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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Ist die asymmetrische Hörstörung mit Ertaubung einer Seite eine Indikation zur Cochleaimplantation?

Vortrag

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Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV10

DOI: 10.3205/09dgpp16, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp164

Veröffentlicht: 7. September 2009

© 2009 Lang-Roth et al.
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Zusammenfassung

In der Hörgeräteversorgung von Hörstörungen ist die beidohrige Versorgung das Ziel. Betroffene mit einer einseitigen Taubheit und gleichzeitig bestehender mittelgradiger Hörminderung der Gegenseite profitieren aber häufig nicht davon, binaurales und hochfrequentes Hören kann oft durch eine Hörgeräteversorgung nicht erreicht werden. Andererseits wird die Cochleaimplantation bei einseitiger Taubheit mit ausgeprägtem Tinnitus und Normalhörigkeit der Gegenseite diskutiert.

Es wurden 5 Patienten, 4 Kinder mit einem mittleren Alter von 4;4 Jahren und 1 progredient schwerhöriger Erwachsener mit einseitiger Ertaubung und mittelgradiger Schwerhörigkeit auf der ertaubten Seite mit einem Cochleaimplantat versorgt.

Präoperativ waren die versorgten Kinder ausgeprägt sprachentwicklungsauffällig mit einem Rückstand von über 2 Jahren und das Arbeitsgedächtnis war deutlich unter der Altersnorm. Der erwachsene Patient war im Berufsleben sehr eingeschränkt und die Berufsfähigkeit war gefährdet.

Postoperativ akzeptieren alle Patienten die bimodale Versorgung und haben einen deutlichen Nutzen von der bimodalen Versorgung. Die Kinder machen in der Sprachentwicklung deutliche Fortschritte.

Bei strikter Indikationsstellung stellt die asymmetrische Schwerhörigkeit mit einseitiger Taubheit eine sinnvolle Indikation zur Cochleaimplantation dar, mit der Option des bilateralen Hörens.


Text

Die Folgen einseitiger Hörstörungen werden meist unterschätzt. Bereits 1978 haben Northern und Downs [1] in ihrem Report über den einseitigen Hörverlust bei Kindern bedauernd geäußert: „Audiologists and otolaryngologists are not usually concerned over such deafness, other than to identify its etiology and assure the parents that there will be no handicap.“ Thorpe [2] berichtet über Kinder mit permanentem einseitigem Hörverlust, dass sie in über 35% ein- oder mehrmals eine Klasse wiederholen. Erwachsene berichten bei einseitiger Ertaubung über große Einschränkungen im alltäglichen Leben. Mangelndes Verstehen bei Ansprache auf der tauben Seite, fehlende Geräuschlokalisation und ein stark eingeschränktes Verstehen im Störgeräusch kann zu beruflichen Problemen und zum sozialen Rückzug führen. Weist das Gegenohr ebenfalls eine Hörstörung auf, sind die Probleme trotz Hörgeräteversorgung größer, insbesondere wenn der Hochtonbereich nicht mehr ausreichend verstärkt werden kann. Bei Kindern im Spracherwerb kann dies zu Sprachentwicklungsstörungen führen, bei Erwachsenen zur Erwerbsunfähigkeit.

Kollektiv

Vier Kinder im Alter von 3–6 Jahren (mittleres Alter von 4;4 Jahre) mit einer einseitigen Taubheit und versorgungsfähigen Schwerhörigkeit der Gegenseite wurden mit einem Cochleaimplantat auf der tauben Seite versorgt. (Vgl. Abbildung 1 [Abb. 1]). Vor der Implantation bestand eine komplexe Sprachentwicklungsstörung auf allen linguistischen Ebenen mit einem Rückstand von mehr als 2 Jahren zur Altersnorm. Sie waren beidseitig mit Hörgeräten versorgt. Auf dem besseren Ohr wurden im Nahfeld mit Hörgerät alle Ling-Laute (a, u, i, sch, s, m) präzise gehört. Zwei Familien entschieden sich für ein Implantat der Firma Medel und zwei für Cochlear. Etwa 6 Wochen nach der Implantation erfolgte die Sprachprozessorerstanpassung und die Kinder waren in regelmäßiger Therapie in unserem Cochleaimplantatzentrum.

Ein erwachsener Patient (42 Jahre, m) mit einem beidseitigem M. Menière, einseitiger Ertaubung nach auswärtiger Saccotomie und fluktuierendem mittelgradigem Hörverlust der Gegenseite wurde auf der ertaubten Seite implantiert.

Verlauf

Alle Kinder akzeptieren den Sprachprozessor und tragen weiterhin das Hörgerät. Sie haben ein gutes Sprachverstehen auf dem implantierten Ohr. Im Verlauf von 18 Monaten kam es zu einem deutlichen Schub in der Sprachentwicklung. Das auditive Gedächtnis verbesserte sich gering, der produktive Wortschatz nahm deutlich zu und auch Sprachverstehen und Grammatikentwicklung.

Der erwachsene Patient zeigt direkt nach der Sprachprozessorerstanpassung offenes Sprachverstehen und eine gute Akzeptanz des Prozessors.

Ergebnis

Alle implantierten Kinder tragen Sprachprozessor und Hörgerät und zeigen deutliche Entwicklungsforschritte 12–18 Monate nach der Cochleaimplantation. Der erwachsene Patient kann wieder uneingeschränkt seinem Beruf nachgehen.

Diskussion

Das beidohrige Hören hat eine noch häufig unterschätze Bedeutung für das Sprachverstehen in komplexen Hörsituationen. So ist die bilaterale CI-Versorgung im Gegensatz zur beidohrigen Hörgeräteversorgung immer noch nicht die Regel. Menschen mit einem asymmetrischen Hörverlust haben bei einseitiger Taubheit häufig keinen ausreichenden Nutzen von der beidohrigen Hörgeräteversorgung. Da noch keine größeren Untersuchungen zur Cochleaimplantation bei asymmetrischem Hörverlust vorliegen, wird sowohl aus Kostengründen aber auch aus der Unsicherheit heraus, wie Menschen mit diesen verschiedenen Höreindrücken zurechtkommen nicht an eine Cochleaimplantation gedacht. Die guten Erfolge der elektro-akustischen Stimulation bei Hochtonverlust konnten die mögliche Verarbeitung von elektrischer und akustischer Stimulation auf einem Ohr eindrucksvoll darstellen. Vermeire [3] konnte erstmals bei Erwachsenen zeigen, dass ein Cochleaimplantat neben der positiven Beeinflussung des Tinnitus auch das Hörvermögen in komplexen Hörsituationen nur einseitiger Taubheit verbessert. Im Kindesalter existieren noch keine Berichte.

Die vorgestellte Patientenzahl ist noch gering und selektiert, da die Eingangsvoraussetzung neben der einseitigen Taubheit die schwere Sprachentwicklungsstörung war. Daher lässt sich daraus nur eine eingeschränkte Empfehlung ableiten. Die vier Patienten, haben trotz des noch gut versorgbaren Hörvermögen der Gegenseite, einen deutlichen Benefit von dem Cochleaimplantat. Wie positiv sich dieser für das binaurale Hören sowie das Hören im Störgeräusch auswirkt, bleibt abzuwarten.


Literatur

1.
Northern J, Downs M. Hearing in children. 2. ed. Baltimore: Williams & Wilkins; 1978. p. 143.
2.
Thorpe AM. Unilateral and mild bilateral hearing loss in children: past and current perspectives. Trends Amplif. 2008; 2:7-15.
3.
Vermeire K, Van de Heyning P. Binaural hearing after cochlear implantation in subjects with unilateral sensorineural deafness and tinnitus. Audiol Neurootol. 2009;14(3):163-71. Epub 2008 Nov 13.
4.
Van de Heyning P, Vermeire K, Diebl M, Nopp P, Anderson I, De Ridder D. Incapacitating unilateral tinnitus in single-sided deafness treated by cochlear implantation. Ann Otol Rhinol Laryngol. 2008;117(9):645-52.