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53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

15. bis 18.09.2008, Stuttgart

Die elektronische Gesundheitsakte in Österreich aus Sicht der Bürger

Meeting Abstract

  • Alexander Hörbst - Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol, Österreich
  • Thomas Schabetsberger - Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol, Österreich
  • Elske Ammenwerth - Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik, Hall in Tirol, Österreich

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds). Stuttgart, 15.-19.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. DocMI13-3

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2008/08gmds168.shtml

Veröffentlicht: 10. September 2008

© 2008 Hörbst et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Der medizinische Fortschritt geht einher mit einer stetigen Zunahme des medizinischen Wissens. Die Menge und Komplexität dieses Wissens macht es notwendig, dass sich medizinische Berufsgruppen immer stärker spezialisieren. Um ihre Arbeit optimal erfüllen zu können, müssen die verschiedenen Gruppen institutionenübergreifend zusammenarbeiten. Sie benötigen in diesem Zusammenhang umfassende Informationen wie z.B. Informationen über den Patienten selbst, über seine Krankheiten, über geplante sowie durchgeführte Maßnahmen, über den aktuellen Stand der Forschung sowie über erbrachte Leistungen und damit verbundene Kosten [1]. Dies setzt einrichtungsübergreifende Informationssysteme voraus, die alle zum einem Patienten verfügbaren und relevanten Information zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort bereitstellen [2].

Die geplante Einführung einer lebenslangen, institutionenübergreifenden elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) in Österreich würde die technologische Basis für eine solche integrierte Gesundheitsversorgung legen [3]. Eine wichtige Rolle im Rahmen der integrierten Versorgung nimmt dabei der mündige Bürger ein. Ein Ziel muss es daher sein, den Bürger aktiv in seine medizinische Versorgung zu integrieren. Voraussetzung dafür ist unter anderem die Akzeptanz, das Verständnis und vor allem das Vertrauen der Bürger in die ELGA.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich deshalb mit dem Interesse und der Akzeptanz der elektronischen Gesundheitsakte in der Tiroler Bevölkerung. Ziel der Studie war es, im Rahmen einer Befragung von Bürgern den derzeitige Stand im Umgang mit medizinischen Dokumenten, die Bekanntheit des ELGA-Konzepts und der geplanten Inhalte der elektronischen Gesundheitsakte sowie die von den Bürgern im Rahmen einer elektronischen Gesundheitsakte wünschenswerten Funktionen zu erheben.

Material und Methoden

Die Daten für die Studie wurden in Form von 203 standardisierten Interviews von Bürgern im Dezember 2007 erhoben. Die Interviews wurden dabei von jeweils zwei Personen gemeinsam auf der Grundlage eines vorher erstellten Interviewleitfadens durchgeführt. Um gleichbleibende Interviewbedingungen sicher zu stellen, wurde ein detaillierter Interviewleitfaden erstellt. Die Befragung fand an öffentlichen Plätzen, Einkaufszentren, Fußgängerzonen, Bahnhöfen Tirols sowie am Areal der Universitätsklinik Innsbruck statt. Ausgewählt wurden die zu Befragenden in Form einer stratifizierten Zufallsstichprobe. Zur Einteilung der Grundgesamtheit der Tiroler Bevölkerung wurde die Altersverteilung, wie sie durch die Statistik Austria im Demographischen Jahresbuch 2006 [4] veröffentlicht wurde, herangezogen. Innerhalb der einzelnen Gruppen erfolgte die Auswahl der zu Befragenden zufällig. Der Interviewleitfaden kann thematisch in folgende vier Bereiche unterteilt werden:

  • Fragen zur Demographie und zur Erfahrung mit IT
  • Fragen zur Sammlung medizinischer Dokumente durch den Bürger
  • Fragen zur ELGA
  • Detaillierte Fragen zur gewünschten Funktionalität der ELGA

Eine vollständige Version des Fragebogens kann bei Interesse von den Autoren bezogen werden. Zur Analyse der Ergebnisse aus der Befragung wurden Methoden der deskriptiven Statistik eingesetzt. Um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen zu können, wurde die Gruppierung der Antworten von mindestens zwei Personen unabhängig durchgeführt und anschließend kontrolliert und gegebenenfalls adaptiert.

Ergebnisse

Es wurden 101 Frauen und 102 Männer befragt. Die Mehrheit der befragten Personen stammte aus Österreich, insgesamt waren es 95% (n=193), davon waren 87% (n=176) aus Tirol. Von den Befragten nutzen 86% (n=175) einen Computer zumindest ab und zu. Ungefähr zwei Drittel der Befragten nutzen den Computer sogar jeden Tag. Von allen Befragten haben 79% (n=160) Internet zu Hause.

Private Sammlung medizinischer Dokumente

74% (n=151) der Befragten sammeln selbst medizinische Dokumente zu Hause. Gesammelt werden von den Bürgern dabei primär Bilder, Befunde, Rechnungen und Arztbriefe. Bei den gesammelten Dokumenten handelt es sich fast ausschließlich um Papierdokumente, eine elektronische Akte wird von keinem der Befragten geführt. Die drei wichtigsten Gründe für das Sammeln der medizinischen Daten zu Hause sind (– diese Frage wurde offen, also ohne Antwortalternativen, gestellt):

  • Versicherungsangelegenheiten,
  • die Bilder werden vom Arzt mitgegeben und
  • die Nachvollziehbarkeit der Behandlung.
Die elektronische Gesundheitsakte

Die Bürger wurden unter anderem auch zu ihrem Kenntnisstand über die elektronische Gesundheitsakte befragt. 31% (n=62) der Befragten gaben dabei an, dass der Begriff der elektronischen Gesundheitsakte ihnen geläufig ist. Nur rund die Hälfte dieser Personen war dann aber in der Lage den Begriff inhaltlich einigermaßen korrekt zu umschreiben.

Nachdem das Konzept der ELGA den Befragten erläutert wurde, gaben 87% (n=176) an, der Einführung einer ELGA zuzustimmen bzw. unter bestimmten Voraussetzungen zuzustimmen. Für den Fall, dass der Befragte ablehnend oder nur teilweise zustimmend war, wurden die Gründe hierfür erhoben. (Auch diese Frage wurde offen, also ohne Antwortalternativen, gestellt.) In diesem Fall gaben 85% (n=68) dieser Befragten an, Bedenken wegen des Datenschutzes zu haben.

Funktionalitäten der elektronischen Gesundheitsakte

Zur Ermittlung von gewünschten Funktionalitäten der ELGA wurden den Bürgern verschiedene Vorschläge für mögliche Funktionalitäten zur Beurteilung vorgelegt. Größte Zustimmung erlangte dabei die Funktion des elektronischen Impfpass mit 90%, gefolgt von Information zu Ärzten mit ebenfalls 90% und der Terminverwaltung bzw. -erinnerung mit 83%. Keiner der vorgeschlagenen Funktionalitäten erhielt weniger als 68% Zustimmung.

Diskussion

Die Studie weist mit ihren Ergebnissen auf das große Interesse der Bevölkerung für die ELGA hin und zeigt eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber der Einführung einer solchen Technologie. Sie offenbart aber auch den erheblichen Informationsbedarf zu diesem Thema. Eine verstärkte und vor allem objektive Aufklärung der Bevölkerung über die Funktionen, Inhalte und die Bedeutung der elektronischen Gesundheitsakte erscheinen notwendig.

Eine zentrale Rolle aus Sicht der Bürger spielt in diesem Zusammenhang der Datenschutz. Die Sorge um den mangelnden Schutz der Daten kann bei den Antworten zu nahezu allen inhaltsbezogenen Fragen vorgefunden werden. Ein ähnliches Resultat zeigen auch andere Untersuchungen zu diesem Thema z.B. in den USA [5], England [6] oder Dänemark [7].

Zudem liefern die Ergebnisse der Untersuchung wichtige Anhaltspunkte für eine Priorisierung der zu realisierenden Funktionen einer geplanten ELGA. Zusammenfassend können die Ergebnisse der Studie als Signal der Bevölkerung Tirols zur praktischen Umsetzung einer elektronischen Gesundheitsakte gesehen werden.

Danksagung

Großer Dank gilt dem Bakkalaureatsstudiengang BMI_Bak5 an der UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall, der die Erhebung durchgeführt und die Daten zusammengefasst hat.


Literatur

1.
Haux R, et al. Health care in the information society. A prognosis for the year 2013. Int J Med Inform. 2002;66(1-3):3.
2.
Berner ES, Moss J. Informatics Challenges for the Impending Patient Information Explosion. J Am Med Inform Assoc. 2005;12(6):614-7.
3.
IBM im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur Österreich. Machbarkeitstudie betreffend Einführung der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) im österreichischen Gesundheitswesen. 2006.
4.
Statistik Austria. Demographisches Jahrbuch 2006. Bundesanstalt Statistik Austria: Wien; 2007.
5.
Westin A. Public attitudes toward electronic health records. AHIP Cover. 2005;46(4):22-5.
6.
Honeyman A, Cox B, Fisher B. Potential impacts of patient access to their electronic care records. Inform Prim Care. 2005;13(1):55-60.
7.
Zurita L, Nohr C. Patient opinion – EHR assessment from the users perspective. Medinfo 2004. San Francisco; 2004.