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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

23.09. - 25.09.2010, Bochum

Balintgruppenseminar im PJ-Unterricht Allgemeinmedizin: Was bewegt Studierende, welchen Benefit sehen sie?

Poster

  • corresponding author presenting/speaker Silke Roschlaub - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
  • author Cadja Bachmann - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
  • author Hendrik van den Bussche - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland

Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA). Bochum, 23.-25.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10gma132

DOI: 10.3205/10gma132, URN: urn:nbn:de:0183-10gma1326

Veröffentlicht: 5. August 2010

© 2010 Roschlaub et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund, Ziel und Fragestellung: Die Balintgruppenarbeit ist eine bewährte Methode für die Reflexion der Arzt-Patient-Beziehung in der ärztlichen Weiterbildung. Bezüglich ihrer Bedeutung und Wirksamkeit in der studentischen Ausbildung liegen jedoch nur wenige Studien vor. Vor diesem Hintergrund wurde vom Fach Allgemeinmedizin an der Hamburger Medizinischen Fakultät ein Balintgruppenseminar für PJ-Studierende entwickelt. Ziel des Seminars war die Förderung einer praxisrelevanten emotionalen Verstehens- und Handlungskompetenz der Studierenden. Es sollte der Frage nachgegangen werden, welche Themen Medizinstudierende im PJ bewegen und wie ein Balintgruppenseminar in der medizinischen Ausbildung bewertet wird.

Methodik: Sechs Studierende, je 3 Männer und Frauen, nahmen 2010 freiwillig am Pilot-Seminar teil. Es fanden vier Sitzungen statt. Nach einer theoretischen Einführung in die Thematik und Methodik der Balintgruppenarbeit erfolgte unter der Leitung einer psychotherapeutisch ausgebildeten Dozentin anhand studentisch vorgestellter Fallberichte ein problemorientierter Erfahrungsaustausch der Teilnehmer unter Berücksichtigung insbesondere der emotionalen Aspekte der geschilderten Arzt-Patienten-Kontakte. Die Gruppenleiterin hatte eine aktive, supervidierende Funktion. Beispielhafte Störungsbilder wurden psychodynamisch erklärt und in Handouts systematisiert.

Jede Sitzung wurde von der Gruppenleiterin retrospektiv dokumentiert und qualitativ analysiert. Zusätzlich wurde eine anonyme studentische Evaluation des Seminars mittels offener Fragen und Freitextkommentare durchgeführt.

Ergebnis: Zentrales Thema der Studierenden war der häufig als überfordernd und bedrohlich erlebte Umgang mit starken unverstandenen Affektzuständen der Patienten (Depressivität, Aggressivität, Kontrollverlust), die sowohl eine fachliche als auch eine emotionale Verunsicherung im studentischen Erleben zur Folge hatten. Das zentrale studentische Anliegen in der Gruppenarbeit war ein Zugewinn an Professionaliät und Strategien zum Selbstschutz.

In der Evaluation gaben 5 von 6 Teilnehmern an, von dem Seminar profitiert zu haben und zukünftig in einer Balintgruppe mitwirken zu wollen. Durch die Reflexion der Arzt-Patienten-Beziehung würden sie sich in vergleichbaren Situationen zukünftig sicherer fühlen. Die Bereitschaft, sich aktiv am Gruppenprozess zu beteiligen, zeigte sich weniger vom Geschlecht als vom Alter der Teilnehmer abhängig. Die Gruppenatmosphäre wurde von den Männern positiver als von den Frauen erlebt. Die mangelnde Vertrautheit untereinander und die fehlende Beteiligung Einzelner wurde als verunsichernd erlebt.

Schlussfolgerungen: Das Balintgruppen-Angebot fand eine hohe Akzeptanz unter den Teilnehmern. Es zeigte sich ein Bedarf der Studierenden hinsichtlich der Reflexion und Aussprache emotionaler Aspekte in der Arzt-Patient-Beziehung und deren Auswirkung auf das eigene Erleben. Die Gruppenarbeit und Supervision förderten ein psychodynamisches Verstehen und ein professionelleres Selbstbild der Teilnehmer. Die gruppendynamischen Prozesse müssen künftig noch stärker berücksichtigt werden. Aufgrund der positiven Ergebnisse ist ein erweitertes Angebot für PJ-Studierende auch anderer Wahltertiale geplant.