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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Das Tracheostoma und die Trachealkanüle – Reflexion durch Pflegekraft und Patient

Vortrag

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Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV16

DOI: 10.3205/11dgpp25, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp254

Published: August 18, 2011

© 2011 Müller et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: In der Literatur wird vorwiegend Stellung zu Indikation, Operationsverfahren und Komplikationen einer Tracheotomie bezogen. Ziel der vorliegenden Untersuchung war die Darstellung von Problemen der fachgerechten Versorgung und der psychosozialen Belastung der Patienten.

Material und Methoden: 93 Pflegekräfte eines Universitätsklinikums, einer Rehabilitationseinrichtung, einer Kurzzeitpflege und eines Pflegedienstes erhielten einen Fragebogen zum Umgang mit tracheotomierten Patienten und 71 Patienten einen Fragebogen zum Tracheostoma, zur Lebensqualität, zu Angst und Depression, zur Krankheitsverarbeitung.

Ergebnisse: 21 Pflegekräfte hatten an einer Weiterbildung für Tracheostomapflege teilgenommen. Der Kanülenwechsel wurde von 63 Befragten jeden dritten Tag oder seltener ausgeführt. Schwierigkeiten im Umgang mit Kanülenpatienten werden ausgewertet. Patienten mit einem Tracheostoma weisen eine herabgesetzte Lebensqualität auf. 38% akzeptierten das Tracheostoma nicht. Tracheotomierte haben eine höhere Angst- und Depressionssymptomatik. Patienten mit medizinischen Ansprechpartnern zeigen eine signifikant höhere positive Krankheitsverarbeitung.

Diskussion: Eine enge Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Logopäden, Pflegekräften, Patienten und Angehörigen ist erforderlich. Patienten mit Kehlkopf und Tracheostoma sollten mit einer Kanüle mit Sprechfunktion versorgt, zur selbständigen Pflege des Tracheostomas angehalten werden und einen medizinischen Ansprechpartner haben.


Text

Hintergrund

In der Literatur wird bei Darstellung einer Tracheotomie vorwiegend Stellung zu Indikation, Operationsverfahren und Komplikationen einer Tracheotomie bezogen. Ziel der vorliegenden Untersuchung war die Diskussion von Problemen der fachgerechten Versorgung und der psychosozialen Belastung der Patienten.

Material und Methoden

93 Pflegekräfte aus Krankenhaus (34), Rehabilitationseinrichtung (17), Kurzzeitpflege (16) und Pflegeheim (26) füllten einen neu erstellten zweiseitigen Fragebogen für Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen aus. Dieser umfasste die Kategorien Angaben zur Person, Ablauf der Pflege am Tracheostoma, Beurteilung der Komplikationsrate bei der Stomapflege, Sicherheit im Umgang mit der Kanüle, Schwierigkeiten in der Betreuung von Tracheostomapatienten, Beurteilung der medizinischen Versorgung, Schilderungen von Verbesserungsmöglichkeiten.

71 Patienten beantworteten vier Fragebögen:

1.
Neu erstellter Tracheostomafragebogen mit 20 Fragen in Anlehnung an die deutsche Version des St. Georges Respiratory Questionaire [1] zu den Kategorien: anamnestische Angaben zum Tracheostoma, Produktausstattung, Tracheostomapflege, notwendige Unterstützung, medizinische Versorgung, psychische Belastung und Akzeptanz, alltägliche Einschätzungen, Schwierigkeiten in der Handhabung
2.
Kurzform des Fragebogens zur Lebensqualität der WHO (WHOQOL-BREF) [2]
3.
Deutsche Version der Hamilton Anxiety and Depression Scale (HA DS-D) [3]
4.
Kurzform des Freiburger Fragebogens zur Krankheitsbearbeitung (FKV-LIS-SE) [4]

Ergebnisse

Pflegekräfte

Das Durchschnittsalter betrug 32,4 Jahre (20–55 Jahre). 21 (23,1%) der Pflegekräfte hatten an einer Ausbildung für Tracheostomapflege teilgenommen. Der Kanülenwechsel wurde von 63 (69,2%) Befragten jeden dritten Tag oder seltener, von 6 (6,6%) Teilnehmern jeden zweiten Tag und von 22 (24,2%) Personen jeden Tag durchgeführt. Es wurde eine mittlere Zeit von 17 min für einen Kanülenwechsel mit Tracheostomapflege benötigt. Es wurde eingeschätzt, dass Trachealkanülenpatienten eine intensivere Betreuung als andere Patienten des jeweiligen Arbeitsbereiches benötigen. Kenntnisse zum Grund eines angelegten Tracheostomas und Kanülenart bestanden. Das Gefühl der Unsicherheit beim Kanülenwechsel ist bei Vorhandensein einer gezielten Ausbildung signifikant erniedrigt, bei Nichtvorliegen einer Ausbildung jedoch signifikant erhöht. Der Standard einzelner Einrichtungen zum Trachealkanülenwechsel differiert erheblich. Beim Kanülenwechsel treten Komplikationen mit 35%-iger Häufigkeit auf. Als Verbesserungsvorschläge wurden gezielte Ausbildung und Notfallmanagement im Bereich Tracheostomapflege durch HNO-Ärzte und Tracheostomafirmen, bessere Information und Anleitung von Patienten und Angehörigen, intensivere Betreuung der Patienten durch HNO-Ärzte im ambulanten Bereich, logopädische, ergotherapeutische und psychologische Betreuung der Patienten genannt.

Patienten

Patienten mit einem Tracheostoma weisen eine herabgesetzte Lebensqualität auf. 38% akzeptierten das Tracheostoma nicht. 50% benötigen bei der Tracheostomapflege Hilfestellung durch Angehörige oder einen ambulanten Pflegedienst. Die Betroffenen haben mehrheitlich Probleme beim Sprechen und eine starke Schleimbildung. Eine verlängerte Zeit zum Waschen und Anziehen, Einschränkungen bei der Auswahl der Kleidung sowie eine vermehrte Anstrengung bei Hausarbeit und Treppen steigen sind zu verzeichnen. Die Patienten klagen über Hustenanfälle und fühlen sich Invalide. Die psychische Belastung durch das Tracheostoma wird als mittelgradig eingeschätzt. Tracheostomapatienten mit Sprechkanüle haben eine signifikant höhere Lebensqualität als jene mit Kanüle ohne Sprechfunktion. Sie weisen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine höhere ängstliche und depressive Symptomatik auf. Tracheotomierte, die fremde Hilfe bei der Tracheostomapflege bedürfen, weisen eine signifikant höhere ängstliche und depressive Symptomatik gegenüber Patienten auf, die ihr Tracheostoma selbst pflegen. Patienten mit medizinischen Ansprechpartnern zeigen eine signifikant höhere positive Krankheitsverarbeitung. Nur bei ca. einem Drittel der Patienten ist ein Verschluss des Tracheostomas in der Folgezeit möglich.

Diskussion

Eine enge Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Logopäden, Pflegekräften, Patienten und Angehörigen ist erforderlich. Der Einsatz von mehr Fachschwestern für Tracheostomala im stationären Bereich ist anzustreben. Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen sollten Kenntnisse über mögliche Komplikationen und notwendige Maßnahmen zur Beseitigung dieser besitzen. Sinnvoll ist ein umfangreicherer Einsatz von Psychologen in der postoperativen Betreuung der Patienten. Ein rechtzeitiges Erkennen und Behandeln einer ängstlichen und depressiven Symptomatik ist erforderlich. Patienten mit Kehlkopf und Tracheostoma sollten mit einer Trachealkanüle mit Sprechfunktion versorgt werden. Tracheotomierte sollten zur selbstständigen Pflege des Tracheostomas angehalten werden und einen medizinischen Ansprechpartner haben.


Literatur

1.
Jones PW, Quirk FH, Baveystock CM. The St. George's Respiratory Questionaire. Respir Med. 1991;85:25-31. DOI: doi:10.1016/S0954-6111(06)80166-6 External link
2.
WHOQOL-Group. Development of the World Health Organisation WHOQOL-BREF quality of life assessment. Psychol. Med. 1988;28(3):551-8.
3.
Zigmond AS, Snaith RP. The hospital anxiety and depression scale. Acta Psychiatr Scand. 1963;67:361-70. DOI: doi:10.1111/j.1600-0447.1983.tb09716.x External link
4.
Muthny FA. Freiburger Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung FKV. Beltz-Test-Verlag; 1989.