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53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

15. bis 18.09.2008, Stuttgart

Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie)

Meeting Abstract

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  • Claudia Spix - Deutsches Kinderkrebsregister, Mainz, Deutschland
  • Maria Blettner - IMBEI, Mainz, Deutschland
  • Sven Schmiedel - Institute for Cancer Epidemiology, Kopenhagen, Dänemark
  • Peter Kaatsch - Deutsches Kinderkrebsregister, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds). Stuttgart, 15.-19.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. DocEPI1-1

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2008/08gmds001.shtml

Veröffentlicht: 10. September 2008

© 2008 Spix et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Diese Studie wurde motiviert durch eine Reihe von explorativen Auswertungen früherer ökologischer Studien des Deutschen Kinderkrebsregisters (DKKR) [1], [2]. Die Hypothese der Studie (im Sinne der statistischen Nullhypothese) lautet: „Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zu einem Kernkraftwerk und dem Risiko, bis zum 5. Lebensjahr an Krebs zu erkranken. Es liegt kein negativer Abstandstrend des Erkrankungsrisikos vor.“

Material und Methoden

Es wurde eine Fall-Kontrollstudie durchgeführt. In Teil 1 sind als Fälle alle zwischen 1980 und 2003 mit einer Krebserkrankung diagnostizierten Kinder einbezogen, die dem Deutschen Kinderkrebsregister gemeldet wurden, zum Zeitpunkt der Diagnose unter 5 Jahre alt waren und in vorab festgelegten Regionen um 16 deutsche Kernkraftwerke wohnten (1592 Fälle). Zu jedem Fall wurden aus der gleichen Region Kontrollen mit gleichem Geschlecht und gleichem Alter im Erkrankungsjahr zufällig ausgewählt (4735 Kontrollen). Für die Fälle wurde der individuelle Abstand der Wohnung am Tage der Diagnosestellung (Stichtag) zum nächstgelegenen Kernkraftwerk ermittelt, für die Kontrollen zum analogen Stichtag. Hauptfragestellung war die Untersuchung des vorab festgelegten Abstandsmaßes 1/Abstand, wichtigste Nebenfragestellungen waren kategorisierte Abstände und Diagnoseuntergruppen.

Für den Studienteil 2 wurde eine Teilmenge der Fälle und Kontrollen aus Teil 1 zu möglichen Risikofaktoren, die eventuell als Confounder wirken könnten, und zu ihrer Wohnhistorie befragt.

Ergebnisse

Die Haupthypothese für Teil 1, dass kein monoton fallender Zusammenhang zwischen Abstand der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk und Krankheitsrisiko existiert, wird zum einseitigen Niveau α=5% verworfen. Die Auswertung der Nebenfragestellung, bei der der Abstand kategoriell betrachtet wird, zeigt für die 5km-Zonen um die Kernkraftwerke ebenfalls ein statistisch signifikantes Ergebnis (Odds Ratio (OR)=1,61, untere einseitige 95%-Konfidenzgrenze=1,26).

Es besteht kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Regressionskoeffizienten in a priori definierten Teilperioden (erste Hälfte der jeweiligen Reaktorlaufzeit im Vergleich zur zweiten Hälfte) (p=0,1265). Bei den Diagnoseuntergruppen zeigen die Leukämien (593 Fälle, 1766 Kontrollen) einen statistisch signifikanten Schätzer für das Abstandsmaß. Der für die Untergruppe der Leukämien beobachtete Effekt ist stärker als für alle malignen Erkrankungen insgesamt. In den weiteren a priori festgelegten diagnostischen Untergruppen (ZNS-Tumoren, embryonale Tumoren) wurden keine Hinweise auf eine Beziehung zum Abstand gefunden. Eine Untersuchung des kategorisierten Abstands in Bezug auf die Leukämien ergab, dass der Effekt im Wesentlichen auf die innere 5km-Zone beschränkt ist.

Es ergibt sich für Deutschland ein attributables Risiko von 0,2% für das Wohnen innerhalb der 5km-Zone um eines der 16 Kernkraftwerke, das sind 29 der in den Jahren 1980-2003 aufgetretenen 77 Fälle in den inneren 5km Zonen oder 1,2 Fälle pro Jahr. Auf die Leukämien bezogen errechnen wir ein populations-attributables Risiko von 0,3%, oder 20 der im gleichen Zeitraum registrierten 37 Fälle in der inneren 5km-Zone, und damit 0,8 Fälle pro Jahr. Diese Schätzungen sind wegen der zugrunde liegenden kleinen Fallzahlen mit erheblicher Unsicherheit behaftet.

Die Ergebnisse von Teil 2 können zur Interpretation der Ergebnisse von Teil 1 nicht herangezogen werden, da eine Abhängigkeit der Teilnahmebereitschaft in von der Wohnungsnähe zum Kernkraftwerk beobachtet wurde. Das vorab festgelegte Kriterium für Nicht-Repräsentativität der Teilnehmer war erfüllt. Fragen zum Confounding und zur Abhängigkeit von der Wohndauer müssen somit unbeantwortet bleiben.

Diskussion

Die Stärke dieser Studie ist, dass sie in Ergänzung zu den bisherigen in Deutschland durchgeführten Kernkraftwerksstudien, die auf aggregierten Inzidenzraten in Abstandsregionen basierten, ein individuelles Abstandsmaß auf Basis des Wohnhausabstandes zum nächstgelegenen Kernkraftwerk anwendet.

Die vorliegende Studie betrachtet den Abstand zum jeweils nächstgelegenen Kernkraftwerk; Daten zu umweltbedingten Strahlenexpositionen wurden nicht verwendet, da diese nicht verfügbar und auch retrospektiv nicht erhebbar sind.

Aus den veröffentlichten Emissionsdaten deutscher Leistungsreaktoren und den international bekannten Modellen zur Abschätzung des Strahlenrisikos war ein Effekt nicht zu erwarten.

Von den jetzt eingeschlossenen Fällen der inneren 5km-Zone im Alter von unter 5 Jahren waren in den Studien 1 und 2 etwa 70% bereits damals berücksichtigt, 80% der Fälle aus den Vorgängerstudien sind auch in der aktuellen Studie wieder berücksichtigt.

Alle gemachten Beobachtungen erwiesen sich als weitgehend stabil gegenüber einer größeren Zahl von Sensitivitätsanalysen, sowohl geplante als auch sich aus der Datenlage ergebende; das gilt im Besonderen für die Leukämien.

Die in die Studie integrierte Befragung einer vorab festgelegten Gruppe der Eltern von Fall- und Kontrollkindern sollte dazu beitragen, mögliche Confounder zu berücksichtigen, um diese zur Bewertung des Studienergebnisses heranziehen zu können. Leider war diese Analyse wegen des Antwortverhaltens der Studienteilnehmer nicht möglich. Es sind aber aus der bisherigen Literatur kaum Risikofaktoren bekannt, die als entsprechend starke Confounder agieren könnten.

Inwieweit Confounder, Selektion oder Zufall bei dem beobachteten Abstandstrend eine Rolle spielen, kann mit dieser Studie nicht abschließend geklärt werden. Die Ergebnisse wurden publiziert in [3], [4].

Danksagung

Das Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit unter dem Förderkennzeichen StSch 4334 gefördert.


Literatur

1.
Michaelis J, Keller B, Haaf G, Kaatsch P. Incidence of childhood malignancies in the vicinity of west German nuclear power plants. Cancer Causes Control 1992; 3:255-263
2.
Kaatsch P, Kaletsch U, Michaelis J. An extended study on childhood malignancies in the vicinity of German nuclear power plants. Cancer Causes Control 1998; 9: 529-533.
3.
Spix C, Schmiedel S, Kaatsch P, Schulze-Rath R, Blettner M. Case-Control Study on Childhood Cancer in the Vicinity of Nuclear Power Plants in Germany 1980-2003. Eur J Cancer 2008;44: 275–284.
4.
Kaatsch P, Spix C, Schulze-Rath R, Schmiedel S, Blettner M. Leukaemia in young children living in the vicinity of German nuclear power plants. Int J Cancer 2008;122: 721-726.