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43. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen e. V. (DGPRÄC), 17. Jahrestagung der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen e. V. (VDÄPC)

13.09. - 15.09.2012, Bremen

Nikolaus Rüdinger (1832–1896) – vom Barbierlehrling zum Anatomieprofessor und seine Erstbeschreibung der Gelenkinnervation 1857 als Grundlage der modernen chirurgischen Gelenkdenervation

Meeting Abstract

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  • presenting/speaker A. Gohritz - MHH, PHW-Chirurgie, Hannover, Germany
  • L.A. Dellon - Johns Hopkins Universität, Baltimore, United States
  • E. Kaiser - Ludwig-Maximilian-Universität, Anatomische Anstalt, München, Germany
  • P.M. Vogt - MHH, PHW-Chirurgie, Hannover, Germany

Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen. 43. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), 17. Jahrestagung der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Bremen, 13.-15.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. DocFTVP09

DOI: 10.3205/12dgpraec225, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpraec2253

Veröffentlicht: 10. September 2012

© 2012 Gohritz et al.
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Gliederung

Text

Die selektive Denervierung hat sich heute als palliative Behandlungsmethode bei Gelenkschmerzen unterschiedlicher Ursache bewährt, vor allem am Handgelenk, aber auch z. B. an Schulter, Ellenbogen, Daumensattelgelenk, Knie und Sprunggelenk. Die Voraussetzungen dieses chirurgischen Vorgehen wurden von der Münchner Anatom Nikolaus Rüdinger (1832–1896), der im Jahre 1857 akribisch die Innervation der Gelenke des gesamten menschlichen Körpers beschrieb. Dieser Beitrag beleuchtet die außergewöhnliche Biographie und wissenschaftliche Karriere dieses weithin unbekannten Forschers.

1832 als letztes von 12 Kindern eines Bauern geboren, machte Rüdinger eine wohl einzigartige Karriere vom Barbierlehrling zum Militärchirurgen und international angesehenen Anatomieprofessor in München. Nach seiner 1857 erschienen Monographie über „Die Gelenknerven des menschlichen Körpers“ verfasste er noch etwa 90 wissenschaftliche Arbeiten, wobei er als Erster weltweit Fotografien (des bayrischen Hof-Fotografen Joseph Albert) in einem Anatomieatlas verwendete. Rüdinger war manuell und technisch äusserst begabt, erfand die Karbolinjektion zur Konservierung von Leichen und bereicherte die Anatomische Sammlung um zahlreiche damals einzigartige Präparate, z. B. des Innenohres und des peripheren Nervensystems. Wie Pirogoff (1810–1881) verwendete er hierzu auch Durchschnitte an gefrorenen Leichen als frühe Tomographien, berühmt war unter Münchener Studenten sein plastisches Pappmaché-Modell des Rumpfes in 8 Sagittal-Schnitten, genannt „Scheiben-Toni“. Rüdinger leitete 1886 die Obduktion und spätere Einbalsamierung von König Ludwig II von Bayern (1845–1886). Der Vortrag vergleicht die anatomischen Untersuchungen Rüdingers mit den modernen Techniken, die vor allem von Albrecht Wilhelm (*1929) zur „totalen“ und Lee Dellon (*1944) zur „partiellen“ Gelenkdenervation entwickelt wurden.

Zusammengefasst bietet die Betrachtung von Rüdingers Leben und Werk einen inspirierenden Einblick in die Entwicklung und Tradition unseres chirurgischen Fachgebietes im 19. Jahrhundert und zeigt beispielhaft den Wert der deskriptiven funktionellen Anatomie, auch wenn die praktische chirurgische Anwendung erst ein Jahrhundert später realisiert werden konnte.