?lng=DE External link