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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Lokalisation von Sprachfunktionen

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Lisa Bartha-Doering - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppHA1

DOI: 10.3205/11dgpp80, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp808

Published: August 18, 2011

© 2011 Bartha-Doering.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Zentrales Anliegen der sieben Forschungsarbeiten, die dieser kumulativen Habilitationsschrift zugrunde liegen, ist es, mithilfe verschiedener Ansätze einen Beitrag zum Verständnis der neuronalen Architektur von Sprache bei Gesunden wie auch bei sprachbeeinträchtigten Patienten zu liefern.

Material und Methoden: In den sieben Studien der kumulativen Habilitationsschrift wurde deshalb die Lokalisation von Sprache aus drei verschiedenen Blickwinkeln untersucht. Zwei Läsionsstudien weisen auf die linguistische Funktion definierter Hirnareale hin, zwei Syndromstudien stellen die Beziehung zwischen bestimmten linguistischen Defiziten und Läsionen dar, und drei weitere Studien geben mithilfe von verschiedenen Lokalisationsverfahren wie der elektrokortikalen Stimulation und dem fMRT Aufschluss über die individuelle Sprachlokalisation bei Gesunden und Patienten.

Ergebnisse: Die vorliegende Habilitationsschrift belegt, dass nicht nur laterale, sondern auch mesiale Anteile des Temporallappens der sprachdominanten Hemisphäre, einschließlich des Hippokampus, am Netzwerk der semantischen Sprachverarbeitung bei Gesunden beteiligt sind. Sie zeigt desweiteren, dass Läsionen in temporomesialen Arealen zu bleibenden semantischen Sprachdefiziten führen können. Zusätzlich stellt sie dar, dass Läsionen in distinkter Lokalisation und sogar in der kontralateralen Hemisphäre ähnliche linguistische Defizite verursachen, und umschriebene Läsionen gleicher Lokalisation zu unterschiedlichen linguistischen Defiziten führen können.

Diskussion: Diese Befunde verweisen auf eine große interindividuelle Variabilität der Sprachrepräsentation bei Gesunden und neurologischen Patienten. So betonen sie die Wichtigkeit der individuellen Lokalisation von Sprachfunktionen vor neurochirurgischen Eingriffen.


Text

Einleitung und Hintergrund

Zentrales Anliegen der Forschungsarbeiten, die der kumulativen Habilitationsschrift zugrunde liegen, ist es, mithilfe verschiedener Ansätze einen Beitrag zum Verständnis der neuronalen Architektur von Sprache bei Gesunden wie auch bei neurologischen Patienten zu liefern.

Material und Methoden

Die in der Habilitationsschrift enthaltenen Arbeiten untersuchten deshalb die Lokalisation von Sprache aus drei verschiedenen Blickwinkeln. Läsionsstudien wiesen auf die linguistische Funktion definierter Hirnareale hin, Syndromstudien auf die Beziehung zwischen bestimmten linguistischen Defiziten und Läsionen, und die Anwendung verschiedener Lokalisationsverfahren gab Aufschluss über die individuelle Sprachlokalisation bei Gesunden und Patienten.

Im ersten Teil der Habilitationsschrift wurden zwei verschiedene Verfahren beschrieben und angewandt, um Sprachfunktionen bei Gesunden und bei Patienten zu lokalisieren. In einer fMRT-Studie wurde gezeigt, dass die hippokampalen Formationen bei gesunden Rechts- und Linkshändern eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Sprache spielen [1]. In einer weiteren fMRT-Studie wurden diese Ergebnisse validiert und auf Patienten mit mesialer Temporallappen-Epilepsie (TLE) erweitert [2]. Eine zusätzliche Studie beschrieb das Verfahren der intraoperativen kortikalen Stimulation zur individuellen Lokalisation von Sprachfunktionen bei Patienten mit Tumoren im Sprachareal [3]. Hier wurde gezeigt, dass intra- und perioperatives Sprachmonitoring zum Erhalt von Sprache beitragen kann.

Im zweiten Teil der Habilitationsschrift beschäftigten sich zwei Syndromstudien mit der Lokalisation von umschriebenen sprachlichen Defiziten. In einer ersten Studie wurden linguistische Charakteristik und Läsionslokalisationen bei Patienten mit Leitungsaphasie beschrieben [4]. Hier wurde gezeigt, dass Läsionen im posterioren Temporallappen und inferioren Parietallappen der linken Hemisphäre häufig eine chronische Leitungsaphasie verursachen. In einer weiteren Syndromstudie wurden drei rechtshändige Patienten präsentiert, die eine Leitungsaphasie nach rechtsseitiger Läsion aufwiesen [5]. Dieses Syndrom der gekreuzten Aphasie mit Hinweis auf eine atypische, rechtsseitige Sprachlateralisation bei rechtshändigen Patienten wurde in dieser Arbeit in Zusammenschau mit den assoziierten kognitiven Defiziten diskutiert.

Im dritten Teil der Habilitationsschrift wurden Untersuchungen zu linguistischen Defiziten bei umschriebenen Läsionen im mesialen Temporallappen dargestellt. In einem ersten Schritt wurden interiktale linguistische Fähigkeiten bei Patienten mit unilateraler, mesialer TLE untersucht und semantische Sprachdefizite bei diesen Patienten aufgezeigt [6]. In einer weiteren Läsionsstudie wurden zum ersten Mal linguistische Defizite nach einem umschriebenen epilepsiechirurgischen Eingriff, der selektiven Amygdalo-Hippokampektomie, dargestellt [7]. Mit diesen Arbeiten schloss sich der Bogen zum ersten Teil der Habilitationsschrift, denn es konnte mit funktioneller Bildgebung und mit Läsionsstudien gezeigt werden, dass der mesiale Temporallappen inklusive der hippokampalen Formation speziell der linken Hemisphäre eine wichtige Rolle beim Verarbeiten von Sprache spielt und somit Teil des Sprachnetzwerkes ist.

Ergebnisse

Die vorliegenden Arbeiten belegen anhand von Läsionsstudien und der Anwendung von verschiedenen Lokalisationsverfahren, dass nicht nur laterale, sondern auch mesiale Anteile des Temporallappens der sprachdominanten Hemisphäre, einschließlich des Hippokampus und des parahippokampalen Gyrus, am Netzwerk der semantischen Sprachverarbeitung bei Gesunden beteiligt sind. Sie zeigen desweiteren, dass Läsionen in temporomesialen Arealen zu bleibenden semantischen Sprachdefiziten führen können, sodass diese temporomesialen Areale nicht nur fakultativ an der semantischen Sprachverarbeitung beteiligt sind, sondern essenziell wichtig für ein funktionierendes semantisches Sprachnetzwerk bei vielen neurologischen Patienten sind.

Die Forschungsarbeiten aus dieser Habilitationsschrift zeigen desweiteren in Übereinstimmung mit der Literatur mithilfe von Symptom- und Syndromstudien, dass Läsionen in distinkter Lokalisation und sogar in der kontralateralen Hemisphäre ähnliche linguistische Defizite verursachen können, und umschriebene Läsionen gleicher Lokalisation zu unterschiedlichen linguistischen Defiziten führen können.

Diskussion

Diese Befunde verweisen auf eine große interindividuelle Variabilität der Sprachrepräsentation bei neurologischen Patienten. Diese Ergebnisse werden unterstrichen durch die individuellen Befunde aus der intraoperativen Stimulation. So betonen sie die Wichtigkeit der individuellen Lokalisation von Sprachfunktionen vor neurochirurgischen Eingriffen.


Literatur

1.
Bartha L, Brenneis C, Schocke M, Trinka E, Köylü B, Trieb T, Kremser C, Jaschke W, Bauer G, Poewe W, Benke T. Medial temporal lobe activation during semantic language processing: fMRI findings in healthy left- and right-handers. Brain Res Cogn Brain Res. 2003;17(2):339-46. DOI: 10.1016/S0926-6410(03)00135-6 External link
2.
Bartha L, Marien P, Brenneis C, Trieb T, Kremser C, Ortler M, Walser G, Dobesberger J, Embacher N, Gotwald T, Karner E, Köylü B, Bauer G, Trinka E, Benke T. Hippocampal formation involvement in a language-activation task in patients with mesial temporal lobe epilepsy. Epilepsia. 2005;46(11):1754-63. DOI: 10.1111/j.1528-1167.2005.00292.x External link
3.
Bartha L, Knosp E, Pfisterer W, Benke T. Intra- and perioperative monitoring of language functions in patients with tumours in the left perisylvian area. Aphasiology. 2000;14:779-93. DOI: 10.1080/026870300412205 External link
4.
Bartha L, Benke T. Acute conduction aphasia: an analysis of 20 cases. Brain Lang. 2003;85(1):93-108. DOI: 10.1016/S0093-934X(02)00502-3 External link
5.
Bartha L, Mariën P, Poewe W, Benke T. Linguistic and neuropsychological deficits in crossed conduction aphasia. Report of three cases. Brain Lang. 2004;88(1):83-95. DOI: 10.1016/S0093-934X(03)00281-5 External link
6.
Bartha L, Benke T, Bauer G, Trinka E. Interictal language functions in temporal lobe epilepsy. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2005;76(6):808-14. DOI: 10.1136/jnnp.2004.045385 External link
7.
Bartha L, Trinka E, Ortler M, Donnemiller E, Felber S, Bauer G, Benke T. Linguistic deficits following left selective amygdalohippocampectomy: a prospective study. Epilepsy Behav. 2004;5(3):348-57. DOI: 10.1016/j.yebeh.2004.02.004 External link