gms | German Medical Science

Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

08.10. - 10.10.2009, Freiburg

Wie lernen Studierende mit Powerpointfolien-Handouts? Eine qualitative Analyse eines verbreiteten Phänomens

How do students learn from powerpoint-slide handouts? Qualitative analysis of a common phenomenon

Vortrag

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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung - GMA. Freiburg im Breisgau, 08.-10.10.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09gmaT1V002

DOI: 10.3205/09gma002, URN: urn:nbn:de:0183-09gma0025

Veröffentlicht: 2. September 2009

© 2009 Prodinger et al.
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Gliederung

Text

Fragestellung: Powerpointpräsentationen sind aus Vorlesungen schwer wegzudenken. Dasselbe gilt bezüglich Lernunterlagen für deren „verkleinerten Bruder“, das Powerpointfolien-Handout (Akronym „Lecho“: „lecture-slide handout“). Lernen aus Lechos ist zwar weit verbreitet, aber bisher wenig erforscht. Als erste Stufe der Untersuchung dieses Phänomens wurde ein qualitatives Design gewählt. Um eine Theorie der auf Lechos gerichteten Handlungen zu entwickeln, sollten in Fokusgruppen (FG) und Einzelinterviews erhobene qualitative Daten mit Verfahren der „Grounded Theory“ kodiert werden.

Methodik: Nach Prüfung ethischer Aspekte wurden Studierende für vier studentisch moderierte FG Diskussionen rekrutiert (n=25; 4 – 10 pro Gruppe; 19 Frauen, 6 Männer). Die anonymisierten Transkripte wurden unter Verwendung von ATLAS.ti ® mit Verfahren der „Grounded Theory“ kodiert. Zur weiteren Entwicklung von Kategorien wurden gezielt weitere Studierende (n=5) für Einzelinterviews rekrutiert. Die erstellte Theorie wurde durch Nachbefragung der Teilnehmer validiert.

Ergebnisse: Im stufenweisen Kodierprozess wurde „Mit Lechos vorskizziertes Wissen lernen“ als Kernkategorie entwickelt. Sie umreißt den orientierenden, verknappenden, „anmalenden“ Charakter des Umgangs mit Lechos: Wissen ist in Lechos nie komplett abgebildet, weder inhaltlich noch formal, aber damit gut strukturierbar. Spezifische untergeordnete Kategorien sind:

1.
„Lechos online stellen“: ist a priori Voraussetzung für Lecho Lernen und damit eine zentrale Machtfrage (Studierende sind abhängig von Lehrenden).
2.
„Abbildung von (Prüfungs-)Relevanz“ begründet den Wert von Lechos über dem Primat von Vorlesungen in der Wissensvermittlung und ihre strategische Stellung zur Abbildung des Stoffumfangs und des „Wert Legens“ durch den Vortragenden.
3.
„Didaktisches Wissen“ ist Layout-Verständnis und auch das Wissen über den Einsatz von Lechos im Lernprozess.
4.
„Vorlesung besser verstehen“: Lechos fördern Lernen während Vorlesungen, da sie Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Motivation verbessern.

Das Klischee des Lechos als einem reinen Surrogat fand sich in den Daten nicht, Lechos fließen individuell kombiniert in Lernstrategien ein, z.B. „Lecho als Orientierungshilfe“ (für Lehrbuch) oder „Lechos transformieren“ (Ausbau zur annotierten Mitschrift (v.a. jüngere Semester) oder "Neufassung als handschriftliches Exzerpt" (v.a. höhere Semester)).

Schlussfolgerungen: Die Theorie erlaubt, die in den Kategorien formulierten Konzepte durch weitere Untersuchungen (auch quantitativ bzw. experimentell) zu testen. Kontextabhängigkeit ist durch Prüfungssystem, Stellenwert der Vorlesung und Einsatz von Präsentationsmedien zu erwarten, ein interuniversitärer Vergleich daher spannend.

Als lokale Evaluation betrachtet, zeigt die Studie, dass Lechos sinnvollerweise vor dem Unterricht verfügbar sind. Für klassische Handouts ist das lange belegt - somit ein valides Argument gegen das häufige Übel verspäteter Folien.