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30. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2012)

11.01. - 14.01.2012, Nassfeld, Österreich

Defizite der Sensomotorik und Trainingsmöglichkeiten bei Brandverletzten während der stationären Rehabilitation

Meeting Abstract

  • corresponding author H. Ziegenthaler - Moritz Klinik Bad Klosterlausnitz Reha-Zentrum für Brandverletzte
  • K. Erler - Moritz Klinik Bad Klosterlausnitz Reha-Zentrum für Brandverletzte
  • Ch. Hinkeldein - Moritz Klinik Bad Klosterlausnitz Reha-Zentrum für Brandverletzte

Deutschsprachige Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung. 30. Jahrestagung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Verbrennungsbehandlung (DAV 2012). Nassfeld, Österreich, 11.-14.01.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dav26

DOI: 10.3205/12dav26, URN: urn:nbn:de:0183-12dav260

Published: August 7, 2012

© 2012 Ziegenthaler et al.
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Text

Ziel: Ziel der Studie ist, objektive und subjektive Defizite der Sensomotorik während der Rehabilitation Brandverletzter zu diagnostizieren, Trainingsmöglichkeiten zu evaluieren, um diese Defizite abzubauen.

Einleitung: Lange Aufenthalte im Krankenhaus, in denen die Patienten immobilisiert und inaktiv waren, reduzieren die Leistungs- und Regenerationsfähigkeit der Strukturen des sensomotorischen Systems in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, aktuellem Trainingszustand sowie Grad und Dauer der Inaktivität. Deadaptationen finden durch Änderung der Muskelfaserzusammensetzung, im spinalen und supraspinalen Nervensystem, durch veränderte zentrale Ansteuerungsstrategien der Muskulatur sowie durch Störungen der Mikrozirkulation im Herz-Kreislauf-System und Bindegewebe statt.

Bei jeder Bewegung erbringt das sensomotorische System Leistungen der Ziel- und Stützsensomotorik. Durch sensomotorisches Training kann die verbesserte Lernfähigkeit für neue Bewegungen und intermuskuläre Koordination sowie die verringerten Ko-Kontraktionen sich die Ökonomie der Bewegungen bessern. Studien zum sensomotorischen Training mit Brandverletzten existieren keine. Die Wirksamkeit des Trainings wurde aber bei Probanden nachgewiesen.

Methodik: Von Juli 2010 bis April 2011 nahmen 31 Brandverletzte [männliche (79%; n=23); weibliche (21%; n=6); Alter 20–69 Jahre, Überlegenheit in der Altersgruppe 50,1 bis 60 Jahren (n=9) und 30,1 bis 40 Jahren (n=8)] mit mehr als 5% vKOF und belastbaren Haut- und Narbenverhältnisse, an einem sensomotorischen Training, dreimal wöchentlich 30 Minuten, teil.

Der Bewegungskoordinationstest (BKT-Kur) von Bös, Wydra und Karisch [1] diente der Erfassung sensomotorischer Fähigkeiten. Er enthielt zehn komplexe Bewegungsaufgaben, die die Auge-Hand- und Auge-Fuß-Koordination beanspruchten. Mittels der Fragebögen SF 36 [2] und Pationnaire [3] wurde die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Patienten erfasst.

Ergebnisse: Insgesamt erhöhte sich die Testsumme der Patienten (n=29) im Bewegungskoordinationstest vom ersten zum dritten Messzeitpunkt signifikant von 4,52±1,72 auf 7,83±2,29 (p=0,000). Dabei fand die größte positive Veränderung vom ersten zum zweiten Messzeitpunkt statt. Die höchsten Summen erreichten die Patienten in den Testaufgaben Werfen, Fangen und Achterkreisen. Die Aufgaben Ball prellen, Wurf mit Drehung und Hampelmann wurden am wenigsten beherrscht. Zum dritten Messzeitpunkt wurden die höchsten Summenwerte bei den Testaufgaben Werfen und Fangen, an der Wand entlang und Achterkreisen verzeichnet. Im Ergebnis erreichten die brandverletzten Patienten Testsummen (8,42±1,5; n=24), die mit 87,5% über den mittleren Normwerten liegen.

Vom ersten zum dritten Messzeitpunkt erhöhte sich die physische Summenskala des SF 36 signifikant (p=0,067) von 34,96±8,70 auf 40,43±9,08. Auch stieg die psychische Summenskala von 41,13±15,21 auf 46,93±12,01 an, jedoch nicht signifikant. In den Skalen körperliche Funktion (p=0,001), Vitalität (p=0,002), psychisches Wohlbefinden (p=0,004), Schmerzen (p=0,005) und soziale Funktion (p=0,047) sind signifikante Verbesserungen zu verzeichnen.

Der Pationnaire belegte die signifikante Erhöhung der Arbeits- und Haushaltsfähigkeit (p=0,001) sowie der Lebenszufriedenheit (p=0,039). Allgemeine Beschwerden (p=0,010) und der Grad der Behinderung (p=0,008) nahmen signifikant ab.

Korrelationen zwischen BKT-Kur, Pationnaire und SF-36 ergaben einen hohen positiven Zusammenhang (p=0,650) zwischen der Therapiefähigkeit und des Bewegungskoordinationstests [T3]. Des Weiteren korrelierte die Arbeits- und Haushaltsfähigkeit mäßig hoch (p=0,458) mit dem Bewegungskoordinationstests [T3]. Beim Vergleich der subjektiven Beurteilungen des Gesund-heitszustandes (SF 36 und Pationnaire) fiel der negative Zusammenhang von Beschwerden und körperlicher Leistungsfähigkeit im ersten und dritten Messzeitpunkt auf (p=–0,570 bzw. –0,528). Ebenso bestand ein negativer Zusammenhang zwischen den Schmerzen und der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie zwischen der Behinderung und der körperlichen Leistungsfähigkeit. Die psychische Gesundheit korrelierte mäßig negativ mit Schmerzen, Beschwerden und Behinderungen.

Schlussfolgerungen: Durch ein standardisiertes sensomotorisches Training kann während der stationären Rehabilitation eine Steigerung der anfänglich defizitären sensomotorischen Leistungsfähigkeit bei Brandverletzten erreicht werden. Der Zeitraum sensomotorischen Trainings während der stationären Rehabilitation reicht aus, um Vergleichswerte gleichaltriger gesunder Probanden zu erzielen.


Literatur

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