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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Ersatzstimmentwicklung unter logopädischer Therapie bei Patienten mit Kehlkopfkarzinom nach einseitiger laserchirurgischer Chordektomie

Functional outcome of patients with glottic carcinoma treated with unilateral laser cordectomy and postoperative voice therapy

Poster

  • author presenting/speaker Ulrike Napiontek - Universitätsklinik für HNO und Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
  • author Christiane Engel - Universitätsklinik für HNO und Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
  • author Annette Baumgart - Universitätsklinik für HNO und Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
  • corresponding author Annerose Keilmann - Universitätsklinik für HNO und Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppP22

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp77.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Napiontek et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

In einer prospektiven Studie wurden 8 Patienten nach Chordektomie bei Tcis bisT2-Tumoren der Glottis innerhalb eines Jahres zu 6 festgelegten Zeitpunkten nach einem standardisierten Plan hinsichtlich ihrer Ersatzstimmfunktion untersucht. Alle Patienten erhielten ab der 5. postoperativen Woche logopädische Therapie. Ziel der Untersuchung war festzustellen, in welchem zeitlichen Verlauf mit einer Verbesserung der Stimmqualität zu rechnen ist und ab welchem Zeitpunkt keine wesentlichen Stimmverbesserungen mehr zu verzeichnen sind.

Alle Patienten wurden lupenstroboskopiert, einer subjektiven und objektiven Stimmdiagnostik unterzogen und gaben mittels Voice Handicap Index (VHI) eine Selbsteinschätzung ab.

Nur ein Patient (T1) verbesserte sich stetig in allen Parametern innerhalb des Untersuchungsjahres. Alle übrigen Patienten gaben in der Selbsteinschätzung zwischen dem 3. und 6. Monat postoperativ eine Stimmverschlechterung an, die nur in zwei Fällen für den Untersucher nachweisbar war bzw. sich in den gemessenen Stimmparametern widerspiegelte.

Die Entwicklung der Ersatzstimme verlief bei unseren Patienten in allen Parametern sehr variabel. Bis auf einen Patienten, der einen zunehmenden VHI angab, besserte sich bei allen die subjektive Befindlichkeit, allerdings mit der beschriebenen Zäsur im 2. postoperativen Quartal. Einen für alle Patienten gültigen Zeitpunkt, ab welchem keine wesentlichen Stimmveränderungen mehr zu verzeichnen sind, fanden wir nicht.


Text

Einleitung

Bei Patienten mit geringgradigen Tumoren der Stimmlippen (Tcis bis T2) ist die laserchirurgische Chordektomie die Therapie der Wahl. Eine primäre Radiatio wird nur bei Patienten mit hohem Narkoserisiko gewählt. Postoperativ erhalten die Patienten in der Regel logopädische Stimmtherapie zur Stimmrehabilitation. Die postoperativ auftretende Stimmverschlechterung ist die wesentlichste Belastung für die Patienten.

Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, die Frage zu beantworten, in welchem zeitlichen Verlauf sich die Stimmqualität entwickelt. Gibt es einen typischen Zeitpunkt, ab welchem sich kaum mehr Stimmverbesserungen einstellen und eine Stabilisierung der Stimmfunktion eintritt, so dass die logopädische Therapie beendet werden kann?

Bisherige Untersuchungen an chordektomierten Patienten untersuchten zum einen den Anteil der Schweregrade der postoperativen Stimmstörung. So hatten laut einer elektroakustischen Stimmanalyse 70% eine schwere Dysphonie und 30% eine mäßige bis schwere Dysphonie von 20 untersuchen Patienten im Zeitverlauf von 3 Jahren [1]. Der durchschnittliche Jitter-Wert betrug 5,8%, der Shimmer 12,2% und die durchschnittliche Noise Harmonic Ratio (NHR) 0,34. Sittel et al. untersuchten 80 Patienten nach laserchirurgischer Resektion eines T1-T2-Glottiscarcinoms 6 Monate postoperativ und fanden keinen signifikanten Unterschied der Stimmqualität zwischen stimmtherapierten und nicht stimmtherapierten Patienten [2].

Methode und Ergebnisse

In einer prospektiven Studie wurden Patienten, die sich in der Universitäts-HNO-Klinik Mainz einer Chordektomie bei Tcis bisT2-Tumoren der Glottis unterzogen, innerhalb eines Jahres zu den Zeitpunkten 1; 2; 3; 4,5; 6 und 12 Monate postoperativ nach einem standardisierten Plan hinsichtlich ihrer Ersatzstimmfunktion untersucht. Dabei wurde eine standardisierte Anamnese erhoben und eine HNO-Spiegeluntersuchung durchgeführt. Hinzu kamen die Videolaryngostroboskopie, die Bestimmung des Stimmklangs nach dem RBH-Schema und die maximale Tonhaltedauer, außerdem die Erstellung des Sprech- und Singstimmfeldes und des Göttinger-Heiserkeitsdiagramms. Alle Patienten führten zu allen Untersuchungs-zeitpunkten eine Selbsteinschätzung mittels der Kurzfassung des Voice-Handicap-Index durch.

Ab der 5. postoperativen Woche erhielten alle Patienten ambulante Stimmtherapie.

Insgesamt konnten die Daten von 8 Patienten ausgewertet werden. Von diesen Patienten phonierten 4 auf glottischem Niveau, 3 Patienten hatten eine Taschenfaltenstimme, ein Patient nutzte einen supraglottischen anterior-posterioren Phonationsmechanismus. Bei letzterem bestand einen Monat postoperativ subjektiv eine hochgradige, bei den übrigen eine mittelgradige Dysphonie. Der Patient mit der hochgradigen Dysphonie besserte sich in der Selbsteinschätzung, trotzdem blieb die Hochgradigkeit bestehen. Von den übrigen Patienten beurteilten 5 nach 4,5 Monaten ihre Stimme als geringgradig gestört, nach 12 Monaten waren es jedoch nur noch 3.

Nur ein Patient (T1-Glottiscarcinom) verbesserte sich stetig in allen Parametern innerhalb des Untersuchungsjahres. Alle übrigen Patienten gaben in der Selbsteinschätzung zwischen dem 3. und 6. Monat postoperativ eine Verschlechterung an, allerdings war diese in 3 Fällen nicht signifikant (Differenz weniger als 4 Punkte). Nur in zwei Fällen war die angegebene Stimmverschlechterung für den Untersucher nachweisbar bzw. spiegelte sich in den gemessenen Stimmparametern wider. Dabei fand sich bei einem Patienten zum Zeitpunkt der subjektiven Stimmverschlechterung ein deutliches Absinken der mittleren Sprechstimmlage von 165 auf 82,5 Hz. Bei dem anderen Patienten fand sich zum Zeitpunkt der Stimmverschlechterung ein Anstieg der mittleren Sprechstimmlage von 88 auf 110 Hz, die maximale Intensität sank zum gleichen Zeitpunkt von 90 auf 78 dB.

Die Durchschnittswerte für Jitter und Shimmer betrugen zu den Zeitpunkten 1, 4,5 und 12 Monate 6,7%; 8,1% und 5,8% sowie 19,8%; 14,0% und 15,2%.

Diskussion

Die Entwicklung der Ersatzstimme verlief bei unseren Patienten in allen Parametern sehr variabel. Bis auf einen Patienten, der einen zunehmenden VHI angab, besserte sich bei allen die subjektive Befindlichkeit, allerdings mit der beschriebenen Zäsur im 2. postoperativen Quartal. Dabei ist zu vermuten, dass nach einer zunächst postoperativ eintretenden Erleichterung die Stimme besser eingeschätzt wird, da die Erwartung geringer war, nach einiger Zeit aber Ernüchterung hinsichtlich der zu erwartenden Stimmverbesserung empfunden wird, was zu einer negativeren Einschätzung führt als es die objektiven Daten anzeigen. Im Vergleich zur zitierten Literatur [1] fällt auf, dass bei unseren Patienten, die in den objektiven Heiserkeitsparametern erwartungsgemäß schlechtere Werte aufwiesen, subjektiv aber der Anteil der hochgradigen Dysphonien deutlich geringer war. Hier bestätigt sich das Ergebnis einer Arbeit von Hsiung [3], nach welcher subjektive und objektive Stimmparameter nicht korrelieren. Einen für alle Patienten gültigen Zeitpunkt, ab welchem weder hinsichtlich der subjektiven Einschätzung als auch der objektiven Stimmparameter keine wesentlichen Stimmveränderungen mehr zu verzeichnen waren, fanden wir nicht. Umso wichtiger ist eine engmaschige phoniatrische Betreuung, um die individuell sehr unterschiedliche Indikation zu logopädischer Stimmtherapie bestimmen zu können. Darüber ist die deutliche Divergenz der subjektiven und objektiven Stimmparameter ein Hinweis für die Notwendigkeit einer besseren psychosozialen Betreuung der Patienten mit Glottiscarcinomen.


Literatur

1.
Policarpo M, Aluffi P, et al. Oncolocical and functional results of CO2 laser cordectomy. Acta Otorhinolaryngol Ital. 2004;24:267-74.
2.
Sittel C, Eckel HE, et al. Voice quality after partial laser laryngectomy. Laryngorhinootologie. 1998;77:219-25.
3.
Hsiung MW. Correlation between VHI and VLM in dysphonic patients. EAO. 2002;259:97-9.