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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Veränderung von Sprechen und Stimme bei Patienten mit Mucopolysaccharidosen

Poster

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  • author presenting/speaker Todsaporn Nakarat - Samitivej Srinakarin Hospital, Bangkok Hospital Group, Bangkok, Thailand
  • author Christina Lampe - Villa metabolica der Kinderklinik der Universitätsmedizin Mainz, Mainz, Deutschland
  • Ulrich Jantzen - Schwerpunkt Kommunikationsstörungen der HNO Klinik der Universitätsmedizin Mainz, Mainz, Deutschland
  • corresponding author Annerose Keilmann - Schwerpunkt Kommunikationsstörungen der HNO Klinik der Universitätsmedizin Mainz, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppP16

DOI: 10.3205/12dgpp36, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp364

Veröffentlicht: 6. September 2012

© 2012 Nakarat et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Hintergrund: Die Mucopolysaccharidosen bilden eine Gruppe von lysosomalen Speichererkrankungen, bei denen es durch die Ansammlung der nicht weiter verarbeiteten Metaboliten in den Lysosomen zu verschiedensten Symptomen kommt. Die Ansammlung der Glycosaminoglycane in den oberen Luftwegen führt auch zu Veränderungen der Aussprache und der Stimmproduktion

Material und Methoden: Bei 44 Patienten mit Mucopolysaccharidosen (MPS I, II, IV) wurden standardisierte Untersuchungen durchgeführt. Untersucht wurden die Sprechdiadochokinese, die Voice-onset time, die Grundfrequenz für die Sprechstimme sowie die Irregularität und die Behauchtheit im Göttinger Heiserkeitsfeld.

Ergebnisse: Es zeigte sich, dass die Patienten Silben langsamer und unregelmäßiger produzieren können. Bei den meisten Patienten zeigte sich eine verkürzte Voice-onset time für stimmlose Konsonanten. Die Grundfrequenz der Sprechstimme war bei vielen Männern zu hoch. Im Göttinger Heiserkeitsdiagramm zeigte sich bei vielen Individuen eine höhere Behauchtheit und Irregularität.

Diskussion: Mit dem entwickelten Untersuchungsprotokoll können die Veränderungen von Sprechen und Stimme bei MPS-Patienten standardisiert erfasst werden, so dass zum einen eine Kontrolle des Verlaufs, zum anderen aber auch ein Monitoring therapeutischer Auswirkungen ermöglicht wird.


Text

Einleitung

Die Mucopolysaccharidosen (MPS) bilden eine Gruppe von lysosomalen Speichererkrankungen, bei denen es durch die Ansammlung der nicht weiter verarbeiteten Metaboliten in den Lysosomen zu verschiedensten Symptomen kommt. Zu den Veränderungen im Kopf-Hals-Bereich zählen wulstige Lippen, eine Makroglossie, eine Volumenzunahme der Schleimhäute im Bereich der Nase, des Naso-, Oro- und Hypopharynx sowie des Kehlkopfes [1], [2], [3]. Diese Strukturen sind für die Stimmgebung und das Sprechen von Bedeutung. Ziel der Studie war eine Untersuchung und Dokumentation des natürlichen Verlaufs bei MPS I (OMIM 252800), MPS II (OMIM 309900) und MPS VI (OMIM 253200). Zudem wurde der Effekt einer Enzymersatztherapie (ERT) in einer Subgruppe mit MPS II studiert.

Methoden

Bei 44 Patienten mit Mucopolysaccharidosen (MPS I, II, IV) wurden standardisierte Untersuchungen durchgeführt. Alle Patienten bzw. deren gesetzliche Vertreter hatten hierfür ihr Einverständnis erteilt. Die Gruppe umfasste 4 Patienten und 7 Patientinnen mit MPS I, 14 Patienten mit MPS II sowie 6 Patienten und 13 Patientinnen mit MPS VI. Soweit nicht anders angegeben wurden Mittelwerte und Standardabweichungen (±SD) berechnet. Zum Zeitpunkt der Untersuchung lag das Altersmittel bei 21,74 ± 11,70 Jahren (4–48 Jahre). Die eingeschlossenen männlichen Patienten waren älter (26,05 ± 11,55; 8–48 Jahre] als die Patientinnen (17,00 ± 10,14; 4–38 Jahre).

Patienten, die wegen ihrer MPS in der Villa metabolica in Mainz (einem Zentrum für lysosomale Speicherkrankheiten) betreut werden, werden regelmäßig auch im Schwerpunkt Kommunikationsstörungen vorgestellt. Routinemäßig erfolgt eine Untersuchung von Kopf und Hals incl. Ohrmikroskopie sowie eine Audiometrie und – soweit die Kooperation ausreicht – eine Endoskopie von Pharynx und Larynx. Die Stimmaufnahmen und Schallanalysen wurden in einem ruhigen Raum durchgeführt. Ein KayPENTAX Computerized Speech Lab (CSL, model 4500; KayPENTAX, Montvale, New Jersey, USA) wurde zur Bestimmung der voice onset time (VOT) und zur Untersuchung der Sprechdiadochokinese (DDK) mit dem Motor Speech Profile (MSP) verwandt. Die DDK wurde auch bei 4 Patienten mit MPS II vor Beginn und ein Jahr nach Beginn der ERT (mit Idursulfase; Elaprase®, Shire HGT). untersucht. Bei der Sprechdiadochokinese wurden die Parameter durchschnittliche DDK-Periode (DDKavp), durchschnittliche DDK-Rate (DDKavr), Standardabweichung der DDK Periode (DDKsdp) und der Variationskoeffizient der DDK Periode (DDKcvp) bestimmt. Mit dem Göttinger Heiserkeitsdiagramm wurden die Stimmgüteparameter Jitter, Shimmer, mittlere Periodenkorrelation (mittlere Korrelation zwischen je 2 aufeinander folgenden Perioden) und das Signal-Störgeräuschverhältnis (glottal-to-noise excitation ratio) bestimmt. Zusätzlich wurde die Grundfrequenz der gehaltenen Vokale zur Abschätzung der mittleren Sprechstimmlage gemessen.

Ergebnisse

Audiometrie: 6 der 11 Patienten (alle weiblich) mit MPS I hörten normal. 2 Patienten und eine Patientin litten unter einem kombinierten Hörverlust. Eine Patientin hatte eine Schallleitungsschwerhörigkeit und ein Patient eine reine Schallempfindungsschwerhörigkeit. Kein Patient mit MPS II hörte normal. 11 Patienten mit MPS II litten unter einer reinen Schallempfindungsschwerhörigkeit, 6 unter einem kombinierten Hörverlust. Ein Patient und 6 Patientinnen mit MPS VI hörten normal. Je 3 Patienten und Patientinnen zeigten eine Schallleitungsschwerhörigkeit, 2 Patienten und 4 Patientinnen wiesen einen kombinierten Hörverlust auf.

Voice-onset time (VOT): Das Mittel für die VOT bei Patienten mit MPS I, II und VI, die /pa/ sagen sollten, betrug 23,29 ± 5,42 ms, 30,84 ± 13,51 ms bzw 25,04 ± 13,39 ms. Die Werte sind in Abbildung 1 [Abb. 1] über das Alter aufgetragen und lagen überwiegend unter 40 ms, was man bei Gesunden mindestens erwarten würde (Die Silbe klingt also eher wie /ba/ als wie /pa/.).

Sprechdiadochokinese (DDK): Patienten mit MPS artikulieren langsamer und weniger regelmäßig. Bei der Untersuchung der Auswirkungen der Enzymersatztherapie ergab sich keine klare Tendenz. Bei 2 Patienten besserte sich die orale Diadochokinese, bei den anderen beiden verschlechterte sie sich.

Göttinger Heiserkeitsfeld (GHD): Nur wenige Patienten mit MPS haben eine normal klingende Stimme. Bei 7 Patienten zeigte sich sogar ein stark pathologischer Jitter und bei 3 Patienten ein stark pathologischer Shimmer.

Mittlere Sprechstimmlage: Beim GHD wurden die Patienten korrigiert, wenn Sie deutlich von der mittleren Sprechstimmlage (MSSL) abwichen. Zur Abschätzung der mittleren Sprechstimmlage wurde die Grundfrequenz der gehaltenen Vokale aus dem GHD analysiert. In der Abbildung 2 [Abb. 2] sind die gemessenen Grundfrequenzen in Abhängigkeit vom Alter der Patientinnen (obere Hälfte) und der Patienten (untere Hälfte) aufgetragen. Es fällt auf, dass die mittlere Sprechstimmlage häufig hoch ist und bei den männlichen Patienten offenbar oft kein regelrechter Stimmwechsel stattgefunden hat.

Diskussion und Schlussfolgerung

Mit dem entwickelten Untersuchungsprotokoll können die Veränderungen von Sprechen und Stimme bei MPS-Patienten standardisiert erfasst werden, so dass zum einen eine Kontrolle des Verlaufs, zum anderen aber auch ein Monitoring therapeutischer Auswirkungen ermöglicht wird. Die reduzierte Diadochokineserate und die größere Unregelmäßigkeit der Bewegungen spiegelt die Probleme von Patienten mit MPS wider, präzise Bewegungen mit Lippe, Zunge, Kiefer und Kehlkopf auszuführen. Die Heiserkeit und die hohe Stimmlage rühren von den Veränderungen in Larynx und Hypopharynx her, die zu einer häufig gepressten Stimmgebung führen.

Mit dem nicht invasiven Untersuchungsprotokoll, für das auch bei vielen Patienten mit der neuropathischen Verlaufsform einer MPS eine Kooperation erreicht werden kann, ist eine Dokumentation der Sprech- und Stimmveränderungen möglich.


Literatur

1.
Clarke LA. Clinical diagnosis of lysosomal storage disease. In: Applegarth DA, Dimmick JE, Hall JG, eds. Organelle Diseases. London: Chapman and Hall; 1997. p. 37-71.
2.
Myer CM 3rd. Airway obstruction in Hurler's syndrome--radiographic features. Int J Pediatr Otorhinolaryngol. 1991 Jul;22(1):91-6.
3.
Papsin BC, Vellodi A, Bailey CM, Ratcliffe PC, Leighton SE. Otologic and laryngologic manifestations of mucopolysaccharidoses after bone marrow transplantation. Otolaryngol Head Neck Surg. 1998 Jan;118(1):30-6.