gms | German Medical Science

49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
19. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI)
Jahrestagung 2004 des Arbeitskreises Medizinische Informatik (ÖAKMI)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI)

26. bis 30.09.2004, Innsbruck/Tirol

Einfluss von Screeningintervall und Teilnahmerate auf die Effektivität und Kosteneffektivität der Zervixkrebsfrüherkennung in Deutschland

Meeting Abstract (gmds2004)

  • corresponding author presenting/speaker Gaby Sroczynski - Institute for Technology Assessment, MGH, Harvard Medical School, Boston, USA
  • Kerstin Voigt - Bayerische Forschungs- und Koordinierungsstelle Public Health, IBE, LMU München, München, Deutschland
  • Bernhard Gibis - Dezernat Versorgungsqualität und Sicherstellung, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Berlin, Deutschland
  • Pamela Aidelsburger - Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhl für Medizin Management, Universität Duisburg-Essen, Essen, Deutschland
  • Jutta Engel - Tumorregister München, LMU München, München, Deutschland
  • Jürgen Wasem - Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhl für Medizin Management, Universität Duisburg-Essen, Essen, Deutschland
  • Peter Hillemanns - Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Klinikum Großhadern, LMU München, München, Deutschland
  • Sue J Goldie - Harvard Center for Risk Analysis, Harvard School of Public Health, Boston, USA
  • Dieter Hölzel - Tumorregister München, LMU München, München, Deutschland
  • Uwe Siebert - Institute for Technology Assessment, MGH, Harvard Medical School, Boston, USA

Kooperative Versorgung - Vernetzte Forschung - Ubiquitäre Information. 49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 19. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI) und Jahrestagung 2004 des Arbeitskreises Medizinische Informatik (ÖAKMI) der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) und der Österreichischen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (ÖGBMT). Innsbruck, 26.-30.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04gmds350

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2004/04gmds350.shtml

Veröffentlicht: 14. September 2004

© 2004 Sroczynski et al.
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Gliederung

Text

Einleitung

In Deutschland findet ein jährliches Screening auf Zervixkrebs statt, die meisten europäischen Länder empfehlen dagegen Screeningintervalle von 2 bis 5 Jahren. Die Teilnahmerate (TR) am jährlichen Screening wird auf etwa 36-51 % für Deutschland geschätzt [1]. Die Länge des Screeningintervalls (SI) ist Gegenstand aktueller Diskussion. Vor dem Hintergrund der beim Zervixkrebs relativ langsamen Progression von mehreren Jahren wird von verschiedenen Autoren von einem 3-jährigen SI als angemessenen Zeitraum ausgegangen [2], [3]. Die TR hat jedoch ebenso erhebliche Effekte auf die Gesamt-Effektivität und die ökonomische Effizienz der Zervixkrebsfrüherkennung. Ziel dieser systematischen Entscheidungsanalyse im Rahmen eines vom DIMDI in Auftrag gegebenen HTA war die Evaluation des Einflusses des SI und der TR am Screening auf medizinische und ökonomische Zielparameter der Zervixkrebsfrüherkennung in Deutschland.

Methoden

Es wurde ein entscheidungsanalytisches Markov-Modell, das German Cervical Cancer Screening Model, zur klinischen und ökonomischen Evaluation von Langzeit-Konsequenzen unterschiedlicher SI (1, 2, 3 und 5 Jahre) und TR am Screening eingesetzt. Folgende Strategien wurden evaluiert: (1) Kein Screening (NoScreen), (2) Screening nach Papanicolaou (Pap). Aufgrund fehlender Individualdaten zum Teilnahmeverhalten im zeitlichen Verlauf wurde die TR vereinfacht als zufällige TR modelliert, die unabhängig von der früheren Screeningcompliance war. Dabei wurde die TR von 0% (keine Teilnahme) bis 100% (regelmäßige Teilnahme) variiert. Es wurden deutsche epidemiologische, klinische und ökonomische Daten sowie Testgütewerte aus einer Metaanalyse [4] ins Modell einbezogen. Zielgrößen der Entscheidungsanalysen waren vermiedene Karzinomfälle und -todesfälle, gewonnene Lebenserwartung, Lebenszeitkosten und das diskontierte inkrementelle Kosten-Effektivitäts-Verhältnis (IKEV). Ein IKEV von unter 50.000 Euro/LJ wurde als kosteneffektiv angenommen. Wir nahmen die gesamtgesellschaftliche Perspektive bei einer Diskontrate von 3% jährlich ein.

Ergebnisse

Medizinische Effektivität: Die medizinische Effektivität von Pap gemessen an verhinderten Zervixkrebsfällen, todesfällen und gewonnenen Lebenstagen (LT) im Vergleich zu keinem Screening steigt mit zunehmender Teilnahmerate und Verkürzung des Screeningintervalls. Um bei zufälliger Teilnahmerate dieselbe Effektivität wie beim jährlichen Screening zu erreichen, müsste bei zweijährigem Screening die Teilnamerate nahezu verdoppelt werden. Vergleicht man die Screeningintervalle im inkrementellen Ansatz, wird deutlich, dass die zusätzlich hinzugewonnene Effektivität durch die Verkürzung des Screeningintervalls jedoch mit zunehmender Teilnamerate abnimmt [Tab. 1]. Jährliches vs. 2-jähriges Screening verhindert zusätzlich 649 Krebsfälle, 209 Krebstodesfälle pro 100.000 Frauen bzw. gewinnt 20 Lebenstage (LT) bei einer Teilnamerate von 20%, aber nur noch 143 Krebsfälle, 19 Krebstodesfälle pro 100.000 bzw. 3 LT bei 100% Teilnamerate.

Kosten-Effektivität: Im Vergleich zu keinem Screening ist Pap-Screening unabhängig von Screeningintervall und Teilnahmerate am Screening kosteneffektiv zu bewerten. Im inkrementellen Ansatz zeigt sich, dass bei zufälliger Teilnahmerate eine Verkürzung des Screeningintervalls von 5 auf 3 Jahre bzw. von 3 auf 2 Jahre unabhängig von der Teilnamerate als kosteneffektiv zu bewerten ist [Abb. 1]. Eine zusätzliche Verkürzung des Screeningintervalls von 2 Jahre auf 1 Jahr ist bei einer zufälligen Teilnahmerate von 80% und mehr jedoch nicht mehr als kosteneffektiv einzuschätzen. Diese Ergebnisse gelten nicht für Teilnahmeraten, die vom bisherigen Teilnahmeverhalten abhängen.

Diskussion

Basierend auf unseren Ergebnissen ist das derzeitig praktizierte jährliche Screening bei der berichteten Teilnamerate von nur 30-50% [1] als effektiv und kosteneffektiv zu bewerten. Eine höhere Teilnahmerate hat voraussichtlich einen stärkeren Effekt, als unser Modell es zeigt, da wir zufällige Teilnahmeraten modellierten, in Wirklichkeit aber davon auszugehen ist, dass es häufig dieselben Frauen sind, die mehrere Jahre hintereinander nicht am Screening teilnehmen (Unterversorgung, während andere jährlich teilnehmen (positive Korrelation der Teilnahme mit früheren Teilnahmen). Deshalb sollte durchaus kritisch erwogen werden, eine Erhöhung des Screeningintervalls auf 2-Jahre (Abbau der Überversorgung) bei gleichzeitiger Erhöhung der Teilnamerate der bisher nicht erreichten Frauen (Abbau der Unterversorgung) anzustreben. Die dabei eingesparten Kosten durch die Intervallvergrößerung können zur Finanzierung flankierender Maßnahmen zur Erhöhung der Screeningteilnahmerate bei unterversorgten Subpopulationen eingesetzt werden. In Deutschland entspricht das Früherkennungsprogramm derzeit einem sogenannten opportunistischen Screening, d.h. Frauen werden nicht aktiv zum Screening eingeladen, sondern eine Screening-Untersuchung erfolgt zumeist im Rahmen eines Routinebesuchs beim Gynäkologen mit informierter Zustimmung. Durch eine persönliche schriftliche Einladung der Zielgruppe könnte die Teilnahmerate erheblich erhöht werden, wie es zum Beispiel in England gezeigt werden konnte. Forschungsbedarf besteht in den Bereichen Psychologie und Public Health, um weitere Evidenz zum Teilnahmeverhalten zu erhalten. Zusätzlich sind weitere Modellanalysen durchzuführen, in denen die Auswirkungen verschiedener (nicht-zufälliger) Teilnahmeverhaltensweisen ermittelt werden.


Literatur

1.
Kahl H, Hölling H, Kamtsiuris P. Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung. Gesundheitswesen 1999;61:163-168.
2.
Sawaya GF, Brown AD, Washington AE, Garber AM. Current Approaches to Cervical-Cancer Screening. NEJM 2001;344(21):1603-1607.
3.
Sawaya GF, Kerlikowske K, Lee NC, Gildengorin G, Washington AE. Frequency of cervical smear abnormalities within 3 years of normal cytology. Obstetrics & Gynecology. 2000;96(2):219-23.
4.
McCrory DC, Matchar DB. Evaluation of cervical cytology - systematic review. HTA Report: Agency for Health Care Research and Quality (AHRQ); 1999. Report No.: 5.