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Kongress Medizin und Gesellschaft 2007

17. bis 21.09.2007, Augsburg

Psychosoziale Erweiterungen des Verhaltensmodells der Versorgungsinanspruchnahme nach Andersen: Ansatz und Beispiele

Meeting Abstract

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  • Thomas von Lengerke - Medizinische Hochschule Hannover, Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie; GSF-Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen, Hannover; Neuherberg
  • Jürgen John - GSF-Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen, Neuherberg
  • KORA Study Group

Kongress Medizin und Gesellschaft 2007. Augsburg, 17.-21.09.2007. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2007. Doc07gmds936

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2007/07gmds936.shtml

Veröffentlicht: 6. September 2007

© 2007 von Lengerke et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung/Hintergrund: Das Behavioral Model of Health Services Use [1] spezifiziert drei Klassen von Einflussfaktoren: predisposing, enabling und need factors. Psychosoziale Faktoren werden u. a. im Sinne gesundheits- und versorgungsbezogener Überzeugungen (health beliefs) als "predisposing" konzipiert. Hier haben Bradley et al. [2] das Modell erweitert: (1) Neben gesundheits- und versorgungsbezogenen Überzeugungen werden soziale Normen sowie sozial-kognitive Größen einbezogen (Kontrollüberzeugungen, Intentionen), (2) psychische Faktoren werden nicht primär als Prädiktoren, sondern auch Folgen anderer Einflussfaktoren konzipiert, und (3) können psychische Faktoren Wirkungen anderer Faktoren vermitteln. Dieser Beitrag veranschaulicht diese Erweiterungen an der vermittelnden Rolle eines bestimmten Parameters des Körpererlebens (Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht) für den Zusammenhang zwischen Adipositas und Inanspruchnahme ambulanter Versorgung [3], [4], [5].

Material und Methoden: Im KORA-Survey S4 (Region Augsburg) wurden bei 947 Erwachsenen Arzt- und Heilpraktikerkontakt und Physiotherapie (CATI), der BMI (anthropometrisch) sowie Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht, gesundheitsbezogene Lebensqualität und körperliche Komorbidität erfragt (CAPI). In Regressionsmodellen wurde für Geschlecht, Alter, Familienstand, sozio-ökonomischen Status, Wohnort (Stadt/Land) und KV-Schutz (GKV/PKV) adjustiert.

Ergebnisse: Unzufriedenheit mit dem Gewicht erhöht die Odds eines Heilpraktikerkontaktes im Beobachtungszeitraum (7 Monate) um das Doppelte (OR = 2.1, 95%-CI: 1-4.4), und vermittelt deren erhöhte Inanspruchnahme durch Adipöse (OR = 2.3, 95%-CI: 1-5.1 vor Adjustierung für Unzufriedenheit; danach: OR = 1.5, 95%-CI: 0.6-3.9). Beides gilt nicht für die Inanspruchnahme von Allgemeinärzten: Hier vermittelt die subjektive Gesundheit (SF-12) den Effekt körperlicher Komorbiditäten, und erhöhte Inanspruchnahme durch moderat Adipöse ist auf die komorbide Gruppe beschränkt (OR = 2.1, 95%-CI: 1.3-3.5, vs. OR = 1.4, 95%-CI: 0.8-2.5 bei Gesundheit).

Diskussion/Schlussfolgerungen: Die Erweiterung des Andersen-Modells um weitere psychische und psychosoziale Faktoren als Folgen spezifischer Bedarfsfaktoren (hier: Unzufriedenheit mit dem Gewicht als Folge von Adipositas) ermöglicht differenziertere Analysen des Inanspruchnahmegeschehens in verschiedenen Segmenten (hier: ärztliche und heilpraktische Versorgung). Daneben werden die Studien bzgl. primärpräventiver und patientenzentrierter Versorgungsbedarfe Adipöser diskutiert.


Literatur

1.
Andersen RM. Revisiting the behavioral model and access to medical care: Does it matter? J Health Soc Behav. 1995;36:1-10.
2.
Bradley EH, McGraw SA, Curry L, Buckser A, King KL, Kasl SV, Andersen RM. Expanding the Andersen model: The role of psychosocial factors in long-term care use. Health Serv Res. 2002;37:1221-42.
3.
von Lengerke T, John J; KORA Study Group. Excess use of general practitioners by obese adults: Does health related quality of life account for the association? Psychol Health Med. in Druck.
4.
von Lengerke T, John J; KORA Study Group. General practitioners' opportunities for preventing ill-health in healthy vs. morbid obese adults: A general population study on consultations. J Public Health. 2007;15:71-80.
5.
von Lengerke T, John J; KORA Study Group. Use of medical doctors, physical therapists, and alternative practitioners by obese adults: Does body weight dissatisfaction mediate extant associations? J Psychosom Res. 2006;61:553-60.