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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Hautnah – taktil-kinästhetische Responsivität im Kindesalter

Poster

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  • corresponding author presenting/speaker Christiane Kiese-Himmel - Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, Deutschland
  • Marcus Reeh - Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, Deutschland
  • Katja Maaß - Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppP10

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp44.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Kiese-Himmel et al.
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Zusammenfassung

Theoretischer Hintergrund: Die taktil-kinästhetische Responsivität eines Individuums fällt in Abhängigkeit vom Gesundheitsstatus unterschiedlich aus.

Fragestellung: Weisen klinische Kinderklientele mit ähnlicher hoher Prävalenz (7%) im Vergleich zu gesunden Kindern eine auffällige taktil-kinästhetische Responsivität auf und vermag diese zwischen den klinischen Gruppen zu differenzieren?

Methode: Diagnostischer Elternfragebogen zur taktil-kinästhetischen Responsivität (DEF-TK).

Studienkollektiv: Kinder mit Neurodermitis (n=26), mit SSES (n=50), gesunde Kinder (n=87). Im mittleren Lebensalter unterschieden sich Neurodermitis-Kinder (58,8 Monate; SD 21,3) unwesentlich von SSES-Kindern (51,4; SD 15,2) und von den gesunden (56,4; SD 19,0).

Ergebnisse: Kinder mit Neurodermitis (M=15,9; SD 6,6) zeigten im Vergleich zu gesunden Kindern (M=8,6; SD 5,1) einen statistisch signifikant höheren DEF-TK-Gesamtscore (t (111)=5.135; p=.000); ebenso unterschieden sich SSES-Kinder (M=13,3; SD 8,3) von den gesunden Kindern (M=8,6; SD 5,1) statistisch signifikant (t (70.803)=3.607, p=.001). Zwischen Neurodermitis- (M=15,9; SD 6,6) und SSES-Kindern (M=13,3; SD 8,3) konnte keine statistisch signifikante Differenz im mittleren DEF-TK-Gesamtscore (t (74)=1.381, p=.172) nachgewiesen werden.

Fazit: An definierten Kinderklientelen wurde im Vergleich zu gesunden Kindern empirisch belegt, dass eine auffällige taktil-kinästhetische Responsivität mit ihrem klinischen Störungsbild assoziiert ist.


Text

Einleitung

Eine frühe Entwicklungsanormalität in der Verarbeitung taktil-kinästhetischen Inputs hat möglicherweise weit reichende sozio-kognitive Effekte – bis ins hohe Alter [13]. So kann eine Abneigung gegen Berührung (als eine Form fehlerhafter sensorischer Modulation) Disstress und hierdurch bedingt aggressives Verhalten hervorrufen [11], was wiederum soziale Probleme zur Folge hat. Die taktil-kinästhetische Responsivität, d.h., das Antwortmuster, in täglichen Routinen auf sensorische Informationen zu reagieren, bietet einen diagnostischen Anhaltspunkt; sie fällt in Abhängigkeit vom Gesundheitsstatus eines Individuums unterschiedlich aus [12]. Daher wurde untersucht, ob die taktil-kinästhetische Responsivität (TKR)

1.
zwischen definierten klinischen Kinderklientelen mit ähnlich hoher Prävalenz (Neurodermitis; spezifische Sprachentwicklungsstörungen; ca. 7%) und gesunden Kindern sowie
2.
zwischen den klinischen Gruppen

zu differenzieren vermag.

Hintergrund

Neurodermitis – eine multifaktoriell bedingte Hauterkrankung, bei der die Interaktion medizinischer und psychologischer Faktoren zum Ausbruch ekzematöser Läsionen führt – steht in direkter Beziehung zur TKR. Die Literatur belegt dies vor allem für den Aspekt „Taktile Abwehr“ und dessen Auswirkungen auf tägliche Routinen wie Körperhygiene (z.B. [1], [4]). Die Studien von Kiese-Himmel [9] und Engel-Yeger et al. [3] berichten über eine erhöhte TKR von Neurodermitis-Kindern im Vergleich zu gesunden Kindern. Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (SSES) scheinen vor allem in komplexen taktil-kinästhetischen wie haptischen Anforderungen Defizite im Vergleich zu gesunden Kindern aufzuweisen (z.B. [5], [6], [7]). Die Intaktheit des Sinnessystems Taktil-Kinästhetik als somatischer Bedingungsfaktor, welcher sich in einer unauffälligen TKR spiegelt, ist auch ein wichtiger Pfeiler im Modell zur Entwicklung des frühen Objektwortschatzes von Kiese-Himmel [10].

NeurodermitisSSES: Während zur TKR von Neurodermitis-Kindern zahlreiche Angaben vorliegen, die auf Probleme mit Bekleidung oder in der Körperhygiene hinweisen (z.B. [1], [2]; [4]), ist dies für SSES-Kinder nicht in dem Ausmaß belegt. Übereinstimmend ist die TKR von Kindern mit Neurodermitis bei Kiese-Himmel [9] auffälliger (operationalisiert durch die Größe des DEF-TK-Gesamtscores) als bei Kindern mit SSES [5].

Studiengruppen und Methode

Kinder mit Neurodermitis (n=26), mit SSES (n=50), gesunde Kinder (n=87). Neurodermitis-Kinder unterschieden sich im mittleren Lebensalter (60,1 Monate; 21,7) unwesentlich von SSES-Kindern (51,8; SD 15,0) und den Gesunden (56,3; SD 18,9). Es wurde der Diagnostische Elternfragebogen zur Taktil-Kinästhetischen Responsivität im frühen Kindesalter eingesetzt (DEF-TK [9]). Ein großer Gesamtscore spricht für eine auffällige TKR, die gemäß DEF-TK-Manual für 4;0-7;11-Jährige ab einem Wert von 16 erreicht ist.

Prüfhypothesen:

  • Kinder mit Neurodermitis haben eine auffällige TKR (signifikant größerer DEF-TK-Gesamtscore als gesunde Kinder).
  • SSES-Kinder haben eine auffällige TKR (signifikant größerer DEF-TK-Gesamtscore als gesunde Kinder).
  • Die TKR von Neurodermitis-Kindern ist auffälliger (signifikant größerer DEF-TK-Gesamtscore) als die von SSES-Kindern.

Für die Vergleiche der mittleren DEF-TK-Gesamtscores wurde jeweils ein t-Test für unabhängige Stichproben durchgeführt. Um der Kumulierung des α-Fehlers aufgrund der Zahl der multiplen Vergleiche entgegenzuwirken, wurde die gewählte Irrtumswahrscheinlichkeit von 5% adjustiert (nach Bonferroni-Korrektur: α=.02).

Ergebnisse

1.
Der durchschnittliche DEF-TK-Gesamtscore von Neurodermitis-Kindern (M=15,9; SD 6,6) war im Vergleich zu gesunden Kindern (M=8,6; SD 5,1) statistisch signifikant größer (t (34.29)=5.135, p=.000). Da die errechnete Effektgröße (δemp) den Kriteriumswert der Testplanung (δkrit), überstieg, wurde die Hypothese bestätigt. Ebenso unterschieden sich SSES-Kinder (M=13,3; SD 8,3) in ihrem mittleren DEF-TK Gesamtscore von dem gesunder Kinder (M=8,6; SD 5,1) signifikant zu Gunsten der letztgenannten (t (70.80)=3.607, p=.001). Auch hier lag der Wert der empirischen (δemp) über der vorher festgelegten kritischen Effektgröße (δkrit), was für einen größeren DEF-TK-Gesamtscore der SSES-Kinder und folglich für die Annahme der Hypothese sprach.
2.
Zwischen Neurodermitis- (M=15,9; SD 6,6) und SSES-Kindern (M=13,3; SD 8,3) war der Unterschied im mittleren DEF-TK-Gesamtscore (t (74)=1.381, p=.172) zufallsbedingt, so dass die Hypothese eines signifikant größeren DEF-TK-Gesamtscores der Neurodermitis-Kinder verworfen wurde.

Diskussion

1.
Da Neurodermitis als Hauterkrankung in direktem Zusammenhang mit der Taktilität als ein Aspekt der TKR steht, war das Ergebnis eines im Durchschnitt größeren DEF-TK-Gesamtscore gegenüber gesunden Kindern bei Neurodermitis-Kindern zu erwarten; es fiel analog der Ergebnisse von Engel-Yeger et al. [3] und den Angaben von Eltern sowie Experten aus, die vor allem die taktile Irritation während der täglichen Körperpflege und des Ankleidens betonen. SSES-Kinder hatten im Vergleich zu gesunden Kindern ebenfalls einen größeren DEF-TK-Gesamtscore. Damit wurden die Ergebnisse von Kiese-Himmel & Kiefer [5] mit dem DEF-TK repliziert und reihen sich auch ansonsten in die Literatur ein, welche von abweichenden taktil-kinästhetischen Leistungen dieser klinischen Gruppe berichtet (z.B. [6], [8]).
2.
Neurodermitis-Kinder zeigten im Vergleich zu SSES-Kindern zwar tendenziell einen größeren DEF-TK-Gesamtscore, der Vergleich verfehlte allerdings statistische Signifikanz. Möglicherweise ist das Ergebnis auf die Stichprobenrekrutierung der Neurodermitis-Kinder zurückzuführen, welche nicht über klinische Institutionen verlief und somit einen geringeren Schweregrad vermuten lässt. Hinzu kommt, dass es sich um eine chronische bzw. chronisch rezidivierende Hauterkrankung handelt, bei der sich das Hautbild phasenabhängig verbessern bzw. verschlechtern kann, wobei verschiedenste Faktoren zusammenspielen. Evt. wurde die TKR gerade in einem Zeitfenster erhoben, welches die Natur der Krankheit nicht akkurat spiegelt.

Fazit: An definierten Kinderklientelen wurde empirisch belegt, dass eine tendenziell auffällige TKR (größerer DEF-TK-Gesamtscore) mit ihrem klinischen Störungsbild assoziiert ist. Im Durchschnitt lag der Gesamtscore allerdings nur in der Neurodermitis-Gruppe knapp 1 SD über dem der Referenzgruppe gesunder Kinder (gem. DEF-TK-Manual).


Literatur

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Barnetson R, Rogers M. Childhood atopic eczema. BMJ. 2002;324:1376-9.
2.
Chamlin SL, Frieden IJ, Williams ML, Chren MM. Effects of atopic dermatitis on young American children and their families. Pediatrics. 2004;114:607-11.
3.
Engel-Yeger B, Habib-Mazawi S, Parush S, Rozenman D, Kessel A, Shani-Adir A. The sensory profile of children with atopic dermatitis as determined by the sensory profile questionnaire. J Am Acad Dermatol. 2007;57:610-5.
4.
Illing S, Groneuer KJ. Neurodermitis - atopische Dermatitis: Grundlagen, Ernährung, Therapie. Stuttgart: Hippokrates; 1991.
5.
Kiese-Himmel C, Kiefer S. Taktil-kinästhetische Responsivität und handmotorische Kontrolle bei sprachentwicklungsgestörten und sprachunauffälligen Kindern. In: Gross M, Hrsg. Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte 1998/99 (Bd. 6). Heidelberg: Median-Verlag von Killisch-Horn; 1999. S. 339-42.
6.
Kiese-Himmel C, Kruse E. Höhere taktile und kinästhetische Funktionen bei ehemals sprech-/sprachentwicklungsgestörten Kindern: Eine neuropsychologische Studie. Folia Phoniatr Logop. 1998;50:195-204.
7.
Kiese-Himmel C, Schiebusch-Reiter U. Haptische Formdiskrimination. Gruppenvergleich von sprachunauffälligen und ehemals sprachentwicklungsgestörten Kindern. HNO. 1999;47:45-50.
8.
Kiese-Himmel C, Schiebusch-Reiter U. Taktil-kinästhetisches Erkennen bei sprachentwicklungsgestörten Kindern. Sprache & Kognition. 1995;14:126-37.
9.
Kiese-Himmel C, unter Mitarbeit von Kiefer S. Diagnostischer Elternfragebogen zur Taktil-Kinästhetischen Responsivität im frühen Kindesalter (DEF-TK). Göttingen: Beltz Test; 2000.
10.
Kiese-Himmel C. Zur Bedeutung der Taktil-Kinästhetik für die Sprachentwicklung. Poster auf der 71. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Stimm- und Sprachheilkunde in Berlin. HNO. 1999;47:852.
11.
Leekam SR, Nieto C, Libby SJ, Wing L, Gould J. Describing the sensory abnormalities of children and adults with autism. J Autism Dev Disord. 2007;37:894-910.
12.
Reynolds S, Lane SJ. Diagnostic validity of sensory over-responsivity: a review of the literature and case reports. J Autism Dev Disord. 2008;38:516-29.
13.
Stack DM, Muir DW. Adult tactile stimulation during face-to-face interactions modulates five-month-olds affect and attention. Child Dev. 1992;63:1509-25.