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30. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2012)

11.01. - 14.01.2012, Nassfeld, Österreich

Intravaskuläres Temperaturmanagement – Eine neue Methode zur Therapie refraktärer Thermoregulationsstörungen bei schwerbrandverletzten Patienten

Meeting Abstract

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  • corresponding author C. Ottomann - Universitätsklinikum Schleswig Holstein Campus Lübeck
  • F. Siemers - Universitätsklinikum Schleswig Holstein Campus Lübeck
  • P. Mailänder - Universitätsklinikum Schleswig Holstein Campus Lübeck

Deutschsprachige Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung. 30. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2012). Nassfeld, Österreich, 11.-14.01.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dav90

DOI: 10.3205/12dav90, URN: urn:nbn:de:0183-12dav902

Published: August 7, 2012

© 2012 Ottomann et al.
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Einleitung: In der präklinischen Phase, im Rahmen der Erstversorgung und in den ersten Stunden der Intensivtherapie stellt die Hypothermie (Körperkerntemperatur <35,5°C) eine wesentliche Gefahr in der Behandlung schwerbrandverletzter Patienten dar, da sie aufgrund kardiovaskulärer Komplikationen mit einer signifikanten Zunahme der Letalität einhergeht. Entgegen der Annahme, das die Dauer der Kaltwasserbehandlung und die Zeit bis zur Aufnahme in ein Schwerbrandverletztenzentrum ein wesentlicher Faktor in der Genese der Hypothermie ist, stellt sich die Intubationsnarkose als entscheidender Faktor im Rahmen der Hypothermie dar. Während die akzidentelle Hypothermie auch nach einer Kaltwassertherapie bei wachen brandverletzten Patienten eine Ausnahme ist, müssen alle narkotisierten Patienten während der initialen klinischen Versorgung hinsichtlich einer möglichen Hypothermie streng überwacht werden. Während der intensivmedizinischen Therapie schwerbrandverletzter Patienten tritt generell eine Körpertemperaturerhöhung auf. Diese Sollverstellung erfolgt aufgrund einer hypothalamischen Fehlsteuerung, die durch verschiedene entzündliche Trigger verursacht wird. Pathogenetisch wird ein Anpassungsmechanismus des Körpers vermutet, um die Abwehr gegen Keime zu erhöhen. Schwerbrandverletzte Patienten streben - auch bei Infektionsfreiheit – eine Temperatur von durchschnittlich 38°C an. Höhere Temperaturen sind ein Zeichen der Sepsis oder erschöpfter physiologischer Ressourcen. In einigen Fällen kommt es ohne erkennbare Genese zu einer Hperthermie, die mit Temperaturen bis >40°C prominiert. Als Ursachen werden überschießende Faktoren der Entzündungskaskade oder ein nicht erkanntes Drug Fever diskutiert. Als weitere Hypothese wird eine gestörte Wärmeabgabe durch die verminderte Hautdurchblutung und eine Gefäßkontrakation bei Katecholamintherapie angenommen, wobei eine multifaktorielle Enstehung nicht auszuschließen ist.

Nach schweren thermischen Verletzungen sind externe Routinemethoden zur Erhaltung einer normothermen Temperatur nur bedingt einsetzbar und nicht zielführend, da durch Konvektion und Evaporation massive Thermoregulationsstörungen persistieren.

Material und Methode: Seit 2007 steht mit den Coolgard/Thermogard eine System zur intravaskulären Temperaturregulation zur Verfügung, das bisher hauptsächlich im Bereich der Herz- und Neurochirurgie angewandt wurde, um eine iatrogene therapeutische Hypothermie zu erreichen. Seit 2011 verwenden wir es mit Erfolg zur Therapie massiver und progredienter Thermoregulationsstörungen auf unserer Intensiveinheit für Schwerbrandverletzte. Insgesamt stehen vier verschiedenen zentrale Venenkatheter mit entsprechenden Leistungsstärken zur Verfügung, mit denen individuell an den Patienten angepasst eine schnelle und präzise Temperaturregulation möglich ist. Je nach Indikation wird warme oder kalte Kochsalzlösung in einem Kreislaufsystem durch die Ballons des Katheters geleitet, so dass der Patient thermoreguliert wird, indem das venöse Blut über Konvektion aufgewärmt oder abgekühlt wird. Als Indikation in der Therapie schwerbrandverletzter Patienten eignet sich das Coolgard/Thermogard System sowohl bei der präklinischen und in den ersten Stunden der klinischen Behandlung auftretenden gefährlichen Hypothermie sowie zur Bekämpfung hyperthermer Phasen im Rahmen der Intensivtherapie schwerbrandverletzter Patienten. Im Jahr 20111 behandelten wir erstmals insgesamt fünf schwerbrandverletzte Patienten bei nicht beherrschbarer Hypertermie während der Verbrennungsintensivtherapie mittels Coolgard/Thermogard.

Ergebnisse: In allen fünf Fällen konnte mittels des neuen intravaskulären Temperaturmanagements Coolgard/Thermogard die zum Teil mit einer malignen Hypertermie vergleichbaren Thermoregulationsstörungen therapiert werden. In drei Patienten zeigten sich Temperaturmaxima von 39,8°C, in einem Patienten 40°C und in einem Fall ein Maximum von 40,2°C vor der Anwendung der Temperaturregulation mittels zentralvenösem Katheter. Bei allen Patienten konnte durch die Anwendung des Coolguards/Thermogards eine Normothermie innerhalb von 12h erreicht werden.

Schlussfolgerung: Nach schweren Verbrennungen ist die Thermoregulation sowohl durch hypo- als auch hypertherme Phasen gekennzeichnet. Bisherige externe Möglichkeiten der Temperatureinstellung sind nur bedingt einsetzbar. Mit der in der Verbrennungs-intensivtherapie neuen Möglichkeit der Thermoregulation durch intravaskuläres Temperaturmanagement mittels Coolgard/Thermogard steht erstmals eine suffiziente intravasale Temperatursteuerung zur Verfügung. Durch die Temperaturkonvektion der mit Kochsalzlösung gefüllten Ballons des zentralvenösen Katheters ist eine präzise Einstellung der Temperatur des schwerbrandverletzten Patienten innerhalb kürzester Zeit möglich.