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22. Internationaler Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgen

18. bis 21.06.2009, Nürnberg

Keynote Lecture: Vision 2020: Was bleibt – für die deutsche Augenheilkunde – bis 2020 zu tun? Eine Zwischenbilanz

Meeting Abstract

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  • V. Klauß - Universitätsklinikum München, Augenklinik, München

22. Internationaler Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgen. Nürnberg, 18.-21.06.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09docH 4.3

DOI: 10.3205/09doc019, URN: urn:nbn:de:0183-09doc0195

Veröffentlicht: 9. Juli 2009

© 2009 Klauß.
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Gliederung

Text

Die Initiative Vision 2020 wurde 1999 von der WHO ins Leben gerufen.

Ziel ist die Reduzierung von Blindheit weltweit von ca. 50 Mio. auf etwa 20 Mio. in den Jahren 1999 bis 2020.

Die Hälfte der Zeit für die Initiative ist vergangen, ein guter Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz und für einen Blick in die Zukunft:

Was bleibt zu tun, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen?

Zum Zeitpunkt des Beginns der Kampagne musste davon ausgegangen werden, dass pro Jahr 1 bis 2 Mio. Menschen auf der Welt neu erblinden (WHO Definition Sehschärfe weniger als 0,05 am besseren Auge).

Wesentliche Erblindungsursachen 1999 waren in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit:

Katarakt, Trachom, Glaukom, Erblindungen bei Kindern – infektions- und ernährungsbedingt, ROP, Katarakt –, diabetische Retinopathie, Onchozerkose, AMD sowie mind. 5 Mio. Menschen durch unkorrigierte Refraktionsfehler.

Ursache für die Zunahme der Erblindungszahlen sind Alterung und Wachstum der Weltbevölkerung sowie eine mangelhafte augenärztliche Versorgung in vielen Regionen der Erde. Als wesentlicher Erfolg der Kampagne bisher ist ein Rückgang der Zahl der Neuerblindungen (Inzidenz) anzusehen. Dies besonders in den Bereich Kataraktblindheit – vor allem in Asien, herausragend Indien –, Trachom, Onchozerkose, Xerophthalmie, Lepra.

Die Cataract Surgical Rate (CSR) – Zahl der Kataraktoperationen pro Mio. Bevölkerung pro Jahr – ist in vielen Ländern Osteuropas, Lateinamerikas und Asiens signifikant angestiegen, einige Länder haben sogar die Zielvorstellung von einer CSR von 4000 erreicht, besonders beispielhaft ist Indien; nicht nur wegen der steigenden Operationszahlen, sondern auch wegen der preisgünstigen Produktion von Intraokularlinsen, Viscoelastika, Augenmedikamenten und Augeninstrumenten.

Dies war ein großer Schritt, der die Implantation von Intraokularlinsen überall auf der Welt ermöglicht hat. Hierdurch ist auch das Interesse der Bevölkerung an einer Kataraktoperation stark gestiegen. Schwierig bleibt die Situation in Afrika durch mangelnde Aufklärung der Bevölkerung, große Entfernungen, mangelhaften Service.

Erfreulicherweise sinken die Neuerblindungszahlen von Trachom und besonders Onchozerkose, auch Lepra und Xerophthalmie. Es lässt sich absehen, dass – mit Ausnahme von Krisengebieten – Neuerblindungen bei Onchozerkose fast ganz eliminiert werden können, durch Ivermectin-Massentherapie.

Die Einführung einer Massentherapie mit Azithromycin bei Trachom eröffnet die Möglichkeit, dass auch hier die Neuerblindungsrate sinkt. Azithromycin als Ophthalmicum, seit 2008 verfügbar, eröffnet weitere Optionen für Massen- und Individualtherapie.

Die Initiative „Vision 2020 – The Right to Sight“ hat 3 Komponenten:

1.
Die Bekämpfung der wichtigsten Erblindungsursachen
2.
Aufbau einer besseren Infrastruktur, d.h. Kliniken, Ausstattung, Verbrauchsgüter
3.
Aus- und Weiterbildung

In allen 3 Bereichen lassen sich bei Rückblick auf die vergangenen 10 Jahre Fortschritte erkennen, jedoch mit großen geographischen Unterschieden. Generell kann gesagt werden, dass die Inzidenz von Blindheit nach wie vor in ländlichen Gebieten, Krisen- und Hungergebieten, in sehr armen Regionen und in Afrika besonders hoch ist.

Wir Ophthalmologen können häufig die äußeren Umstände einschließlich Politik und Sicherheit nicht beeinflussen, sondern müssen und mit den Gegebenheiten zurechtfinden.

Die Aufgabe für die nächsten 10 Jahre liegt in einer Fortführung und Intensivierung der Initiative mit einer Focussierung auf die besonders betroffenen Regionen und Bevölkerungsgruppen.

Hierzu sind große finanzielle Resourcen erforderlich, die die Trägerorganisationen der Initiative, Weltgesundheitsorganisation (WHO), International Agency for the Prevention of Blindness (IAPB), Nichtregierungsorganisationen (NGO`s) und die Regierungen aller Länder versuchen zusammenzutragen, was in der derzeitigen Situation schwierig ist.

Alle WHO-Mitgliedsstaaten haben sich zur Unterstützung der Blindness Prevention Programme verpflichtet durch die Unterzeichnung von 2 Resolutionen in den Jahren 2006 und 2008.

Zur Situation in Deutschland:

8 Organisationen haben sich zu dem Projekt „Vision 2020 Deutschland“ zusammengefunden und einen Maßnahmenkatalog erarbeitet. Es handelt sich um Organisationen aus dem ophthalmologischen Bereich wie DOG und BVA, Organisationen aus dem Reha-Bereich wie DBSV und Organisationen, die mit Entwicklungsländern zusammenarbeiten wie Christoffel Blindenmission (CBM) und Deutsches Komitee zur Verhütung von Blindheit (DKVB).

Es ist gewünscht, dass die Bundesregierung ihre in Genf eingegangene Verpflichtung einlöst und sich aktiv an dem Programm in Deutschland und in der Dritten Welt beteiligt.

Vision 2020 in Deutschland ist im Gespräch mit dem Gesundheits- und Entwicklungshilfeministerium.

Die größte NGO im Bereich Blindness Prevention hat ihre Heimat in Deutschland, die Christoffel Blindenmission. In Kooperation mit anderen internationalen NGO's ist es gelungen, in den Kernbereichen von Vision 2020 in vielen Ländern und Regionen der Erde eine Verbesserung der Situation herbeizuführen, die Herausforderung ist jedoch weiterhin sehr groß. Inzwischen verschiebt sich die Inzidenz der einzelnen Erblindungsursachen, weg von den Infektions- und ernährungsbedingten Erkrankungen, hin zu den degenerativen Erkrankungen, wie AMD, Glaukom, RD, dies auch in den Entwicklungsländern durch Alterung und Rückgang der Infektionskrankheiten.

Für Vision 2020 kann die deutsche Ophthalmologie auf besonders reiche Erfahrung und Wissen zurückgreifen und in die Initiative einbringen. Die deutsche Augenheilkunde und auch die deutsche Geräte- und Pharmaindustrie sind in allen 3 Prioritätsgebieten von Vision 2020: Disease Control, Infrastructure Development und Human Resource Development sehr stark und sollten sich mehr als in der Vergangenheit in das Programm einbringen.

Dies kann auf individueller Ebene geschehen als direkte Partnerschaft zwischen Kollegen in Deutschland und in der Dritten Welt.

Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele, über die regelmäßig im Rahmen der Sektion Internationale Ophthalmologie der DOG und der Jahrestagung des Deutschen Komitees zur Verhütung von Blindheit berichtet wird.

Auch auf Klinikebene sind langjährige Partnerschaften sinnvoll, insbesondere aber auch zwischen Universitätskliniken.

Aus deutscher Sicht ist es besonders sinnvoll, sich in den Bereich Human Resource Development einzubringen. Die Universitätskliniken können ihre Erfahrungen im Bereich Ausbildung von Medizinstudenten und Facharztausbildung einbringen. Langjährige Partnerschaften zwischen Universitäts-Augenkliniken wie München – Nairobi, Rostock – Kinshasa, Tübingen – Malawi, Kiel – Ghana, Mainz – Kamerun u.a. sind wertvoll für beide Seiten und helfen, die Qualität der Ausbildung zu sichern. Die DOG unterstützt Programme durch Forschungsförderung in den Tropen, Gastdozenturen deutscher Lektoren und die Einladung von internationalen Gästen aus Asien, Afrika und Lateinamerika zu den DOG-Jahrestagungen.

Auch die deutsche Industrie, Beispiele Firma Zeiss und Firma Geuder, engagieren sich massiv für Vision 2020.

Als reiches Industrieland hat Deutschland eine besondere Verpflichtung, sich für die Menschen in ärmeren Ländern im Süden einzusetzen, besonders auch im Gesundheitsbereich.

Wir Augenärzte sollen uns persönlich engagieren, aber auch in der Gesellschaft und bei der Politik als Fürsprecher für Augenkranke und Blinde in den Entwicklungsländern eintreten.

Dies schulden wir Hypokrates und dem Ethos unseres großartigen Berufes.