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67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
89. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie
44. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie

11. bis 16.11.2003, Messe/ICC Berlin

Private Unfallversicherung: Datenerhebung und Datenanalyse als erster Schritt zu einem Traumaregister

Kurzbeitrag (DGU 2003)

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  • Nicola-Alexander Sittaro - Medizinischer Direktor Hannover Rückversicherung/E+S Rückversicherung

Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie. 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, 89. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und 44. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie. Berlin, 11.-16.11.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. Doc03dguD15-2

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgu2003/03dgu0365.shtml

Veröffentlicht: 11. November 2003

© 2003 Sittaro.
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Gliederung

Text

Unfällen mit Personenschäden kommt in der privaten Versicherungswirtschaft eine große Bedeutung zu. Allein das Prämienvolumen für die private Unfallversicherung belief sich im Jahre 2002 in Deutschland auf 5,485 Mrd. EUR. Ca. 40 % der Bevölkerung haben eine private Unfallversicherung. Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung stehen Unfälle für ca. 8 bis 20 % - je nach Alter - aller Leistungsfälle. In der allgemeinen Haftpflichtversicherung und der Kfz-Haftpflichtversicherung entfallen ca. 40 % aller erbrachten Leistungen auf Personenschäden. Im Jahre 2001 waren dies allein im Kraftfahrzeugbereich 5,3 Mrd. EUR. Insgesamt brachte die Deutsche Versicherungswirtschaft im Jahre 2001 ca. 12 Mrd. EUR zur Begleichung von Unfallverletzungen auf.

Für den Unfallversicherer, mehr aber noch für den Haftpflichtversicherer ist bei Personenschäden die frühe Vorhersagbarkeit der endgültigen Prognose von wesentlicher Bedeutung. Hierbei ist für die private Versicherungswirtschaft die Prognose immer als eine Kostenprognose zu sehen. Deswegen ist auch die Analyse der einzelnen Faktoren, die zu den Gesamtkosten beitragen, besonders wichtig. Es versteht sich von selbst, dass bei einer solchen Betrachtungsweise natürlich die vollständige Invalidität mit andauernder Erwerbsunfähigkeit zu besonders hohen Kosten führt, während die partielle Invalidität mit möglicher Wiedereingliederung in das Berufsleben günstiger zu bewerten ist.

Bevor die einzelnen Faktoren und ihre Vorhersagbarkeit dargestellt werden, sollten jedoch die Personenschäden im Kfz-Bereich einmal unter der typischen Betrachtungsweise der Haftpflichtversicherung dargestellt werden.

Der Schadenaufwand im Kfz-Bereich hat im Jahre 2002 13,1 Mrd. EUR in Deutschland erreicht. Diesen 13,1 Mrd. EUR liegen insgesamt 4,1 Mio Einzelschäden zugrunde. Diese Schäden teilen sich im Verhältnis 10:1 auf Sachschäden und Personenschäden auf. In 2002 ist es zu ca. 400.000 Personenschäden gekommen.

Eine typische Betrachtungsweise der Kfz-Schäden ist die, dass Kostenklassen gebildet werden. Wie zu erwarten, verteilt sich der überwiegende Teil der Schäden auf Kostenklassen unter 50.000 EUR. Zwischen 97 und 98 % aller Schäden entfallen auf diese Gruppe. [Abb. 1]

In einer detaillierten Betrachtung zeigt sich, dass ca. 90 % aller Personenschäden im Kfz-Bereich auf das Schleudertrauma der Halswirbelsäule entfallen. Der durchschnittliche Aufwand für eine solche Schädigung liegt um 1.350 EUR.

Interessanter wird die Betrachtungsweise, wenn die anfallenden Kosten anteilig an den Gesamtkosten betrachtet werden. Die wenigen Schäden, über 500.000 EUR ha-ben im Jahre 2001 6 % der Gesamtkosten repräsentiert, d.h. obwohl nur wenig mehr als 3 % aller Schäden über 50.000 EUR haben diese Schäden insgesamt knapp 27 % der Gesamtkosten ausgemacht. [Abb. 2]

Die versicherungstypische Betrachtung der Großschäden wird üblicherweise in ein Tabellensystem dargestellt, dass auf der einen (senkrechten) Achse die Anfallsjahre der Großschäden darstellt und auf der horizontalen Achse die Abwicklungsjahre. [Abb. 3]

Ein solches Diagramm liest sich so, dass die im Jahre 1987 angefallenen Großschä-den über z.B. 2 Mio DM sich im Laufe der Zeit zu einer immer größeren Anzahl entwickelt haben. Das heißt aus den Unfällen im Jahre 1987 gab es ursprünglich nur 13 Schäden über 2 Mio, neun Jahre nach dem Unfalljahr sind es aber insgesamt 93 solcher Schäden geworden. Im Anfallsjahr 1996 hat es aber bereits 107 Schäden über 2 Mio DM gegeben. Der Haftpflichtversicherer leitet jetzt aus der Entwicklung der Schäden bezogen auf ein bestimmtes Anfallsjahr und unter Betrachtung aller Abwicklungsjahre die Vorhersage der Großschadenentwicklung für die nahe Zukunft ab. So ergibt sich aus einer Hochrechnung der E+S Rück folgende Entwicklungen bei Personenschäden > 2,5 Mio EUR: Anfallsjahr 2001: 31 Fälle, die sich hochgerechnet auf das Jahr 2012 sich zu 71 Fällen entwickeln.

Langzeitprognose bzw. Langzeitkosten

Die Schwere des Unfalls bestimmt natürlich die unmittelbaren und langfristigen medizinischen Behandlungskosten einschließlich der Bereitstellung von Heil- und Hilfsmitteln. Der aus dem Unfall resultierende Invaliditätsgrad bestimmt im Zusammenhang mit der Lebenserwartung alle Aufwendungen im Bereich der Lohnersatzleistungen. Bei besonders schweren Unfällen müssen auch die sich die ergebenden Pflegekosten berücksichtigt werden. Im Haftpflichtbereich spielen dann weiterhin die Kosten durch eine Einschränkung der Lebensführung, - wie die Haushaltsführungskosten -und weiterhin das je nach Unfallschwere zu leistende Schmerzensgeld eine große Rolle.

Besonders im Haftpflichtbereich sollte diese Kostenprognose zum frühestmöglichen Zeitpunkt so genau wie möglich erhoben werden, da die Reserve für die zukünftige Schadenabwicklung gestellt werden muss.

Das heißt, dass auf viele Jahre - sogar Jahrzehnte - im voraus Aussagen zu folgen-den Indikatoren gemacht werden müssen:

·Lebenserwartung

·Dauerhafter Invaliditätsgrad

·Pflegeeintrittswahrscheinlichkeit

·Dauer oder Arbeitsunfähigkeit

·Stationäre und ambulante medizinische Behandlungskosten

·Medizinische Rehabilitationskosten

·Berufliche Rehabilitationskosten

·Verminderung der Kosten durch mögliche medizinische Interventionen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass z.B. ein Invaliditätsgrad zwischen 76 und 100 % bezogen auf den Bestand der SUVA (Schweizerische Unfallversicherung) einer Übersterblichkeit von 86 % entspricht. Das heißt für einen 50jährigen Mann führt dieser Invaliditätsgrad zu einer Verminderung der Lebenserwartung von 8.5 Jahren.

Besonders komplex wird die Vorhersage der zu erwartenden zukünftigen Kosten, dadurch, dass die sich die oben aufgeführten Faktoren ständig verändern. Die Lebenserwartung nimmt in der Allgemeinbevölkerung zu. Dies gilt aber auch für schwerverletzte Personen. Die medizinischen Behandlungskosten unterliegen bezogen auf die letzten 10 Jahre einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung zwischen 6,6 und 8,1 % pro Jahr. Bezogen auf die Pflegesätze in Querschnittszentren beträgt die medizinische Inflation in diesen Einrichtungen ca. 7% pro Jahr. Nicht vorhersagbar sind weiterhin die mit Sicherheit zu erwartenden dramatischen Kostenverände-rungen durch den medizinischen Fortschritt selbst.

Elektronisches Referenzsystem zur Vorhersage zukünftiger Kosten

Es ist das Ziel der E+S Rück durch eigene Studien und durch besondere Auswertun-gen bestehender Studien und Datenbänke ein Referenzsystem zur Vorhersage zukünftiger Kosten aufzubauen. Unter Berücksichtigung des Alters, des Geschlechts des Berufes des Schädigungsmusters und weiterer medizinischer Faktoren soll eine evidenzbasierte Vorhersage der Kosten erfolgen. Gegenwärtig werden hierzu heterogene Datenbanken zur verletzungsabhängigen Vorhersage folgender Faktoren genutzt:

·Voraussichtlicher Invaliditätsgrad

·Stationäre Behandlungsdauer

·Durchschnittliche Rehabilitationsdauer

·Berufliche Rehabilitation

·Lebenserwartung

·Pflegeeintrittswahrscheinlichkeit

Die Patientendaten der Hannover Polytraumastudie (HPLS) wurden nach dem System der Kostenanalyse der gesetzlichen Unfallversicherung sowie der Kraftfahrthaftpflichtversicherung aufbereitet. Es ist mit dieser Aufbereitung möglich, Kostenklassen zu bilden und die einzelnen in diesen Klassen platzierten Patienten im Detail zu bewerten. Im Einzelnen wurden für die Hannover Polytraumastudie die folgenden Berechnungsgrundlagen in Ansatz gebracht:[Abb. 4]

Aufgrund der noch nicht vollständigen Auswertung der Daten ist das z.Zt. berechnete Modell auf das Bezugsjahr 2002 abgestellt, d.h. wir haben simuliert, dass sich die Kosten so verhalten, als ob die Unfälle im Jahre 2002 stattgefunden hätten. Wie nicht anders zu erwarten, liegen nur 11 der 637 Fälle bei Kosten von 1 Mio EUR oder mehr.

Während die Auswertung der Hannover Polytraumastudie im Detail noch nicht zu Ende geführt sind, ist dies für ältere Studien aber bereits geschehen. Wir haben die 88.146 Arbeits- und Wegeunfälle der FAT-Studie (Forschungsvereinigung Automobil-technik e.V.) genommen und nach Versicherungsaspekten aufbereitet und hierbei ganz neue Erkenntnisse gewinnen können. Hier mussten die Daten der Vergangenheit auf die Zukunft projiziert werden. Die Datensätze der FAT-Studie wurden so aufbereitet, dass eine Verletzungslokalisation mit dem größtmöglichen Detail erfolgen kann. Für Verletzungen der oberen Extremität gibt es folgende Regionen: Schulter und Oberarm, Ellenbogen, Unterarm sowie Hand und Handgelenk. Die Frakturlokalisation kann im Schulter und Oberarmbereich auf die Regionen Schulterblatt, Schlüsselbein, Schultergelenk, Oberarmkopf und Oberarmschaft heruntergebrochen wer-den. [Abb. 5], [Abb. 6]

Als weitere Gruppierung für die Verletzten kann noch unterschieden werden, nach Einzel- und Mehrfachdiagnosen sowie nach Verletzungsfolgen klassifiziert in Funktionsminderung und folgenlosen Verletzungen. Mit diesem Ansatz ist es möglich genügend große Fallgruppen für relativ spezifische Verletzungen zu erstellen. Die gesamten Daten wurden in ein Datenbanksystem eingebaut und sind über einfache Suchalgorithmen kombinierbar und reproduzierbar.

Die beschriebene Auswertung und Umwandlung der FAT-Studie zu einem Kostenbewertungssystem soll in ähnlicher Weise mit den Daten der Hannover Polytraumastudie erfolgen. Als weitere Referenzdatenbank werden ebenfalls die Daten der Schweizerischen Unfallversicherung hinzugezogen. Zur weiteren Ergänzung werden in den nächsten Jahren Studien durchgeführt, die sich besonders mit schwersten Verletzungen befassen werden. Es ist beabsichtigt, eine ähnliche Studie wie die Hannover Polytrauma-Langzeitstudie für Schädenhirnverletzungen und Verletzungen der Wirbelsäule durchzuführen. Wir versprechen uns, dass mit dem Zusammenfügen aller Daten ein Vorhersageinstrument geschaffen werden kann, das hinsichtlich der integrierten Anzahl der Patienten, der Länge des Beobachtungszeitraums sowie der Genauigkeit der Kostenerfassung und Bewertung einzigartig sein wird. Schon mit den heute zur Verfügung stehenden Daten und Einbringung dieser Daten in ein Bewertungssystem wird eine Genauigkeit der Vorhersage der zukünftigen langfristigen Kosten erreicht, die noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbar war.