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28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
2. Dreiländertagung D-A-CH

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie; Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie

09.09. - 11.09.2011, Zürich, Schweiz

Konzepte zur Stabilisierung der Lebensqualität im Alter

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Mike Martin - Zentrum für Gerontologie, Universität Zürich, Zürich, Schweiz

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 28. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), 2. Dreiländertagung D-A-CH. Zürich, 09.-11.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dgppR01

DOI: 10.3205/11dgpp83, URN: urn:nbn:de:0183-11dgpp834

Veröffentlicht: 18. August 2011

© 2011 Martin.
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Gliederung

Text

Die ressourcenorientierte Sichtweise der Gerontologie steht im Kontrast zur frühen gerontologischen Forschung mit ihrem vornehmlich medizinischen Hintergrund, der vor allem Aspekte des Rückgangs der körperlichen Leistungsfähigkeit und der altersassoziiert häufigeren Morbidität und der Mortalität untersuchte. Alter selbst wurde praktisch gleichgesetzt mit Abbau, also als Lebensphase nach Überschreiten des Leistungshöhepunkts der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit. Bis heute spiegelt sich dies im alltäglichen Sprachgebrauch wider, wenn eine chronologisch alte Person eine hohe Leistungsfähigkeit aufweist und man sagt, dass diese Person „nicht wirklich alt“ sei. Die abbauorientierte Sicht auf das Alter hat sich in der Theorienentwicklung besonders dann als fruchtbar erwiesen, wenn durch eine spezifische Leistungsverringerung das Wohlbefinden älterer Personen beeinträchtigt wird. Dann zeigt sich, dass Interventionsmassnahmen zur gezielten Behebung von spezifischen Leistungsverlusten erhebliche Auswirkungen auf die Verbesserung der Leistungen und des Wohlbefindens haben. Häufig wird die Betonung des alterskorrelierten Abbaus von Leistungsfähigkeit als einseitig defizitorientiert kritisiert. Die gewinnorientierte Sicht auf das Alter erweist sich dann als fruchtbar, wenn nach möglichen Schutzfaktoren gesucht wird, deren Stützung zur Stabilisierung der Selbständigkeit im Alter beitragen. Beide Sichtweisen, die Betonung von Abbau wie die Betonung möglicher Zugewinne, haben den Fokus auf jeweils einzelne Dimensionen der Leistung gemeinsam. Der Streit darüber, welche einzelne Dimension die wichtigste ist, ist jedoch müssig. Selbstverständlich kann angenommen werden, dass mit zunehmender Nähe zum Tod Leistungsabnahmen unvermeidlich sind, denn mit dem Tod sind alle Leistungsfähigkeiten erloschen. Erst die gleichzeitige Beachtung mehrerer Leistungsdimensionen (Multidimensionalität) in Verbindung mit der Funktionalität von Fähigkeiten (Fähigkeiten dienen zur Erreichung individuell bedeutsamer Ziele und sind kein Selbstzweck) sind der entscheidende theoretische Fortschritt, ohne den die Konzepte der Plastizität und Kompensation gar nicht denkbar geworden wären. Erstaunlich ist dabei die Tatsache, dass mit zunehmendem Alter die Lebensqualität im Verhältnis zur Zunahme an Belastungen oder Abnahme an Leistungsfähigkeit sehr viel weniger abnehmen, als man eigentlich erwarten müsste. Im Vortrag wird es daher darum gehen, wie die Stabilisierung von Lebensqualität gefördert werden kann.

Zentral ist dabei der Begriff der Orchestrierung von Ressourcen. Danach beschreibt die kontextadäquate aktive Nutzung von Ressourcen zur Erreichung der selbstgesetzten Ziele (also ein regulativer Prozess) die Herausforderung im Alter. Das heisst, das Leistungsparameter immer im Hinblick auf die individuellen, sozialen, historischen und räumlichen Kontexte gesehen werden müssen, in denen alte Personen sich entwickeln, und die aufgesucht, vermieden oder beeinflusst werden können.

Mit zunehmendem Alter werden also nicht zwangsläufig alle verfügbaren Ressourcen und Kompetenzen in gleichem Masse geringer, sondern die unterschiedlichen Ressourcen werden in Abhängigkeit von Kontexten in ganz unterschiedlichem Maß von Personen aktiv eingesetzt (= orchestriert), um ihre subjektiven, selbstgesetzten Ziele zu erreichen – und dass die Ziele und die Art ihrer Erreichung sich spezifisch unterscheiden, aber in gleicher Weise erreicht werden können. So wirft die Betrachtung des Alternsprozesses die Frage auf, wie es Personen in unterschiedlichen Abschnitten ihres Lebens jeweils gelingt, ihre individuellen Ziele zu erreichen. Diese Betrachtungsweise rückt die alternde Person, ihre Ziele, ihre Kompetenzen und ihre Möglichkeiten der Ressourcennutzung in den Vordergrund. Der Altersvergleich einzelner Fähigkeiten ist demnach nur sinnvoll im Zusammenhang mit deren Bedeutung für die Auseinandersetzung mit den altersunterschiedlichen Lebensaufgaben und -herausforderungen.

Orchestrierung von Ressourcen zur Entwicklungsregulation
Man kann sich die „Entwicklung der kontextadäquaten Ressourcennutzung“ analog zu einem Orchester (= Person) vorstellen, dass einen harmonischen Gesamtklang (= Lebensqualität) anstrebt und dazu unterschiedliche Musikerinnen und Musiker (= Fähigkeiten) einsetzt. Dieser Klang kann nun erreicht werden, indem die richtigen Personen (= die für die Aufgabenstellung relevanten Fähigkeiten) für das jeweilige Stück (= Passungsherstellung zwischen Fähigkeit und Anforderung) zusammengestellt werden, die fehlenden Fähigkeiten durch Übung verbessert werden (= Plastizitäts-/Kapazitätsausschöpfung) oder das passende Stück für die vorhandenen Fähigkeiten ausgewählt wird (= Umweltanpassung). Dabei ist es am effektivsten, wenn nicht alle Musiker das Gleiche üben, sondern jedes Instrument das jeweils dazu passende. Schließlich sind der Klang und das Stück für jedes Orchester unterschiedlich, aber es kann in gleicher Weise „gut“ klingen, so wie es gut gespielte klassische Musik ebenso wie gut gespielte Rockmusik gibt. Angewandt auf eine alternde Person kann man davon sprechen, dass sie ihre Fähigkeiten und Aktivitäten im Hinblick auf ihre Ziele und ihre Lebensqualität „orchestriert“. Auch wenn das Repertoire an Fähigkeiten, Aktivitäten, Plastizitätsausschöpfung und Umweltanpassung für alle gleich ist, ergeben sich aus der zielgerichteten Orchestrierung jeweils unterschiedliche Kombinationen, die in gleicher Weise zum Ziel führen können.

Aus dem Leitmodell der Orchestrierung von Ressourcen zum Erhalt von Lebensqualität lässt sich für Interventionen ein Modell ableiten, das vor allem auf die Stützung und Stabilisierung von Lebensqualität ausgerichtet ist. Anders als Interventionsmodell für andere Altersgruppen liegt hier die Besonderheit in der Stabilität als Kriteriumsvariable sowie in der Äquifinalität verschiedener Interventionen. Während viele Interventionen und ihre Evaluation von der Annahme ausgehen, dass Steigerungen einzelner Ressourcen zu einer Steigerung der Lebensqualität führen, geht das Modell davon aus, dass die Stärkung und Steigerung von Ressourcen im normalen wie im pathologischen Altersprozess vor allem dem Ziel der Stabilisierung der Lebensqualität dient.

(Textteile entnommen aus [1]).


Literatur

1.
Martin M, Kliegel M.Psychologische Grundlagen der Gerontologie. Stuttgart: Kohlhammer; 2010.