gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Die Abnahme der Spermienqualität und der männlichen Fertilität: ein globales Problem?

Meeting Abstract

Suche in Medline nach

  • Hiltrud Merzenich - IMBEI, Mainz
  • Hendrik Dannemeyer - IMBEI, Mainz
  • Maria Blettner - IMBEI, Mainz

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds174

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds012.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Merzenich et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Eine 1992 publizierte Meta-Analyse von Carlsen et al. [1] berichtete über eine globale Abnahme der Spermienqualität im Zeitraum von 1938 bis 1990. Zeitlich begleitet wird dieses Phänomen durch eine Zunahme der Häufigkeit von Kryptorchismus und Hodenkrebs. Zahlreiche zu diesem Thema in der vergangenen Dekade durchgeführte Studien zeigen jedoch kein konsistentes Bild. Insbesondere scheinen die geografische Variabilität sowie methodische Aspekte von Bedeutung zu sein. Dennoch ist die Hypothese von der global abnehmenden Spermienqualität und damit einhergehend der männlichen Fertilität unverändert populär. Eine erneute Prüfung der Evidenz erfolgt im Rahmen eines Reviews aller seit 1970 bis 2005 veröffentlichten Studien und einer Meta-Analyse.

Material und Methoden

Ausgehend von zwei Meta-Analysen [1], [2] wird erneut eine systematische MedLine-Suche mit definierten Keywords durchgeführt. Berücksichtigt werden alle Veröffentlichungen von Studien zur Spermienqualität, die ab 1970 publiziert und in Nordamerika, Australien, Westeuropa, den baltischen Staaten und Polen durchgeführt wurden. Zur Vervollständigung der Recherche werden die Autoren der Publikationen angeschrieben, mit der Bitte, bislang unveröffentlichte Ergebnisse mitzuteilen. Zum Einschluss in die Meta-Analyse wird eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe eine systematische Bewertung nach Maßgabe methodischer Kriterien möglich ist. Die Laufzeit des EU-finanzierten Projektes umfaßt 11 Monate. Review-Prozess und Datenanalyse werden im September abgeschlossen sein.

Ergebnisse

Mit der systematischen MedLine-Suche wurden insgesamt 1300 Publikationen ermittelt, die Aussagen zur männlichen Fertilität mit relevanten Endpunkten machen. Die Anzahl und Heterogenität der veröffentlichten Studien machte eine weitere Einschränkung erforderlich. Es wurden nur Länder aus Westeuropa und den baltischen Staaten in den Reviewprozess einbezogen, so dass sich die Anzahl der Publikationen auf etwa die Hälfte reduzierte. Mit Hilfe einer Checkliste werden weitere Qualitätsparameter berücksichtigt, die eine systematische Bewertung der Publikationen ermöglichen und über eine Aufnahme in die Meta-Analyse entscheiden werden: Populationsbezug, epidemiologisch-medizinische Methodenstandards, Präzision der Ein- und Ausschlußkriterien sowie die berücksichtigten Confounder.

Die Heterogenität der veröffentlichten Studien läßt zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf einen ubiquitären globalen Trend in der Entwicklung der Spermienqualität schliessen. Vielmehr scheinen regionale oder kohortenspezifische Einflußfaktoren von Bedeutung zu sein. Auch die methodische Heterogenität erlaubt keine verallgemeinernden Schlußfolgerungen.

Diskussion

In der Meta-Analyse von Carlsen et al. [1] wurden alle Studien berücksichtigt, die zwischen 1938 und 1990 weltweit publiziert wurden. Studien, die vor 1970 publiziert und Eingang in diese Meta-Analyse fanden, wurden überwiegend in den USA (New York) durchgeführt. Diese Studien bilden gleichzeitig die höchsten gemessenen Werte hinsichtlich relevanter Endpunkte, wie der Spermienzahl, ab [3] und tragen somit wesentlich zum postulierten Rückgang der männlichen Fertilität bei. Ein entscheidender Nachteil historischer Studien besteht in der mangelnden Vergleichbarkeit hinsichtlich methodischer Standards im Vergleich mit Studien jüngeren Datums.

Bei der Berteilung eines globalen Trends in der Abnahme der Spermienqualität muss die geografische Variabilität berücksichtigt werden. So ist die Spermienkonzentration schottischer Männer im Vergleich zu europäischen Durchschnittswerten seit 1958 unverändert hoch, bei einer im Vergleich niedrigen Hodenkrebsinzidenz [4]. Ergebnisse zur Spermienqualität in einer Pariser Kohorte zeigen einen signifikanten Rückgang der Spermienqualität im Zeitraum der vergangenen 20 Jahre [5], was bei Männern in Toulouse nicht bestätigt werden konnte [6].

Eine kausale Beziehung zwischen schädigenden Umwelteinflüssen, wie östrogenwirksamen Substanzen, und einer Abnahme der männlichen Fertilität [7] kann nur im Rahmen von Fall-Kontroll- bzw. Kohortenstudien mit definierten Studienpopulationen überprüft werden. Ob eine Meta-Analyse die Methode der Wahl ist, bleibt in Anbetracht der Heterogenität der vorliegenden Studien fraglich.


Literatur

1.
Carlsen E, Giwercman A, Keiding N, Skakkebaek NE: Evidence for deacreasing quality of semen during past 50 years. BMJ 1992; 305: 609-613.
2.
Swan SH, Elkin EP, Fenster L: The question of declining sperm density revisited: an analysis of 101 studies published 1934 1996. Environmental health Perspectives 2000; 108: 961-966.
3.
Fisch H, Goluboff MD: Geographic variations in sperm counts: a potential cause of bias in studies of semen quality. Fertility and Sterility 1996; 65 (5): 1044-46.
4.
Suominen J, Vierule M. Semen quality of Finish men. Br Med J 1993; 305: 609-13.
5.
Auger J, Kunstmann JM, Czyglik F, Jouannet P: Decline in semen quality among fertile men in Paris during the past 20 years. New Engl J Med 1995, 332 (5): 281-285.
6.
Bujan L, Mansat A, pontonnier F, Mieusset: Time series analysis of sperm concentration in fertile men in Toulouse, France between 1977 and 1992. BMJ 1996, 312: 471-472.
7.
Jensen TK; Toppari J, Keiding N, Carlsen E, Skakkebaek NE: Do envirinmental estrogens contribute to the decline in male reproductive health?. Clinical Chemistry 1995; 41 (12): 1896-1901.