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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Entwicklung und Validierung des Frankfurter Dysphagiescreenings (FraDySc) für Patienten mit Kopf-Hals-Tumor nach Tumorresektion – erste Ergebnisse

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppV06

DOI: 10.3205/11dgpp09, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp097

Published: August 18, 2011

© 2011 Hey et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Eine Dysphagie ist häufig Folge von Kopf-Hals-Tumor-Erkrankungen. Ein zuverlässiges Dysphagiescreening für diese Patienten besteht derzeit nicht. Ziel dieser Studie ist die Entwicklung und Validierung eines Screenings zur Detektion einer therapierelevanten Dysphagie für Kopf-Hals-Tumor-Patienten nach Tumorresektion.

Material und Methoden: Das Dysphagiescreening FraDySc enthält die Überprüfung schluckrelevanter Teilfunktionen und einen definierten Wasserschlucktest. FraDySc wird von 2 Therapeuten unabhängig durchgeführt. Als Referenz dient die endoskopische Dysphagieevaluation FEES® n. Langmorestandard. Seit November 2010 wurden 23 Kopf-Hals-Tumor Patienten (Stage II–IV) nach Tumorresektion erfasst. Ausschlusskriterien waren eine zuvor bekannte Dysphagie oder neurologische Erkrankungen. Bestimmt wurden bisher die Interraterreliabilität und die Übereinstimmung des Pass/Fail Ergebnisses von FraDySc und FEES®.

Ergebnisse: Die Interraterreliabilität der ersten Untersuchungen bezüglich des Gesamtergebnisses von FraDySc ist optimal (Cohen’s κ=1.00, p<.001) und die Übereinstimmung von FraDySc und FEES® exzellent (Cronbach’s α=.949).

Diskussion: Die ersten Ergebnisse dieser Studie versprechen mit FraDySc ein sehr gutes Instrument zur validen und zeiteffizienten Identifikation von Patienten mit einer therapierelevanten Schluckstörung und damit dem Bedarf einer Frührehabilitation nach Tumorresektion.


Text

Hintergrund

In Deutschland liegt die Inzidenz für eine onkologische Erkrankung im Kopf-Hals-Bereich bei über 13.500 Patienten, mit einer 5-Jahres Überlebensrate von 47,8% [1]. Dabei erkranken 10.400 an einem Tumor im Bereich der Cavitas oris und des Pharynx (7.800 Männer, 2.600 Frauen) und knapp 3.500 im Bereich des Larynx (2.800 Männer, 450 Frauen) [2], [3]. In Abhängigkeit von Größe, Sitz und Art der notwendigen Therapie entwickeln bis zu 88% der betroffenen Patienten eine Schluckstörung [4]. Im Falle von Sekundärkomplikationen wie Malnutrition, Dehydratation und Aspirationspneumonie besteht eine erhöhte Morbidität [5], [6]. Ist die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr durch eine Schluckbeeinträchtigung nicht möglich oder deutlich reduziert, bedeutet das neben dem Verlust an Lebensqualität [7], [8], [9], [10] auch hohe Kosten für das Gesundheitssystem [11].

Zur bestmöglichen Wiederherstellung des Schluckvermögens ist eine frühzeitige Dysphagiediagnostik mit zügigem Rehabilitationsbeginn notwendig. Die beiden Goldstandards der apparativen Dysphagiediagnostik sind die fiberoptisch endoskopische Evaluation des Schluckvorganges (FEES) nach Langmore-Standard [12] bzw. die videofluoroskopische Studie des Schluckvorganges (VFSS) nach Logemann [13]. Im Allgemeinen sind diese beiden Diagnostikverfahren sehr personal-, apparate-, zeit- und damit kostenintensiv [14], so dass eine solche Dysphagiediagnostik nur bei den Patienten durchgeführt werden sollte, die sie tatsächlich benötigen. Ein Screeningverfahren, das in der Lage ist valide und zeiteffizient eine therapierelevante Schluckstörung zu identifizieren, wäre also wünschenswert. Für Patienten mit einem Apoplex ist die Wirksamkeit eines frühzeitig durchgeführten Dysphagiescreenings nachgewiesen [15], [16]. Im angloamerikanischen Sprachraum und auch in Deutschland wird daher die Durchführung eines Dysphagiescreenings bei Patienten mit Apoplex in den Leitlinien aufgeführt und gefordert [17], [18], [19], [20], [21]. Ein valides Dysphagie-Screeningverfahren für Patienten mit einem Kopf-Hals-Tumor liegt derzeit jedoch noch nicht vor.

Ziel dieser Studie ist daher, die Entwicklung und Validierung eines Dysphagie-Screeningverfahrens für Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren nach operativer onkologischer Therapie.

Material und Methoden

Die in Betracht kommenden Patienten wurden von Mitarbeitern des Schwerpunktes für Phoniatrie und Pädaudiologie über die Möglichkeit einer Studienteilnahme mündlich und schriftlich informiert und bei Zustimmung in die Studie einbezogen. Einschlusskriterien waren Patienten oberhalb des 18. Lebensjahres mit einem Kopf-Hals-Tumor Stadium II–IV nach Tumorresektion ohne vorangegangene bekannte Schluckstörung bzw. vorab bekannte neurologische Erkrankungen.

Seit November 2010 konnten 23 Patienten erfasst werden. Sobald aus chirurgischer Sicht eine Oralisierung möglich war, erhielten diese Patienten innerhalb von 24 Stunden zum einen das Screeningverfahren FraDySc durch zwei erfahrene Dysphagietherapeuten zum anderen im Anschluss daran eine apparative endoskopische Dysphagiediagnostik entsprechend des FEES Standards nach S. Langmore als Goldstandard.

Bestimmt wurde bei diesen 23 Patienten die Interraterreliabilität mit Cohen’s K sowie in einer ersten Untersuchung die Übereinstimmung des Screenings FraDySc mit dem Ergebnis der FEES-Untersuchung.

Ergebnisse

Die Interraterreliabilität der ersten Untersuchungen bezüglich des Gesamtergebnisses von FraDySc ist optimal (Cohen’s ĸ=1.00, p<.001) und die Übereinstimmung von FraDySc und FEES® exzellent (Cronbach’s α=.949).

Diskussion

Die ersten Ergebnisse dieser Studie versprechen mit FraDySc ein sehr gutes Instrument zur validen und zeiteffizienten Identifikation von Patienten mit einer therapierelevanten Schluckstörung und damit dem Bedarf einer Frührehabilitation nach Tumorresektion.


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