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51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (gmds)

10. - 14.09.2006, Leipzig

Adäquate EDV-Unterstützung als Voraussetzung für mehr Patientenorientierung: „Pilotprojekt Patientenunterschrift“

Meeting Abstract

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  • Rainer Kaluscha - Forschungsinstitut für Rehabilitationsmedizin an der Universität Ulm, Bad Wurzach
  • Eckart Jacobi - Forschungsinstitut für Rehabilitationsmedizin an der Universität Ulm, Bad Wurzach

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (gmds). 51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Leipzig, 10.-14.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06gmds338

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2006/06gmds351.shtml

Veröffentlicht: 1. September 2006

© 2006 Kaluscha et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

In der Medizin beginnt langsam ein Paradigmenwandel: der Patient soll vom passiven Objekt zum aktiven und verantwortlichen Partner im Behandlungsprozess werden [1]. Dies findet seinen Ausdruck auch im neuen Sozialgesetzbuch IX [2]. In der Rehabilitation, zu deren Aufgaben es auch gehört, Patienten mit chronischen Krankheiten zum Leben mit der Erkrankung zu befähigen (empowerment), kann die Behandlung nur erfolgreich sein, wenn der Betroffene aktiv mitarbeitet und nach der Entlassung die vorgeschlagenen Maßnahmen daheim auch umsetzt. Dies kann wiederum nur gelingen, wenn er über das weitere Vorgehen informiert und damit einverstanden ist. Deshalb wird in einem Pilotprojekt in der Universitätsrehabilitationsklinik Bad Wurzach dem Rehabilitanden bereits bei Entlassung (!) sein Entlassungsbericht zur Unterschrift vorgelegt, so dass er bei Bedarf nochmal mit seinem Arzt Rücksprache halten kann. Ein Exemplar kann er sofort mitnehmen [3]. Gegenüber dem klassischen Procedere, bei dem der Entlassungsbericht erst Tage oder gar Wochen nach Abreise fertiggestellt und an Kostenträger und Hausarzt übersandt wurde, bedeutet dies für die Klinik eine erhebliche Umstellung der Arbeitsprozesse. Dafür waren zwei Voraussetzungen unabdingbar: neben dem Engagement der Mitarbeiter gehörte dazu eine effiziente EDV-Unterstützung der Abläufe.

Material und Methoden

Der Entlassungsbericht wächst aus verschiedenen Bausteinen in einem datenbankgestützten medizinischen Informationssystem. Alle Daten werden zeitnah vom jeweiligen Datenproduzenten bzw. seinem Sekretariat in die zentrale Datenbank eingegeben. Während also der betreuende Stationsarzt noch am Aufnahmebefund arbeitet, laufen bereits vom Fremdlabor per DFÜ die ersten Laborwerte ein, andere Mitglieder des Reha-Teams wie Psychologen, Diätassistenten, Ergo – oder Physiotherapeuten erfassen ihre Befunde, ein im Hause konsiliarisch hinzugezogener Kollege erstellt derweil die Röntgenbefunde etc. Gemäß dem Motto „die Daten müssen laufen, nicht der Mensch“ wird so das Herumtragen von Papierakten oder Bändern minimiert. Dabei war auch die Kreativität der beteiligten Mitarbeiter gefragt: so nutzt der Schreibdienst den Netzwerkdrucker am Empfang quasi als hausinternes Fax, um dem Rehabilitanden mitzuteilen, dass sein Entlassungsbericht zur Einsicht bereitliegt.

Der betreuende Arzt wählt aus den im Klinikinformationssystem vorhandenen Informationen die relevanten für den Entlassungsbericht aus: so macht es etwa bei Diabetikern wenig Sinn, alle Blutzucker-Tagesprofile in den Bericht zu übernehmen oder bei psychologischen Einzelgesprächen werden nicht alle Details, sondern nur die Zusammenfassung aufgenommen.

EDV-gestützte To-do-Listen erleichtern Ärzten und Schreibdienst den Überblick über die zu erledigenden Aufgaben. Falls etwa aufgrund von Krankheit oder Urlaub ein Rückstau droht, kann rechtzeitig gegengesteuert werden.

Ergebnisse

Obwohl viele daran gezweifelt hatten, gelang es, auch im Routinebetrieb die Entlassungsberichte bis zur Abreise des Rehabilitanden zu erstellen. Eine Stichprobe von 122 Rehabilitanden wurde zu dem neuen Verfahren befragt, wobei sich ein hohes Maß an Zustimmung ergab [3].

Diskussion

Ohne eine Straffung der Prozesse und adäquate EDV-Unterstützung wäre die so rasche Fertigstellung der Entlassungsberichte kaum machbar gewesen. Das Projekt ist unseres Erachtens ein schönes Beispiel dafür, dass ein Klinikinformationssystem nicht nur für Dokumentations- und Abrechnungszwecke taugt, sondern auch unmittelbar dem Patienten nutzen kann.


Literatur

1.
Vitt KD, Erben CM, Kupsch S, Rüther W. Patientenbrief: Mittel zur Sicherung des Heilerfolgs. Dtsch Arztebl. 2005;102(44):A3002–4.
2.
Bundesministerium der Justiz: Sozialgesetzbuch (SGB) Neuntes Buch (IX) - Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen. Online: http://bundesrecht.juris.de/sgb_9/index.html (09.04.2006)
3.
Jacobi E, Kaluscha R. Die Patientenunterschrift im ärztlichen Reha – Entlassungsbericht. Rehabilitation. 2004;43:199-208.