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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

05.10. - 08.10.2011, München

"Instant Adipositas" – Übergewicht selbst erleben

Meeting Abstract

  • corresponding author presenting/speaker Rudolf Werner - Universität Würzburg, Medizinische Klinik und Poliklinik I, INTUS, Würzburg, Deutschland
  • author Sascha Allan Filz - Universität Würzburg, Medizinische Klinik und Poliklinik I, INTUS, Würzburg, Deutschland
  • author Wolfram Voelker - Universität Würzburg, Medizinische Klinik und Poliklinik I, INTUS, Würzburg, Deutschland
  • Hermann Faller - Universität Würzburg, Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie, Würzburg, Deutschland
  • Matthias Jelitte - Universität Würzburg, Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie, Würzburg, Deutschland
  • Veronika Ströbl - Universität Würzburg, Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie, Würzburg, Deutschland
  • Philipp Thiem - Universität Würzburg, Medizinische Klinik und Poliklinik I, INTUS, Würzburg, Deutschland

Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA). München, 05.-08.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11gma102

DOI: 10.3205/11gma102, URN: urn:nbn:de:0183-11gma1028

Veröffentlicht: 26. September 2011

© 2011 Werner et al.
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Gliederung

Text

Fragestellung: Um der Notwendigkeit Rechnung zu tragen, dass Ärzte die Bedürfnisse und Beeinträchtigungen von adipösen Patienten besser nachvollziehen und diese damit besser behandeln können, ermittelte eine Forschungsgruppe an der medizinischen Fakultät der Julius Maximilians Universität Würzburg die von adipösen Patienten am häufigsten empfundenen Einschränkungen im Alltag. Diese zentralen Probleme übergewichtiger Personen wurden im Rahmen eines Perspektivwechsels am eigenen Körper erlebbar gemacht, in der Hoffnung, so die Empathie für Personen mit Übergewicht zu steigern. Dieser Perspektivwechsel wurde im Rahmen der Ausbildung von Studierenden der Medizin an der Universität Würzburg (Curriculum Psychosomatische Medizin) umgesetzt, dokumentiert und bezüglich Empathiesteigerung für Alltagsbeschwerden übergewichtiger Mitmenschen evaluiert. Strukturelle Grundlage hierzu ist die an der Universität Würzburg mit Erfolg durchgeführte „Instant Aging“-Simulation, welche Handicaps älterer Menschen am eigenen Körper erlebbar macht [1]. Neben der Integration in das o.g. Curriculum der Ausbildung an der medizinischen Fakultät wurde die Simulationsstudie „Instant Adipositas“ auch in den Lehrplan der Diätassistentenschule Würzburg aufgenommen. Ziel der „Instant Adipositas“-Simulation ist es, die Auszubildenden für die am häufigsten empfundenen Alltagsbeschwerden adipöser Patienten samt deren weitreichenden Konsequenzen zu sensibilisieren.

Methoden: Die Auswahl der Stationen für die „Instant Adipositas“-Simulation erfolgte mittels einer Vorevaluation in Kooperation mit der bariatrischen Sprechstunde der Universitätskliniken Würzburg und Erlangen-Nürnberg. Dazu wurde ein qualitatives Interview durchgeführt, welches sich an das Pflegemodell ADL (Activities of daily living) anlehnt [2]. Mit dieser Methode sollten jene Einschränkungen definiert werden, die Betroffene (Patient/innen der bariatrischen Sprechstunde) in ihrem Alltag als häufigste Handicaps erleben. Anhand dieser vorevaluierten Daten und Bestätigung mittels Quantifizierung durch einen zweiten Fragebogen wurden die Stationen für die Simulationsstudie „Instant Adipositas“ ausgewählt. Im Rahmen einer Dissertationsarbeit wurde durch einen Prä-Post-Vergleich evaluiert, ob es möglich ist, die Empathie für übergewichtige Menschen mittels Perspektivenübernahme durch eine „Instant Adipositas“-Simulation zu steigern. Jeder Proband erhielt zu Beginn des Kurses einen „Fatsuit“ (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]), um eine Körpergewichts- und Volumenzunahme zu schaffen. Insgesamt wurden 6 Stationen durchlaufen, welche die häufigsten Einschränkungen adipöser Menschen in deren erlebten Alltag umfassten, u.a. Schuhe schnüren (siehe Abbildung 2 [Abb. 2]) und das Ein- und Aussteigen aus einem Kleinwagen mit Anlegen des Sicherungsgurtes (siehe Abbildung 3 [Abb. 3]).

Ergebnisse: Die „Instant Adipositas“-Simulation wurde von insgesamt 101 Studierenden der Humanmedizin und Diätschüler/innen in den Räumen der Psychosomatischen Tagesklinik der Universität Würzburg durchlaufen. Die Evaluation der Nachempfindbarkeit körperlicher Einschränkungen und Probleme adipöser Menschen ergab, dass vor Kursteilnahme 59% der Probanden die körperliche Situation übergewichtiger Menschen nachempfinden konnten; nach Kursteilnahme erhöhte sich dieser Wert auf 100% (siehe Abbildung 4 [Abb. 4]) (p-Value=0). Vor der „Instant Adipositas“-Simulation gaben 73% der Teilnehmer an, die seelischen Probleme von adipösen Personen klar nachvollziehen zu können; nach Kursteilnahme konnten 88% der Probanden die seelischen Probleme von adipösen Personen erfassen (siehe Abbildung 5 [Abb. 5]) (p-Value=0.006).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse dieser Studie dokumentieren, dass mittels der „Instant Adipositas“-Simulation das Einfühlungsvermögen von Teilnehmern des o.g. Kurses für die körperlichen Einschränkungen und Beschwerden von adipösen Personen erhöht werden kann. Damit konnte gezeigt werden, dass ein Perspektivwechsel durch die Teilnahme am „Instant Adipositas“-Kurserleben die Empathie für die häufigsten Einschränkungen und Alltagsbeschwerden adipöser Menschen steigert.


Literatur

1.
Filz SA, Swoboda W, Völker W, Faller H, Jelitte M. Instant Aging: Selbsterfahrung des Alterns. Mit Simulation die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel erhöhen. Ger J. 2009;2:37-38.
2.
Juchli L. Ganzheitliche Pflege - Visionen oder Wirklichkeit. 3. Auflage. Basel: Recom; 1993.