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Forum Medizin 21, 45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Zusammenarbeit mit der Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

22.09. - 24.09.2011, Salzburg, Österreich

Die potentiell unangemessene Verschreibung beim älteren Patienten mit Polypharmakotherapie in der Hausarztpraxis: Eine Pilotstudie aus dem Trentino (I) im Rahmen der Diplomabschlussarbeit der Ausbildung in Allgemeinmedizin. Juni 2010

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Vera Breitenberger - Mitglied der SüGAM: Südtiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Meran, Italien

45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Forum Medizin 21. Salzburg, 22.-24.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11fom193

DOI: 10.3205/11fom193, URN: urn:nbn:de:0183-11fom1937

Veröffentlicht: 14. September 2011

© 2011 Breitenberger.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Unerwünschte Nebenwirkungen treten häufig bei älteren Patienten auf, vor allem bei solchen, die fünf oder mehr Arzneimittel einnehmen. Diese können vorhersehbar, häufig sogar vermeidbar sein und stellen ein enormes medizinisches und ökonomisches Problem dar. Eine der Hauptursachen von Nebenwirkungen ist die unangemessene Verschreibung.

Eine periodische Kontrolle aller Medikamente eines Patienten kann einerseits unnötige Verschreibungen vermeiden und dadurch das Risiko von möglichen Nebenwirkungen vermindern. Andererseits können nicht verschriebene, aber indizierte Medikamente ausfindig gemacht werden. Die Prävalenz der inadäquaten Verschreibung bei älteren Patienten ist weltweit relativ hoch: in Europa variiert sie im ambulanten Bereich zwischen 5,8% und 51,1 %.

Material und Methoden: Das wesentliche Ziel der Studie war die Identifizierung der unangemessenen Verschreibungen einerseits sowie der zwar indizierten, aber unterlassenen Verschreibungen andererseits durch validierte Kriterien beim älteren Patienten mit Multimedikation in der Hausarztpraxis.

In die Studie wurden Patienten von 8 Hausärzten der Region Trentino (I) aufgenommen, welche ≥65 Jahre alt waren und >6 Medikamente in chronischer Therapie einnahmen. Die Patientendaten wurden mit den Kriterien Beer’s und STOPP auf potentiell unangemessene Verschreibungen hin überprüft. Die indizierten, aber nicht verschriebenen Medikamente wurden mit den START-Kriterien ermittelt.

Ergebnisse: Diese Pilotstudie analysierte insgesamt 68 Patienten (Altersdurchschnitt 79,6 Jahre, Prozentsatz an Frauen: 58,8%). Die mittlere Anzahl der chronischen Krankheiten liegt bei 5, die mittlere Medikamentenanzahl bei 9,5 pro Tag.

Die Prävalenz der inadäquaten Verschreibung liegt bei 77,9%, d.h. 53 Patienten wurde ein unangemessenes Medikament der Beer’s- (42,6%) (Tabelle 1 [Tab. 1]) bzw. der STOPP- (66,2%) Liste (Tabelle 2 [Tab. 2]) verschrieben. Die Prävalenz der indizierten, jedoch nicht verschriebenen Medikamente, welche der START- Liste entsprechen, liegt bei 57,3% (Tabelle 3 [Tab. 3]).

Es sind 5 Schwerpunkte aufgefallen, die einer weiteren wissenschaftlichen Vertiefung bedürfen:

1.
Die massive Verschreibung von Protonenpumpenblockern in voller Dosierung ohne zeitliche Begrenzung.
2.
Der generalisierte (Ab-) Usus von Benzodiazepinen.
3.
Die häufige Verschreibung von Ticlopidin, v.a. in der Sekundärprävention der zerebralen Ischämie.
4.
Der zweifelhafte Nutzen von Aspirin in der Primärprävention.
5.
Die häufige Unterlassung der Verschreibung von Statinen.

Schlussfolgerung/Implikation: Diese Studie zeigt, dass die Prävalenz der potentiell unangemessenen Verschreibung sowie der Unterlassung einer indizierten Therapie beim älteren Patienten hoch ist. Validierte Instrumente wie die Beer’s-, STOPP- und START- Kriterien können in der täglichen Routine der Allgemeinmedizin sehr nützlich sein, um die Verschreibung für die ältere Bevölkerung zu verbessern. Weitere Studien mit großen Patientenzahlen sind aber nötig, um die Einflussnahme dieser Anwendungskriterien auf Morbidität, Mortalität, Kosten und Hospitalisierung zu untersuchen.


Literatur

1.
Fick DM, Beers MH. Updating the Beers Criteria for Potentially Inappropriate Medication Use in Older Adults. Results of a US Conensus Panel of Experts. Arch Intern Med. 2003;163:2716-24.
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Gallagher P, Ryan C. STOPP (Screening Tool of Older Person’s Prescriptions) and START (Screening Tool to Alert doctors to Right Treatment). Consenus validation. Int J Clin Pharm Therap. 2008;46:72-83.
4.
Gambassi G, Pedone C. I limiti della farmacologia tradizionale [Short comings of traditional pharmacology]. G Gerontol. 2006;54:170-85.