gms | German Medical Science

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Der medizinische Nutzen als Kriterium für eine Priorisierung in der Onkologie: qualitative Stakeholderinterviews

Meeting Abstract

Search Medline for

  • corresponding author presenting/speaker Marina Otten - Jacobs University, Bremen, Deutschland
  • Margrit Schreier - Jacobs University, Bremen, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf050

DOI: 10.3205/11dkvf050, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf0504

Published: October 12, 2011

© 2011 Otten et al.
This is an Open Access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.en). You are free: to Share – to copy, distribute and transmit the work, provided the original author and source are credited.


Outline

Text

Hintergrund: Der Bereich der Onkologie ist unter anderem bekannt für eine hohe Mortalität und Morbidität sowie für hohe Kosten und starke Nebenwirkungen. Auch hier machen sich die aktuellen Probleme des Gesundheitswesens, wie der demografische Wandel, medizinische Innovationen und dem daraus resultierenden Kostendruck, bemerkbar. Es ist absehbar, dass in Zukunft nicht mehr alle bisherigen Leistungen für alle gesetzlich Krankenversicherten finanziert werden können, was eine explizite Prioritätenbildung bzw. Auswahlentscheidung notwendig macht.

Das Ziel dieser Erhebung ist es, Präferenzen von verschiedenen Personengruppen empirisch zu untersuchen und deren Kriterien hinsichtlich der Verteilung medizinischer Leistungen in der Onkologie zu erheben.

Material und Methoden: Es wurden 16 teilstrukturierte Interviews mit unterschiedlichen Stakeholdern (acht Patienten, drei Onkologen, drei Mitarbeiter des Pflegepersonals sowie jeweils ein Verwaltungsmitarbeiter bzw. Vertreter der Krankenkassen) durchgeführt. Dabei wurden unter anderem ihre Meinungen über die Verteilung finanzieller Mittel im Gesundheitswesen in Relation zur Onkologie sowie innerhalb der Onkologie erhoben. Ihre Einstellungen zur evidenzbasierten Medizin und zur Berücksichtigung von Kosten bei der Überlegung, ob eine Behandlung durchgeführt wird oder nicht, wurden untersucht. Die Interviews wurden daraufhin vollständig transkribiert sowie inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse: Der medizinische Nutzen stellte einen Hauptfaktor für Entscheidungen in den o.g. Bereichen dar. Ein erster Schwerpunkt der Befragten lag auf dem therapeutischen Nutzen und insbesondere auf der Wirksamkeit einer Therapie, der von der Mehrzahl der Befragten über alle Stakeholdergruppen hinweg als zentrales Kriterium für die Finanzierung einer therapeutischen Maßnahme angesetzt wurde. Allerdings wurde dieses Kriterium zwar als notwendig, nicht jedoch als hinreichend angesehen. Ergänzende Kriterien, die im Zusammenhang mit dem therapeutischen Nutzen betrachtet wurden, umfassten u.a.: Nutzen für den einzelnen Patienten, Heilungschancen, Zustand des Patienten, Lebensqualität und Nebenwirkungen einer Behandlung. Auch die Dringlichkeit einer Behandlung und die Lebensverlängerung, die ein Patient durch sie erzielt, spielte bei der Entscheidung eine wichtige Rolle. Diese Kriterien wurden von den unterschiedlichen Stakeholdern recht einheitlich gehandhabt, sie argumentierten jedoch aus ihrer jeweiligen interessengebundenen Sicht als Stakeholder heraus.

Schlussfolgerung: Die Erhebung zeigt, dass der medizinische Nutzen in der Onkologie eine besondere Rolle bei der Überlegung spielt, welche Behandlung an welchem Patienten durchgeführt wird. Dabei wird nicht nur der Nutzen oder die Wirksamkeit der Therapien betrachtet, sondern der individuelle Patient rückt in den Mittelpunkt. Diese Untersuchung macht zusätzlich deutlich, dass sich unterschiedliche Interessengruppen zwar hinsichtlich der Bedeutung eines Entscheidungskriteriums einig sein können, sie die Situation allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Zu der Frage, inwieweit diese unterschiedlichen Perspektiven eventuelles Konfliktpotenzial beinhalten, sind weitere Untersuchungen erforderlich.