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Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie
74. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
96. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie
51. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie

26. - 29.10.2010, Berlin

Der Kleinwagen – ein Polytraumalieferant? Betrachtung der Verletzungsinzidenz im Realunfall

Meeting Abstract

  • A. Ernstberger - Universitätsklinikum Regensburg, Abteilung für Unfallchirurgie, Regensburg, Germany
  • R. Friese - AARU Verkehrsunfallforschung, AUDI AG, Ingolstadt, Germany
  • M. Kiss - AARU Verkehrsunfallforschung, AUDI AG, Ingolstadt, Germany
  • M. Junge - VOLKSWAGEN AG, Unfallforschung, K-EFFS/G, Brieffach 1777, Wolfsburg, Germany
  • P. Angele - Universitätsklinikum Regensburg, Abteilung für Unfallchirurgie, Regensburg, Germany
  • M. Nerlich - Universitätsklinikum Regensburg, Abteilung für Unfallchirurgie, Regensburg, Germany

Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie. 74. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, 96. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, 51. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie. Berlin, 26.-29.10.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. DocWI37-1547

DOI: 10.3205/10dkou338, URN: urn:nbn:de:0183-10dkou3387

Veröffentlicht: 21. Oktober 2010

© 2010 Ernstberger et al.
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Gliederung

Text

Fragestellung: Viele Menschen halten kleinere Fahrzeuge für unsicherer. Patienten berichten, dass sie sich extra ein größeres Fahrzeug angeschafft haben, um einen besseren Unfallschutz zu haben. Crash-Tests, bei denen die Fahrzeugmasse eine Rolle spielt, scheinen dieses Gefühl zu bestätigen. Ist der Kleinwagen tatsächlich ein unsicheres Fahrzeug?

Methodik: Prospektiv wurden bei Unfällen die Verletzungen der Insassen und technische Unfalldaten erhoben.

Eingeschlossen wurden gegurtete Frontinsassen, die in einem Automobil der Baujahre 1995–2004 verunfallten. Als Proxyvariable der Fahrzeuggröße wurde das Gewicht herangezogen. Als klein sollte ein Wagen bis zur unteren Mittelklasse gelten, so dass die Grenze bei 1350 kg Leergewicht gezogen wurde.

Ausgewertet wurde der ISS der verunfallten Person und der höchste AIS (MAIS), in Korrelation mit der Unfallart (Alleinunfall, Unfall gegen andere Fahrzeuge) und die technische Unfallschwere (delta v). Die statistische Prüfung erfolgte mittels Chi2- und Mann-Whitney-U-Test.

Ergebnisse und Schlussfolgerungen: 7712 verunfallte Personen können zur Analyse herangezogen werden, 4992 in leichteren, kleineren Fahrzeugen (K), 2339 in schwereren, größeren (G). Beim Vergleich der Gruppen zeigt sich weder für den Anteil der Personen mit Polytrauma (ISS≥16: 1,16% (K); 1,31%(G)), noch für die Personen mit ernsthaften Verletzungen (MAIS≥2: 7,47% (K); 6,67% (G)) ein signifikanter Unterschied.

Signifikant weniger Polytraumata und auch ernsthaft Verletzte können für die Kleinwageninsassen im Alleinunfall gesehen werden (ISS≥16: 4,32% (K); 9,88% (G) (p=0,01); MAIS≥2: 23,28% (K); 33,15% (G);p=0,009). Betrachtet man die Unfallschwere, so zeigt sich diese bei der Gruppe G signifikant erhöht (p=0,001).

Bei Unfällen gegen einen anderen PKW besteht für den Anteil der polytraumatisierten Fahrzeuginsassen kein signifikanter Unterschied für Kleinwageninsassen (ISS≥16: 0,85% (K); 0,59% (G); p=0,504), bei den ernsthaft Verletzten kann eine signifikante Erhöhung (MAIS≥2: 7,58% (K); 5,05% (G); p=0,026) gesehen werden, wobei für die Unfallschwere kein signifikanter Unterschied zu erkennen ist.

Der gegurtete Frontinsasse eines Kleinwagens hat im realen Unfallgeschehen kein erhöhtes Risiko, ein Polytrauma oder eine ernsthafte Verletzung im Vergleich zum Insassen eines größeren PKW zu erleiden.

Im PKW-Unfall ist keine erhöhte Polytrauma-Rate für Kleinwageninsassen über alle PKW-PKW-Unfälle zu finden. Es zeigt sich eine erhöhte Inzidenz für Verletzungsmuster unterhalb des Injury Severity Score von 16.

Im Alleinunfall zeigt sich eine geringere Inzidenz sowohl für ernsthafte Verletzungen als auch für Polytraumata für Kleinwageninsassen. Das kleinere, leichtere Automobil ist kein Polytraumalieferant!