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Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft. Wissenschaftlicher Kongress zur Positionsbestimmung der Familienmedizin in Deutschland.

Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke

11.11.2011, Witten

Welchen Einfluss hat der kulturelle Hintergrund auf die Fieberkonzepte deutscher und türkischer Mütter? – Ergebnisse eines cross-sectional-surveys

Meeting Abstract

  • Thorsten Langer - Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Universität Witten/Herdecke
  • Miriam Pfeifer - Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Universität Witten/Herdecke
  • Aynur Soenmez - Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Universität Witten/Herdecke
  • B. Tarhan
  • Thomas Ostermann - Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin, Universität Witten/Herdecke

Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft. Wissenschaftlicher Kongress zur Positionsbestimmung der Familienmedizin in Deutschland. Witten, 11.-11.11.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11iaf14

DOI: 10.3205/11iaf14, URN: urn:nbn:de:0183-11iaf143

Veröffentlicht: 8. November 2011

© 2011 Langer et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Fieber im Kindesalter ist einer der häufigsten Anlässe für eine Vorstellung beim Kinder- oder Hausarzt. In den meisten Fällen liegt eine harmlose Erkrankung als Ursache vor. Gleichzeitig wird Fieber von den Eltern häufig als sehr bedrohlich erlebt. Kenntnisse über die Fieberkonzepte von Eltern könnten dazu beitragen, die Beratung besser auf ihre Bedürfnisse abzustimmen. In dieser Studie wurde erstens der Einfluss des sozio-ökonomischen Status (SÖS) und des kulturellen Hintergrundes auf zwei Fieberkonzepte untersucht, die wir „furchterregend“ und „funktional“ benannten und die typische Erfahrungen von Müttern repräsentieren. Zweitens wurde der Zusammenhang zwischen den Handlungen der Mütter und ihren jeweiligen Fieberkonzepten untersucht.

Methode: Es wurden standardisierte face-to-face Interviews in 16 Kinderarztpraxen sowie 2 Krankenhausambulanzen durchgeführt. Somit umfasste die Stichprobe ein breites sozio-ökomisches und kulturelles Spektrum an Müttern. Die Interviews wurden auf Deutsch oder Türkisch von geschulten Interviewerinnen geführt. Der Fragebogen umfasste 36 Fragen und 205 Items. Die Fieberkonzepte wurden durch 6 Statements repräsentiert, die mit einer Likert-Skala von 1–6 bewertet wurden. Die Items zum Bildungsstand und sozioökonomischen Status wurden etablierten Instrumenten entnommen. Der Zusammenhang zwischen SÖS und kulturellem Hintergrund und den jeweiligen Fieberkonzepten wurde mittels multipler logistischer Regression berechnet.

Ergebnisse: Ingesamt wurden 338 Interviews durchgeführt (49% mit türkischem Hintergrund, 92% Rücklaufrate). Das Durchschnittsalter der Mütter mit deutschem Hintergrund war höher (34,1 vs. 32,0 Jahre, p=0,0001). Mütter mit türkischem Hintergrund tendierten häufiger zum Konzept „furchterregend“ ” (adjusted Odds Ratio (AOR) 1.99; Vertrauensintervall (CI) 1,16–3,44). Mütter mit einem mittleren oder hohen sozio-ökonomischen Status tendierten stärker zum Konzept „funktional“ (mittlerer SÖS: AOR 0,53; CI 0,30–0,92; hoher SÖS: AOR 0,44; CI 0,21–0,95).

Mütter, die dem Konzept “furchterregend” zugeordnet wurden, gaben Paracetamol häufiger in kürzeren als den empfohlenen Abständen von 6 Stunden. (46,8% vs. 31,3%, p=0,005) und nahmen Notdienste in den vergangenen 9 Monaten häufiger in Anspruch (0,7 vs. 0,4, p=0,001).

Schlussfolgerung: Ein türkischer Hintergrund und ein niedriger sozio-ökonomischer Status korrelieren mit dem Fieberkonzept „furchterregend“. Mütter mit diesem Eigenschaften würden vermutlich von einem besonderen, rückversicherenden Beratungsstil profitieren, da sie fiebersenkende Medikamente zu häufig geben und Notdienste häufig in Anspruch nehmen.