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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Pädaudiologische Diagnostik im ersten Lebensjahr – Hörbefunde und Verläufe bei Neugeborenen und Säuglingen des Jahrgangs 2007

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Claus-Michael Schmidt - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland
  • Dirk Deuster - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland
  • Arne Knief - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland
  • Antoinette am Zehnhoff-Dinnesen - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppV21

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp24.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Schmidt et al.
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Zusammenfassung

Durch das UNHS steigt die Inanspruchnahme von pädaudiologischer Diagnostik. Enge Zeitvorgaben sind einzuhalten. Die Patientenakten von 200 Neugeborenen und Säuglingen des Jahrgangs 2007 (104 m, 96 w) wurden retrospektiv ausgewertet. 40 Kinder waren im UNHS auffällig gewesen, bei 133 bestanden Risikofaktoren (davon 58 Frühgeborene <32. SSW), 11 kamen aufgrund eines Elternverdachts. Bei 144 Kindern (72%) wurde mittels Screening-BERA (35 dB) eine relevante Schwerhörigkeit ausgeschlossen, bei 42 (21%) Kindern eine diagnostische Schwellen-BERA durchgeführt. 36 der 42 BERA-Kinder (85,7%) waren hörgerätepflichtig schwerhörig, zwei bereits vorab entwicklungsbegleitend versorgt, ein Kind mit V. a. auditorische Neuropathie. 11 Kinder (5,5%) waren noch in der Abklärung. Nur 50,2% der 400 untersuchten Ohren zeigten bei Erstuntersuchung unauffällige TEOAE. Pathologische Mittelohrbefunde wurden mit zunehmendem Alter häufiger. Lange diagnostische Verläufe zeigten sich bei Mehrfachbehinderungen und kraniofazialen Fehlbildungen. Das Erstvorstellungsalter ist zu senken, die Zeit bis zur diagnostischen BERA zu verkürzen, auch aufgrund der Zunahme auffälliger Mittelohrbefunde im Verlauf. Insbesondere bei kraniofazialen Fehlbildungen und mehrfachbehinderten Kindern ist die Einhaltung der Zeitvorgaben eine – oftmals interdisziplinäre – Herausforderung.


Text

Hintergrund

Die pädaudiologische Diagnostik im ersten Lebensjahr gewinnt insbesondere durch das Follow-up im universellen Neugeborenenhörscreening (UNHS) zunehmend an Bedeutung. Die Vorgaben, die Diagnostik innerhalb der ersten drei und die (Hörgeräte-)Versorgung innerhalb der ersten sechs Lebensmonate abzuschließen, stellen eine Herausforderung dar. Notwendig sind ein effizientes diagnostisches Vorgehen und ein möglichst schneller Abschluss der Konfirmationsdiagnostik. Es gilt, schnellstmöglich einerseits die Schwerhörigen zu erkennen und zu versorgen und andererseits falsch positive als solche aufzudecken, nicht zuletzt, um die Akzeptanz des UNHS bei allen Beteiligten zu sichern. Dennoch gibt es Verläufe und Befundkonstellationen, die besondere Schwierigkeiten bereiten. Die retrospektive Betrachtung des Patientenjahrgangs 2007 soll helfen, diese darzustellen, und Ausgangspunkt für Optimierungsansätze sein.

Patienten und Methoden

Die Patientenakten von 200 Neugeborenen und Säuglingen des Jahrgangs 2007 (104 m, 96 w), die in unserer Klink zur pädaudiologischen Diagnostik vorstellig waren, wurden retrospektiv ausgewertet. Erfasst wurden Geburts- und Untersuchungsdaten, Geschlecht, Anlass der Vorstellung, Risikofaktoren, Untersucher (Arzt und Audiologieassistent), Ergebnisse der BERA- und OAE-Screening-Messungen, Tympanometrie, Freifeldaudiometrie, im Falle einer diagnostischen BERA deren Resultat. Bei Diagnose einer Hörstörung wurden Grad und Lokalisation sowie die Art der eingeleiteten Therapie festgehalten. Die untersuchte Gruppe ist keine klassische Follow-up-Population des UNHS, sondern eine Mischgruppe, die sich aus Follow-up-Patienten eines im Jahr 2007 in Westfalen-Lippe noch nicht flächendeckend eingeführten UNHS, aus Risikokindern des UKM sowie aus allen anderen im Jahr 2007 geborenen und bis zum 30.3.2008 am UKM vorstelligen Kindern zusammensetzt.

Ergebnisse

40 Kinder waren im UNHS auffällig gewesen, bei 133 Kindern lagen Risikofaktoren für Hörstörungen vor, 11 kamen aufgrund eines Elternverdachts und 16 aus anderen Gründen. Häufigster Risikofaktor (Mehrfachnennungen) war die Frühgeburt bis zur 32. SSW (n=58), gefolgt von kraniofazialen Dysmorphien (n=22), Syndromverdacht (n=21), Z. n. Beatmung (n=20) und familiären Hörstörungen (n=16). Bei 144 Kindern (72%) wurde mittels Screening-BERA (35dB) eine relevante Schwerhörigkeit ausgeschlossen. Hierfür wurden vier verschiedene Geräte eingesetzt: Echoscreen® (59% der Messungen), Algo II® (22%), GSI Audioscreener® (8%), BeraPHON® (4%). Bei 42 (21%) Kindern wurde eine diagnostische Schwellen-BERA durchgeführt, 9 davon im Spontanschlaf, 29 im Melatonin-induzierten Schlaf und 4 in Intubationsnarkose. Von diesen 42 Kindern waren 9 aufgrund des auffälligen Screenings, 31 aufgrund von Risikofaktoren und eines aufgrund des Elternverdachtes vorstellig gewesen. 36 der 42 BERA-Kinder waren hörgerätepflichtig schwerhörig (85,7%, insgesamt 18% aller 200 Kinder), zwei davon waren bereits vorab entwicklungsbegleitend versorgt worden. Nur eines der 9 Kinder mit initial kontrollbedürftigem UNHS, bei denen aufgrund der bei unserem Follow-up auffälligen Screening-BERA eine diagnostische BERA veranlasst worden war, war normalhörig, 8 zeigten eine mindestens geringgradige Schwerhörigkeit. Von insgesamt 40 vorgestellten UNHS-Auffälligen waren 8 (20%) schwerhörig, von 133 Risikokindern 31 (23,3%).

11 Kinder (5,5%) waren noch in der Abklärung. Davon hatten vier in der Freifeldaudiometrie mehrfach altersgerechte Hörreaktionen und einen unauffälligen Mittelohrstatus gezeigt, ohne dass eine Objektivierung (TEOAE oder Screening-BERA) gelungen war. Zwei Kinder mit einseitig auffälligen Befunden wurden noch weiter kontrolliert. Bei zwei Kindern war zunächst eine operative Mittelohrsanierung im Rahmen einer Spalten-Operation geplant, drei waren trotz mehrfacher Aufforderung und Terminvergabe nicht zu Kontroll-Terminen erschienen. Bei drei Kindern waren Nachkontrollen andernorts durchgeführt worden.

Nur bei 50,2% der 400 Ohren waren die TEOAE bei Erstuntersuchung unauffällig, bei der ersten Kontrolluntersuchung zeigten 55,3% (84 von 152 Ohren) unauffällige TEOAE. Der Anteil pathologischer Mittelohrbefunde nahm zu: Bei Erstvorstellung zeigten 80,3% unauffällige Trommelfellbefunde in der Ohrmikroskopie (321 von 400 Ohren). Bei der ersten Folgeuntersuchung waren 69,4% (118 von 170 Ohren), bei der zweiten Folgeuntersuchung nur noch 44,6% der Trommelfelle (25 von 56 Ohren) unauffällig. Der Anteil unauffälliger Tympanogramme sank entsprechend von 81% bei der Erstuntersuchung über 72,3% bei der ersten auf 48,8% bei der zweiten Kontrolle. Von den bei der dritten Untersuchung ohrmikroskopisch auffälligen 31 Trommelfellen waren bei Erstuntersuchung 23 (74,2%) unauffällig gewesen.

Lange diagnostische Verläufe zeigten sich insbesondere bei kraniofazialen Fehlbildungen und Mehrfachbehinderungen. Bei sieben Kindern hatte die erste pädaudiologische Diagnostik (Screening-BERA, ggf. auch bei höheren Pegeln, altersgerechtes Freifeldaudiogramm, nachweisbare OAE) ein zumindest einseitig normales oder geringgradig beeinträchtigtes Hörvermögen vermuten lassen, die Schwellen-BERA jedoch Hörverluste von mindestens 45 dB ergeben. Bei diesen Kindern sind Kontroll-Hirnstammaudiometrien sowie CMV-Titerbestimmungen geplant.

Schlussfolgerungen

Mittels Screening-BERA ließ sich bei 72% der Kinder einer pädaudiologischen Inanspruchnahmepopulation im ersten Lebensjahr eine relevante Schwerhörigkeit zeitnah ausschließen. Von den in der Screening-BERA auffälligen und mittels diagnostischer BERA weiter untersuchten Kindern waren 85,7% hörgerätepflichtig. Mit der Screening-BERA steht ein diagnostisches Instrument hoher Spezifität zur Verfügung. Anders verhielt es sich mit der TEOAE-Messung, deren Auffälligenquote sehr hoch war. TEOAE-Messungen haben eher ergänzenden Stellenwert. Insbesondere bei kraniofazialen Fehlbildungen und mehrfachbehinderten Kindern ist die Einhaltung der Zeitvorgaben eine, oftmals interdisziplinäre, Herausforderung. Hier ist die entwicklungsbegleitende Hörgeräteversorgung ein Lösungsansatz, auch zum Ausgleich passagerer Schallleitungsstörungen. Hinweise auf progrediente Verläufe verdienen besondere Beachtung. Die retrospektive Aufarbeitung eigener Behandlungsabläufe ist ein wichtiges Instrument zur Qualitätskontrolle und Prozessoptimierung.


Literatur

1.
Gross M. Universelles Hörscreening bei Neugeborenen - Empfehlungen zu Organisation und Durchführung des universellen Neugeborenen-Screenings auf angeborene Hörstörungen in Deutschland. Laryngorhinootologie. 2005;84(11):801-8.
2.
Thompson CD, McPhilips H, Davis R, Lieu TL, Homer CJ, Helfand M. Newborn Hearing Screening: Summary of Evidence. JAMA. 2001;286(16):2000-10.