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EbM – ein Gewinn für die Arzt-Patient-Beziehung?
Forum Medizin 21
11. EbM-Jahrestagung

Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.

25.02. - 27.02.2010, Salzburg, Österreich

Schilddrüsenhormon-Verschreibungen – Diskrepanz zwischen Evidenz und Praxis

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Annika Viniol - Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Philipps-Universität Marburg, Deutschland
  • author Erika Baum - Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Philipps-Universität Marburg, Deutschland
  • author Norbert Donner-Banzhoff - Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Philipps-Universität Marburg, Deutschland

EbM – ein Gewinn für die Arzt-Patient-Beziehung?. Forum Medizin 21 der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität & 11. EbM-Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Salzburg, 25.-27.02.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10ebm046

DOI: 10.3205/10ebm046, URN: urn:nbn:de:0183-10ebm0465

Veröffentlicht: 22. Februar 2010

© 2010 Viniol et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Im Falle der „euthyreoten Struma“ sowie der „subklinische Hypothreose“ gibt es nur unzureichende Evidenz für den Einsatz von Schilddrüsen-(SD)-hormonen. Dennoch werden SD-Hormone bei diesen Indikationen häufig eingesetzt. Die Verordnungszahlen in Deutschland steigen jährlich und sind höher als in Nachbarländern. Ziel dieser Studie war, mehr über die Hintergründe dieser Entwicklung zu erfahren. Die Forschungsfragen lauteten: Wie kamen die Patienten zu ihrer SD-Diagnose? Aufgrund welcher Diagnose nehmen Patienten Schilddrüsenhormone ein (Patientensicht)? Wie lauten die Diagnosen und Therapiebegründungen aus ärztlicher Sicht? Welche persönlichen Vorstellungen haben die Patienten über den Nutzen und Schaden ihrer SD-Hormonmedikation?

Methode: Die Untersuchung war eine Querschnittstudie in hausärztlichem Setting. Insgesamt waren 6 Hausarztpraxen in die Studie eingebunden. Alle Patienten (883), die innerhalb des letzten abgeschlossenen Quartals ein Rezept mit dem Wirkstoff Levothyroxin (LT) (oder in Kombination mit Jodid) bekommen hatten, wurden eingeladen. Davon nahmen 214 Personen teil. Die Daten wurden durch Interviews und Fragebögen in den jeweiligen Hausarztpraxen erhoben. Die Auswertung erfolgte quantitativ und qualitativ.

Ergebnisse: Bei 61,3% der Teilnehmer war die therapierechtfertigende Diagnose in den ärztlichen Unterlagen nicht vollständig vorhanden und damit die Indikation für die Schilddrüsenhormoneinnahme nicht objektiv nachvollziehbar. Bei einem Fünftel aller Teilnehmer war die Schilddrüsen-Diagnose eine Zufallsdiagnose im Rahmen einer Gesundheitsuntersuchung. Krankheitsvorstellungen und Patientenerwartungen beim Arztkontakt waren vom Bildungsstand abhängig. Patienten bewerten die SD-Hormone im Vergleich zu anderen Medikamenten als harmlos. Es konnte nur ein geringer Zusammenhang zwischen Schilddrüsen-Diagnosen und den dafür typischen Beschwerden gefunden werden.

Schlussfolgerung: Trotz Vorhandensein und Kenntnis über die Evidenz einer Therapie wird in der Praxis häufig gegenteilig gehandelt. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle. Zum Einen ist eine evidente Weiterverschreibung nicht möglich, wenn die Informationen der Ärzte über die Diagnosen unvollständig vorhanden sind. Zum Anderen spielen dabei neben rein medizinischen Gründen komplexe Zusammenhänge u.a. auf Ebene der Arzt-Patienten-Beziehung, Patientenpersönlichkeit, psychosoziale Gründe und wirtschaftliche Motive eine Rolle.