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Kongress Medizin und Gesellschaft 2007

17. bis 21.09.2007, Augsburg

Gestaltung des Sterbens? Wandel der medizingeschichtlichen und sozialen Debatten in den 1980er Jahren

Meeting Abstract

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  • Isabella Jordan

Kongress Medizin und Gesellschaft 2007. Augsburg, 17.-21.09.2007. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2007. Doc07gmds841

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2007/07gmds841.shtml

Veröffentlicht: 6. September 2007

© 2007 Jordan.
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Gliederung

Text

Zeithistorische Diskurse über das menschliche Lebensende, so etwa die Debatten über Sterbehilfe und Sterbebegleitung, zeigen Veränderungen von Vorstellungen über Tod und Sterben auf. Im Mittelpunkt des Beitrags steht einerseits die Frage, wie sich das Verhältnis der Menschen zur Medizin am Lebensende in der letzten Generation gewandelt hat, sowie andererseits, welche zeithistorischen und theoretischen Implikationen die Diskurse zum humanen Sterben für die Medizin haben.

Der Wandel in den Debatten um menschliche Sterblichkeit soll anhand wesentlicher zeitgeschichtlicher Entwicklungen und Eckpunkte nachgezeichnet werden. Seit den 1960er und 1970er Jahren brachten medizintechnische Entwicklungen eine neue Einschätzung humaner Sterblichkeit hervor: Intensiv- und Transplantationsmedizin und damit neue Möglichkeiten der Lebensverlängerung, die Entwicklung und Ausbreitung des Hirntodkonzepts, aber auch prominente Persönlichkeiten und ihre Taten wie etwa der Pionier der Herzchirurgie Barnard oder die streitbaren Thesen des Moralphilosophen Singer führten zu internationalen Sterbehilfe-Debatten. Andere Persönlichkeiten wie die britische Hospizpionierin Cicely Saunders und die schweiz-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross initiierten eine Gegenbewegung zur Diskussion um die Legalisierung der Sterbehilfe, die in einer Wendezeit um 1985 in wichtigen Entwicklungen der Hospizbewegung und der Palliativmedizin mündete. Die Manifestation des Hospizgedankens in Deutschland und institutionelle Grundlagen der Palliativmedizin führten schließlich zu einer völlig neuen Auseinandersetzung mit Sterblichkeit, indem sie Möglichkeiten der menschlichen Begleitung am Lebensende aufzeigten.

In den Debatten um Sterblichkeit spiegelt sich ein Wandel, bei dem zunehmend versucht wird, dem eigenen Sterben auf verschiedene Weise „gestaltend“ – oder gar „präventiv“ – zu begegnen. Dabei zeigt sich, dass die Veränderungen in den Vorstellungen über Sterblichkeit in besonderer Weise mit Ängsten vor einer „Apparate-Medizin“, vor (sozialer) Einsamkeit und vor dem Verlust an Würde im Sterbeprozess korrespondieren. In der Manifestation des Wunsches nach Kontrolle und Selbstbestimmung bei Fragen am Ende menschlichen Lebens drückt sich, so die These, aber auch der Wunsch nach Kontrolle eines letztlich unkontrollierbaren Vorgangs aus.