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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Erkennen SETK 3-5 und SSV alle Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen?

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV37

DOI: 10.3205/09dgpp53, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp531

Published: September 7, 2009

© 2009 Keilmann et al.
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Zusammenfassung

Einleitung: Wir untersuchten, wie sicher durch den inzwischen weit verbreiteten Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder (SETK 3-5; [1]) und dessen Kurzform SSV [2] Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen (SES) erkannt werden können.

Patienten und Untersuchungsmethoden: Bei 201 Kindern wurden die Ergebnisse dieser Diagnostika mit einer klinischen Einschätzung (incl. Sprachverständnis sensu Reynell-Skalen, Lautstatus, Wortschatz sensu AWST-R, grammatische Leistungen sensu Entwicklungsphasen nach Clahsen) verglichen.

Ergebnisse: Bei 152 Kindern wurde klinisch eine SES diagnostiziert. Ein Drittel dieser klinisch auffälligen Kinder wurde nach SETK 3-5 nicht als auffällig beurteilt. Im SSV wären nur 57% der klinisch als auffällig diagnostizierten Kinder auch als auffällig eingeschätzt worden, 26% als kontrollbedürftig und 17% wären im SSV als unauffällig diagnostiziert worden. Hohe Übereinstimmung zwischen klinischem Urteil und Diagnostik mit dem SETK 3-5 findet sich aber bei den Kindern, die als sprachlich unauffällig diagnostiziert werden.

Diskussion: Kinder mit aus klinischer Sicht altersentsprechenden Sprachleistungen werden mit dem SETK 3-5 und SSV überwiegend ebenso eingeschätzt. Bei Kindern mit schwächeren Leistungen findet man deutlichere Diskrepanzen der Ergebnisse.


Text

Einleitung

Abhängig vom Zweck einer Sprachdiagnostik, aber auch vom Entwicklungsalter des Kindes werden unterschiedlich aufwändige Verfahren eingesetzt. Ein Screening wird meist im ersten Schritt der Diagnostik eingesetzt und sollte möglichst zeitökonomisch Kinder mit einem Risiko erfassen. Es soll also festgestellt werden, ob ein Kind wahrscheinlich unter einer Sprachentwicklungsstörung leidet oder nicht. Im Screening auffällige Kinder werden in einem zweiten Schritt weiter untersucht, um zu entscheiden, ob eine Sprachtherapie notwendig ist. Ist die Indikation zur Sprachtherapie gegeben, dann erfolgt eine ausführlichere Diagnostik zur Therapieplanung. In unserer Untersuchung gingen wir der Frage nach, ob die inzwischen etablierten Verfahren SETK 3-5, ein Sprachentwicklungstest, und dessen Kurzversion SSV, ein Screening, Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen mit der nötigen Sicherheit erkennen.

Methodik

Wir untersuchten 201 fünf- und sechsjährige Kinder, die überwiegend aus der Inanspruchnahmepopulation unserer Klinik stammten (136). 65 Kinder, die noch keine Sprachtherapie hatten, wurden aus Kindertageseinrichtungen in Mainz rekrutiert. Die Eltern wurden zur Anamnese befragt, das Kind wurde ärztlich untersucht. Es wurde eine ausführliche audiometrische Untersuchung durchgeführt. Zur Einschätzung des Sprachverständnisses wurden die Reynell III Skalen in einer eigenen Übersetzung eingesetzt. Der Lautstatus wurde anhand des neuen Mainzer Lautstatus erhoben und mit den Normen von Fox und Dodd verglichen. Mit dem Ravensburger Dysgrammatikerprüfmaterial wurden sprachliche Leistungen evoziert, die nach der Profilanalyse von Clasen hinsichtlich ihrer Grammatikalität als altersentsprechend oder nicht eingeschätzt wurden. Altersabweichungen von bis zu einem halben Jahr wurden als leichtgradiger Dysgrammatismus, von bis zu einem Jahr als mittelgradiger und von über einem Jahr als Dysgrammatismus schweren Grades klassifiziert. Der Wortschatz wurde mit dem AWST-R überprüft. Ergänzend wurden die Untertests NK (Nachsprechen von Kunstwörtern) und NS (Nachsprechen von Sätzen) aus HASE eingesetzt. Alle Kinder wurden mit dem SETK 3-5, die fünfjährigen Kinder zusätzlich mit dem Marburger Sprachverständnistest für Kinder (MSVK) untersucht, der nur für diese Altergruppe normiert ist. Die Untersuchungen erfolgten an zwei oder drei Tagen. Die Eltern aller einbezogenen Kinder hatten zuvor ihr Einverständnis erklärt und wurden am Ende der Untersuchung ausführlich über die Untersuchungsergebnisse informiert. Aus den Untersuchungsergebnissen des AWST-R, der Einschätzung der Grammatik, der Einschätzung der Aussprache und dem Ergebnis aus den Reynell Skalen wurde ein Schweregrad für die Sprachentwicklungsstörung festgelegt.

Ergebnisse

In der untersuchten Klientel waren mehr jüngere Kinder unauffällig und mehr ältere Kinder auffällig. Insgesamt wiesen 49 Kinder altersentsprechende Sprachleistungen auf, 13 Kinder hatten eine isolierte Aussprachestörung und 14 Kinder eine leichte Sprachentwicklungsstörung. Bei 125 Kindern wurde eine Sprachentwicklungsstörung mittleren oder schweren Grades klinisch diagnostiziert. Für die weiteren Analysen wurden die klinischen Urteile in drei Kategorien zusammengefasst: (1) isolierte Aussprachestörungen und unauffällige Befunde (Aussprachestörungen werden in SETK 3-5 und SSV nicht erfasst), (2) leichte Sprachentwicklungsstörungen, (3) mittlere oder schwere Sprachentwicklungsstörungen, welche sicher als therapiebedürftig gelten. Die Verteilung der Schweregrade war deutlich geschlechtsabhängig. Unter den als unauffällig eingeschätzten Kindern dominierten die Mädchen, bei den Sprachentwicklungsstörungen jeden Grades die Jungen. Die Ergebnisse im SETK 3-5 korrelierten signifikant mit den klinischen Einschätzungen, Kinder mit einer mittelgradigen oder schweren Sprachentwicklungsstörung haben auch in sämtlichen Untertests die geringsten Leistungen erbracht. Kinder mit einer leichten Sprachentwicklungsstörung erreichten beim Nachsprechen von Kunstwörtern (sowohl NK aus HASE als auch PGN aus SETK 3-5) wie beim Nachsprechen von Sätzen (sowohl im NS aus HASE wie im SG aus den SETK 3-5) unterdurchschnittliche, beim Verstehen von Sätzen (VS) und bei der morphologischen Regelbildung (MR) aus dem SETK 3-5 durchschnittliche Leistungen. Die Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung mittleren oder schweren Grades erzielten zu etwa einem Drittel im Untertest MR und zu etwa einem Viertel im Untertest SG im SETK 3-5 durchschnittliche Leistungen. Klinisch unauffällige Kinder erbrachten auch bei allen Untertests des SETK 3-5 durchschnittliche Leistungen. Von den 125 Kindern mit einer mittleren oder schweren Sprachentwicklungsstörung wären 29 nach SETK-Leistung vermutlich (eine Angabe, wann eine Störung vorliegt, fehlt im SETK 3-5) als unauffällig diagnostiziert worden, da sie entweder in keinem oder nur in einem Untertest auffällige Leistungen erreichten. Beim SSV gilt ein Kind, das in beiden Untertests unterdurchschnittlich abschneidet, als auffällig. 83 der 125 klinisch als mittelgradig oder schwer sprachentwicklungsgestört eingeschätzten Kinder erbrachten auch in beiden Untertests des SSV unterdurchschnittliche Leistungen. 15 der 125 Kinder wären nach SSV als unauffällig und 27 als kontrollbedürftig eingeschätzt worden. Die klinisch unauffälligen Kinder erzielten fast ausnahmslos auch unauffällige Leistungen im SSV.

Diskussion

Unsere Untersuchung zeigt, dass die klinisch als unauffällig eingeschätzten Kinder fast ausnahmslos auch im SETK 3-5 und im SSV als unauffällig eingeschätzt werden. Im klinischen Urteil ergab sich aber ein höherer Anteil sprachauffälliger Kinder. Dies mag zum einen dadurch bedingt sein, dass SETK 3-5 und SSV nicht die Gesamtheit der sprachlichen Leistungen prüfen, so bleibt z. B. die phonologische Ebene unberücksichtigt. Eine weitere Erklärung könnte sein, dass insbesondere beim SSV Kinder mit guten Nachsprechleistungen besser abschneiden als es ihrem Sprachentwicklungsstand entspricht.


Literatur

1.
Grimm H unter Mitarbeit von Aktas M, Frevert S. Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder (SETK 3-5). Göttingen: Hogrefe; 2001
2.
Grimm H unter Mitarbeit von Aktas M, Kießig U. Sprachscreening für das Vorschulalter. Kurzform des SETK 3-5. Göttingen: Hogrefe; 2003.