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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Missbrauch von niedrig potenten Opioiden in Deutschland?

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Kathrin Tholen - Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik, Bremen, Deutschland
  • author Gerd Glaeske - Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik, Bremen, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf158

DOI: 10.3205/11dkvf158, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1583

Veröffentlicht: 12. Oktober 2011

© 2011 Tholen et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Tramadol und Tilidin-Naloxon sind niedrig potente Opioide, die im Rahmen des WHO-Schmerztherapieschemas auf der Stufe II zum Einsatz kommen. Tramadol ist das am häufigsten verordnete Monopräparat unter den Opioiden. Die verordneten defined daily doses (DDD) des Kombinationspräparats aus Tilidin und Naloxon liegen sogar noch über den verordneten Mengen von Tramadol. Jedoch besteht bei Opioiden immer ein gewisses Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial – auch bei den niedrig potenten Opioiden. In der vorliegenden Untersuchung wird analysiert, in wie weit ein möglicher Missbrauch in Deutschland bereits besteht.

Material und Methoden: Als Datengrundlage dienen zum Einen Verordnungsdaten der Gmünder ErsatzKasse (GEK) aus dem Jahr 2009. Hiermit werden insbesondere Auswertungen zu einem möglichen Hochverbrauch (>180 DDD/Jahr) der Substanzen durchgeführt. Zum Anderen werden Zahlen aus dem Arzneiverordnungs-Report (AVR) (abgerechnete Arzneimittel-Verordnungen aus der gesamten GKV) mit Daten der Einkaufsstatistik der öffentlichen Apotheken (IMS Health) (Verbrauch von apothekenpflichtigen Mitteln in Deutschland) ebenfalls aus 2009 verglichen, um Hinweise für einen möglichen „Missbrauch auf Privatrezept“ zu finden.

Ergebnisse: Die Verordnungsprävalenz liegt bei beiden Substanzen bei Frauen höher als bei Männern zudem steigt diese fast kontinuierlich mit steigendem Alter an. Von den Leistungsversicherten (Versicherter mit mind. einer entsprechenden Verordnung) weisen 8,6% einen Tramadol-Hochverbrauch auf und 17,2% einen Tilidin-Hochverbrauch. Außerdem ist nicht nur die durchschnittlich verordnete DDD-Menge, insbesondere bei Tilidin-Naloxon-Präparaten, mit 113,3DDD sehr hoch, sondern auch der Anteil an Tropfen in den Darreichungsformen ist mit ca. 15% nennenswert. Der Unterschied zwischen den AVR-Daten und den IMS Health-Daten liegt höher als bei einer Normalverteilung zu erwarten wäre.

Schlussfolgerung: Aufgrund der hohen Anteile an Hochverbrauchern unter den Leistungsversicherten, der hohen durchschnittlich verordneten DDD-Mengen und der Anteile der Tropfen in den Darreichungsformen kann ein Missbrauch der beiden Substanzen vermutet werden. Durch den Vergleich der AVR- und der IMS Health-Daten ist auch ein ärztlich gestützter Missbrauch auf Privatrezept vorstellbar. Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen (z.B. Darreichungsform) und Hochverbrauch/Missbrauch sollten jedoch in zukünftigen Studien weiter untersucht werden.