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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Bürgerkonferenz zur Priorisierung in der Medizin: Was können wir von Bürgern lernen?

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Sabine Stumpf - Seniorprofessur für Bevölkerungsmedizin, Universität Lübeck, Lübeck, Deutschland
  • author Heiner Raspe - Seniorprofessur für Bevölkerungsmedizin, Universität Lübeck, Lübeck, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf036

DOI: 10.3205/11dkvf036, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf0362

Published: October 12, 2011

© 2011 Stumpf et al.
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Hintergrund: Die Debatte über Priorisierung in der medizinischen Versorgung gewinnt in Deutschland zunehmend an Fahrt – bislang jedoch fast ausschließlich in Fachkreisen. Politik und Kostenträger vermeiden nach wie vor einen öffentlichen Diskurs. Gerade die Frage nach Grundwerten und Kriterien, die einer Priorisierung zugrunde liegen sollen, kann jedoch nicht durch Fachwissen allein entschieden werden. Die Klärung solcher ethischer Fragen bedarf vielmehr eines gesellschaftlichen Konsenses ([1], vgl. auch [2], [3]). Aus diskursethischer Sicht haben Betroffene ein legitimes Recht, an solchen Debatten teilzuhaben [4]. Zudem können Bürgerinnen und Bürger (als Laien) Probleme aus einer Alltags- bzw. Betroffenenperspektive bearbeiten und so zu anwendungsorientierteren Lösungen kommen als Experten [5], [6].

Dieser Beitrag untersucht, ob Bürgerinnen und Bürger auch zur bislang nur in Fachkreisen geführten Priorisierungsdebatte einen eigenständigen inhaltlichen Beitrag leisten können.

Material und Methoden: In Lübeck wurde 2010 eine Bürgerkonferenz zur Priorisierung durchgeführt. Vorbild hierfür ist die in den 90er Jahren in Dänemark entwickelte Konsensuskonferenz [7]. 19 Bürgerinnen und Bürger Lübecks (7 ♀, 12♂; Alter Ø=53) haben sich an vier Wochenenden zwischen Mai und Juli 2010 mit Unterstützung eines professionellen Moderators intensiv in die Problematik der Priorisierung eingearbeitet, gemeinsam Argumente diskutiert und neun Experten befragt. Zum Abschluss haben sie ihre Empfehlungen zu Prozessen und Kriterien der Priorisierung in einem Bürgervotum festgehalten.

Ein Vergleich der Inhalte des Lübecker Bürgervotums mit den Berichten anderer Gremien (Parlamentskommissionsbericht in Schweden und Norwegen sowie Stellungnahmen der ZEKO [8], [9]) sowie mit regionalen und nationalen Bevölkerungsumfragen (nationaler Bevölkerungssurvey [10]; und eigener Lübecker Survey) soll Aufschluss über einen inhaltlichen Beitrag der Konferenz zur Priorisierungsdebatte geben. Dazu werden mit Hilfe einer inhaltsanalytischen Textanalyse jeweils Priorisierungsbegriffe sowie Empfehlungen zu Priorisierungskriterien identifiziert und verglichen.

Ergebnisse: Viele der von den Lübecker Bürgern identifizierten Grundwerte und Kriterien zur Priorisierung sind bereits von früheren Gremien und/oder in der Fachliteratur diskutiert worden. Die Ergebnisse der Bürgerkonferenz zeigen, dass viele dieser Werte und Kriterien auch aus Bürgersicht konsensfähig sind. Darüber hinaus werden besondere Akzente gesetzt: Dies sind z.B. die Forderungen, auch in der Priorisierung interkulturelle Unterschiede zu berücksichtigen, weiterhin Forschung und Entwicklung in der Medizin zu fördern sowie systematische Nachteile bestimmter Patienten(gruppen) auszugleichen.

Insgesamt fordern die Teilnehmer einen breiten öffentlichen Diskurs über Priorisierung in der Medizin unter Berücksichtigung relevanter Berufsgruppen und Stakeholder. Sie betonen, dass dadurch gesellschaftliche und politische Prozesse transparenter und Entscheidungen nachvollziehbarer werden könnten. Dies könne das Vertrauen und die Akzeptanz im Gesundheitssystem vergrößern.

Schlussfolgerung: Über ihren inhaltlichen Beitrag hinaus zeigt die Lübecker Bürgerkonferenz, dass Bürgerinnen und Bürger sich aktiv an der Debatte um Priorisierung in der Medizin beteiligen wollen und können. Damit räumt sie die Argumente der Politik aus, die Priorisierungsproblematik sei zu komplex für Bürgerinnen und Bürger und überdies zu schwer zu vermitteln, um sie öffentlich zu diskutieren.


Literatur

1.
Meyer T. Zusammenhang zwischen Priorisierung und Rationierung - zwei Modelle. ZEFQ. 2009;103(2): 80-4.
2.
Daniels N. Accountability for reasonableness: Establishing a fair process for priority setting is easier than agreeing on principles. BMJ. 2000;321:1300-1.
3.
Daniels N, Sabin JE. Accountability for reasonabless: an update. BMJ. 2008;337:1850.
4.
Schicktanz S. Bürger als Experten? Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Bürgerbeteiligung am bioethischen Diskurs. In: Graumann S, Grüber K, eds. Biomedizin im Kontext. Beiträge aus dem Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft – Band 3. Berlin: Lit Verlag; 2006. p. 105-129.
5.
Saretzki T. Demokratisierung von Expertise? Zur politischen Dynamik der Wissensgesellschaft. In: Klein A, Schmalz-Bruns R, eds. Politische Beteiligung und Bürgerengagement in Deutschland – Möglichkeit und Grenzen. Baden-Baden: Nomos; 1997. p. 277-313.
6.
Andersen I-E, Jæger B. Scenario workshops and consensus conferences: Towards more democratic decision-making. Science and Public Policy. 1999;26(5):331-340.
7.
Hendriks CM. Consensus Conferences and Planning Cells - Lay Citizen Deliberations. In: Gastil J, Levine P, eds. The Deliberative Democracy Handbook - Strategies for Effective Civic Engagement in the Twenty-First Century. San Francisco: Jossey-Bass; 2005. p. 80-110.
8.
ZEKO. Prioritäten in der medizinischen Versorgung im System der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV): Müssen und können wir uns entscheiden? DÄB. 2000;9(15):1017-1023.
9.
ZEKO. Priorisierung medizinischer Leistungen im System der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). DÄB. 2007;104(40):1-5.
10.
Diederich A, Schreier M. Einstellungen zu Priorisierungen in der medizinischen Versorgung: Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung. FOR655 Working-Paper Nr. 27. 2010(4).