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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Die Qualität der Stroboskopie und Lupenlaryngoskopie mittels CCD-Optik und starrer Optiken

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Sabine Nospes - SP Kommunikationsstörungen/HNO-Klinik, Universitätsmedizin, Mainz, Deutschland
  • author Kathrin Kuhr - Institut f. Med. Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universitätsmedizin, Mainz, Deutschland
  • author Ulrike Napiontek - SP Kommunikationsstörungen/HNO-Klinik, Universitätsmedizin, Mainz, Deutschland
  • author Annerose Keilmann - SP Kommunikationsstörungen/HNO-Klinik, Universitätsmedizin, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV22

DOI: 10.3205/09dgpp34, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp349

Veröffentlicht: 7. September 2009

© 2009 Nospes et al.
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Zusammenfassung

In der prospektiven Studie wurden laryngoskopische und stroboskopische Befunde mittels flexibler Charge-coupled device chip-Optik (CCD-Optik) und mit starrer 70°/90°-Optik erhoben und verglichen.

Methode: Wir untersuchten 52 Patienten mit funktionellen Dysphonien und 47 Logopäden-Bewerber mittels CCD-Optik Olympus Visera/Wolf Stroboskop 5052 und mit einer 70°/90°-Optik XION EndoStrobo-DX. Die Beurteilung der Videodateien erfolgte pseudonymisiert und randomisiert durch 3 Experten mit einem für die Studie erarbeiteten Untersuchungsprotokoll gemäß Basisprotokoll der ELS 2001.

Ergebnisse: Mit der starren Endoskopie ließen sich häufiger diskrete morphologische Auffälligkeiten der Stimmlippen erkennen. Bei Nutzung der CCD-Optik zeigten sich weniger Würgreiz/supraglottische Kontraktionen, häufiger eine normale oder nur geringgradige Verminderung der Schwingungsamplitudenstärke/ein vollständiger Glottisschluss, weitere Randkantenverschiebungen und weniger reguläre Schwingungen. Die Urteile der 3 Experten korrelierten nur mäßig bis gut.

Diskussion: Für eine optimale endoskopische Beurteilung von Patienten mit funktionellen Dysphonien sollten eine starre Endoskopie zur sicheren Beurteilung morphologischer Auffälligkeiten und eine flexible Endoskopie mit ausreichender optischer Auflösung zur Beurteilung der Funktion (supraglottische Kontraktion, Schwingungsablauf) kombiniert werden.


Text

In der Studie wurde die Qualität der laryngoskopischen und stroboskopischen Befunderhebung unter Verwendung einer flexiblen Charge-coupled device chip-Optik (CCD-Optik) vergleichend zu in der phoniatrischen Diagnostik routinemäßig eingesetzten starren Endoskopieverfahren (70° bzw. 90°-Optik) bei Nutzung derselben digitalen Bildverarbeitung an 47 Probanden und an 52 Patienten mit funktionellen Dysphonien überprüft.

Methode/Patienten

Es wurden 47 Probanden (Bewerber der Logopäden Lehranstalt Mainz, 45 Frauen/2 Männer, 19–31 Jahre) und 52 Patienten mit funktionellen Dysphonien (27 Frauen/23 Männer, 21–74 Jahre) sowohl mit dem flexiblen Chip-Endoskop Visera, Firma Olympus, in Verbindung mit dem Stroboskop 5052, Firma Wolf, als auch mit einem starren Endoskop (70°/90°) des Systems XION EndoStrobo-DX laryngoskopisch und stroboskopisch untersucht. Die digitale Bilddokumentation beider Untersuchungsmethoden erfolgte über das System RP Szene MIC A 2302 L der Firma Rehder Partner und Windows-Media-Player. Die flexibel endoskopische CCD-Untersuchungen erfolgten nach Abschwellung (Xylometazolin) und in Lokalanästhesie (Xylocain-Gel) der Nase, die starren Endoskopien nur bei 31 Personen in Lokalanästhesie des Rachens (Xylocain Spray). Die fachgerechte Beurteilung aller so erhobenen laryngoskopischen und stroboskopischen Befunde wurde pseudonymisiert und randomisiert, bei bekannter Zuordnung der Videos zur Probanden- bzw. Patientengruppe, zeitlich unabhängig nach gemeinsamer Schulung durch je 3 erfahrene Experten gemäß eines für die Studie erarbeiteten Untersuchungsprotokolls durchgeführt. Die stroboskopische Befunderhebung erfolgte dem Basisprotokoll der European Laryngological Society (ELS) 2001 [1], [2] entsprechend, die statistische Auswertung durch Berechnung der gewichteten Cohen Kappa-Koeffizienten mit dem Statistik-Softwarepaket R, Version 2.8.1 und weitere Berechnungen mittels des Statistikprogramms SPSS, Version 15.0. Die Studie wurde mit Zustimmung der zuständigen Ethik-Kommission durchgeführt.

Ergebnisse

9 von 99 Personen (9,1%) wurden aus der Studie ausgeschlossen, da bei ihnen nicht beide Untersuchungen durchgeführt werden konnten. (1 x Verdacht auf Allergie auf Lokalanästhetika, 4 x flexible Endoskopie trotz Abschwellen bei zu enger Nase nicht möglich, 3 x starre Endoskopie bei starkem Würgreiz nicht möglich,1 x sowohl starre (Würgreiz) als auch flexible Endoskopie bei enger Nase und Angst nicht möglich). Bei 8 der verbliebenen 50 Patienten (8,9% der Studiengruppe) konnten starr-endoskopisch die stroboskopischen Befunde und Teile der laryngoskopischen Befunde aufgrund eines starken Würgreizes nicht oder nur teilweise erhoben werden. Beim Vergleich beider Endoskopie-Methoden bei Beurteilung durch denselben Experten ergaben sich bei allen Beurteilern eine bessere morphologische Beurteilung der Stimmlippenschleimhaut, der Stimmlippenmorphologie und eine geringere Verschleimung mittels der starren Endoskopie gegenüber der CCD-Optik. Bei Nutzung der CCD-Optik ergaben sich ein deutlich geringerer Würgreiz, häufiger eine normale oder nur geringgradigere Verminderung der Schwingungsamplitudenstärke und Randkantenverschiebungen, geringer ausgeprägte supraglottische Kontraktionen, asymmetrischere Schwingungen und häufiger ein vollständiger Glottisschluss. Mit der starren Endoskopie ergab sich häufiger eine höhergradige Verminderung der Amplitudenstärke. Die statistische Auswertung ergab trotz vorheriger Schulung nur eine mäßige bis gute Übereinstimmung der Befundergebnisse zwischen den Beurteilern (Übereinstimmungen zwischen 2 Experten bei der Beurteilung der Amplitudenrichtung mittels gewichtetem Cohen Kappa-Koeffizient 0.330 bis 0.686, der Amplitudenstärke 0.325 bis 0.688, der Randkantenverschiebungen 0.444 bis 0.737, der Verschleimung 0.372 bis 0.654).

Diskussion

Mit der CCD-Optik steht eine flexibel-endoskopische Methode zur Verfügung, mit der sich aufgrund einer verbesserten optischen Auflösung auch transnasal aussagefähige stroboskopische Untersuchungen durchführen lassen [3], [4], [5]. Bisherige Untersuchungen von Schade und Hess [4] sowie Kawaida et al. [5] befassten sich vorwiegend mit der lupenlaryngoskopischen und stroboskopischen vergleichenden Befunderhebung von organischen Stimmstörungen. In unserer Studie wurden Patienten mit funktionellen Dysphonien und subjektiv stimmgesunde Probanden untersucht. Es ergaben sich im auf den einzelnen Experten bezogenen Vergleich der beiden verwendeten endoskopischen Methoden bezüglich der morphologischen Beurteilbarkeit und bezüglich des Schwingungsverhaltens der Stimmlippen deutliche Unterschiede, die sich zum Einen durch die höhere Auflösung des Befundes bei der starren Endoskopie und zum Zweiten durch je nach Untersuchungsmethode unterschiedliche Beeinflussungen der muskulären Spannungsverhältnisse durch die Art der Positionierung der Zunge, die Kopf-Körperhaltung und das Ausmaß des vorhandenen Würgreizes erklären lassen. Mit der CCD-Optik ergeben sich Befunde mit deutlich geringeren hyperfunktionellen Anteilen, mit der starren Optik lassen sich morphologische Auffälligkeiten besser beurteilen. Für eine optimale endoskopische Beurteilung von Patienten mit funktionellen Dysphonien sollten eine starre Endoskopie zur sicheren Beurteilung morphologischer Auffälligkeiten und eine flexible Endoskopie mit ausreichender optischer Auflösung zur Beurteilung der Funktion (supraglottische Kontraktion, Schwingungsablauf) kombiniert werden. Mittels statistischer Auswertung zeigte sich eine nur mäßige bis gute Befundübereinstimmung zwischen den Beurteilern, was durch jeweils unterschiedliche Fokusierungen auf verschiedene Aspekte bei innerhalb einer Untersuchung sich verändernden Untersuchungsbedingungen (Würgreiz, Verschleimung, Beleuchtungsverhältnisse, u.a.), wechselnde Schwingungsverläufe (Phonationslänge, Phonationshöhe) während der Videoaufzeichnung, die womöglich unterschiedliche Farbwiedergabe verschiedener verwendeter Monitore und die unterschiedliche Wertung von Minimalveränderungen der Stimmlippenmorphologie/-Schleimhaut erklärbar ist. Eine zuverlässige Quantifizierung der stroboskopischen Befunde verschiedener Experten war mit dem 4-stufigen ELS-Schema nicht möglich. Übereinstimmend mit Schneider, Wendler und Seidner 2002 [6] konnten die Stroboskopie und außerdem auch die Lupenlaryngoskopie zur Beurteilung von morphologischen Minimalbefunden (z.B. minimale Narben, diskrete Schleimhautödeme, Rötungen, Gefäßinjektionen) unsere hohen Erwartungen an eine Quantifizierung von Befunden in der bildgebenden Diagnostik bei Patienten mit funktionellen Dysphonien und Probanden nicht erfüllen. Es wurde erneut deutlich, dass neben den Ergebnissen der Laryngoskopie und Stroboskopie in die sichere Beurteilung von Patienten mit funktionellen Dysphonien immer auch die erhobenen anamnestischen Daten und eine umfassende stimmphysiologische Diagnostik eingehen müssen.


Literatur

1.
Dejonckere PH, Bradley P, Clemente P, Cornut G, Crevier-Buchman L, Friedrich G, Van De Heyning P, Remacle M, Woisard V; Committee on Phoniatrics of the European Laryngological Society (ELS). A basic protocol for functional assessment of voice pathology, especially for investigating the efficacy of (phonosurgical) treatments and evaluating new assessment techniques. Guideline elaborated by the Committee on Phoniatrics of the European Laryngological Society (ELS). Eur Arch Otorhinolaryngol. 2001;258(2):77-82.
2.
Friedrich G, Dejonckere PH. Das Stimmdiagnostik-Protokoll der European Laryngological Society (ELS)-erste Erfahrungen im Rahmen einer Multizenterstudie. LaryngoRhinoOtologie. 2005;84:713-86.
3.
Sato K, Hirohito U, Tadaschi N. Stroboscopic observation of vocal fold vibration with the videoendoscope. Ann Otol Rhinol Laryngol. 2003;112:965-70.
4.
Schade G, Hess M. Flexible versus starre Laryngoskopie und Stroboskopie. HNO. 2001;49:562-8.
5.
Kawaida M, Fukuda H, Kohno N. Electronic Videoendoscopic Laryngoscopy. ORL. 2004;66:267-74.
6.
Schneider B, Seidner W, Wendler J. The relevance of stroboscopy in functional dysphonias. Folia Phoniatr. 2002;54:44-54.