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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Universelles Neugeborenen-Hörscreening in Kombination mit dem metabolen Screening in Berlin – aktueller Stand und Optimierungsbedarf

Combination of hearing-screening and metabolic screening in newborns in Berlin – actual status and necessity for optimation

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Bärbel Wohlleben - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
  • Manfred Gross - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
  • Marlis-Elisabeth Spormann-Lagodzinski - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppV13

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp13.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Wohlleben et al.
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Zusammenfassung

2005 wurde in Berlin begonnen, das universelle Neugeborenen Hörscreening im Rahmen des Kompetenznetzes mit dem bereits etablierten metabolen Screening zu koppeln. Die Geburtskliniken sind alle mit OAE-Screeninggeräten ausgestattet und die Trockenblutkarte des metabolen Screenings ermöglicht die Erfassung des Hörscreenings.

Erfasst wurden in dem Zeitraum von 2005–2007 insgesamt 87.259 Geburten. Der Anteil der auf der Trockenblutkarte erfassten Hörscreening-Ergebnisse lag 2005 lediglich bei 22%, 2006 betrug er bereits 61% und 2007 dann 71%. In der zwischenzeitlich aufgebauten Datenbank lassen sich parallel dazu auch die als hörgestört identifizierten Kinder dokumentieren. Während in 2005 noch kein Kind mit Hörstörung auf diese Weise erfasst wurde, waren es 2006 22 und 2007 21 Kinder. Dies entspricht bei einer Prävalenz von 1:1000 in den Jahren 2006 und 2007 nicht ganz der zu erwartenden Zahl.

Viele Kliniken bevorzugen statt der Trockenblutkarte eine separate Erfassung des Hörscreenings, was die Dokumentation und das Tracking erheblich erschwert. Die Gründe und Möglichkeiten der Optimierung dieses Konzeptes werden in dem Beitrag zur Diskussion gestellt.


Text

Einleitung

Ziel des Neugeborenen-Hörscreenings ist eine frühzeitige Diagnosestellung und Therapieeinleitung bei angeborenen Hörstörungen, um eine regelrechte Sprachentwicklung zu ermöglichen. Nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses wird dieses Screening zum 01. Januar 2009 als Pflichtleistung der Gesetzlichen Krankenkassen eingeführt. Bei ca. 30.000 Neugeborenen in Berlin pro Jahr ist mit etwa 30–60 Kindern jährlich zu rechnen, die eine permanente Hörstörung haben. Aus mehreren Studien [1], [2], [3] ist bekannt, dass zwar die Teilnahme an den Screening-Untersuchungen durchweg sehr hoch, jedoch die Weiterverfolgung bei Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Hörstörung lückenhaft ist.

In Berlin erfolgt eine 3-stufige Erfassung (Screening, Kontrolle, exakte Schwellenbestimmung) mit Hilfe einer zentralen Patientenerfassung in einer Tracking-Zentrale mit einem Follow-up-Programm. Die Zentrale für das Patiententracking ist auf Anraten des Berliner Datenschutzbeauftragten an das Deutsche Zentralregister für kindliche Hörstörungen (DZH) angegliedert. Es wird eine flächendeckende Erfassung und Dokumentation aller Neugeborenen in Berlin angestrebt. Nach Ausstattung der Geburtskliniken mit OAE-Geräten ist die Bereitschaft zur freiwilligen Teilnahme am Hörscreening zwar kontinuierlich gestiegen, eine flächendeckende Erfassung ist aber noch nicht erreicht. In Ergänzung dazu melden Niedergelassene, die ein Kontrollscreening vornehmen sowie Einrichtungen, die eine exakte Hörschwellenbestimmung durchführen, ihre Testergebnisse an diese Tracking-Zentrale, was eine personalintensive Datenbearbeitung erfordert.

Im Verlauf des Jahres 2005 wurde in einer weiteren Initiative begonnen, im Rahmen des Kompetenznetzes das universelle Neugeborenen Hörscreening mit dem bereits etablierten metabolen Screening zu koppeln. Die Trockenblut-Screeningkarte (TB-Karte) des metabolen Screenings ermöglicht die Erfassung des Hörscreenings. Ziel ist die Logistik aus dem Stoffwechselscreening zur Sicherung der Prozessqualität durch die Trackingzentrale zu übernehmen und eine automatisierte Datenerfassung zu haben.

Ergebnisse

Ausgewertet wurden in dem Zeitraum von 2005–2007 insgesamt 87.259 Geburten (Die Anzahl pro Jahrgang beträgt für 2005: 27.695, 2006: 29.121, 2007: 30.443). Aufgrund der Etablierung des kombinierten Screenings erst zu Beginn 2005 sind nicht alle Geburten des ersten Quartals 2005 erfasst. Der Anteil der auf der TB-Karte erfassten Hörscreening-Ergebnisse lag 2005 lediglich bei 22%, 2006 betrug er bereits 61% und 2007 dann 71%.

2006 wurden 22 Kinder mit Hörstörung auf diese Weise erfasst und in 2007 21 Kinder. Dies entspricht bei einer Prävalenz von 1:1000 in den Jahren 2006 und 2007 nicht ganz der zu erwartenden Zahl. Die Anzahl der kontrollbedürftigen Kinder lag 2006 mit 4,2% und 2007 mit 7,9% etwas über der erwünschten Refer-Rate,

Positiv ist die Entwicklung bezüglich des Lebensalters beim Screening. Allerdings sind auch hier die Datensätze noch unvollständig, da häufig das Screeningdatum fehlt, was aber nicht bedeutet, dass nicht gescreent wurde.

45.110 Datensätze konnten über die drei Jahre ausgewertet werden. Bei 85,1% der Kinder erfolgte das Screening in den ersten 10 Lebenstagen und bei weiteren 11,9% bis zum Ende des 3. Lebensmonats.

Diskussion

Viele Kliniken bevorzugen statt der Trockenblutkarte eine separate Erfassung des Hörscreenings, was die Dokumentation und das Tracking erheblich erschwert. Es gibt allerdings viele Gründe, warum immer noch viele der teilnehmenden Kliniken eine separate Erfassung des Hörscreenings vornehmen. Einige davon sind:

  • unterschiedliche Untersucher
  • Probleme bei zeitgleicher Organisation (in großen Kliniken ist ein OAE-Gerät nicht ausreichend)
  • mangelnde Routine im Einsatz des OAE-Gerätes
  • Hörscreening erfolgt, aber kein Eintrag auf TB-Karte
  • mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit zeitgleicher Erfassung
  • eine Klinik sendet TB-Karte an eigenes Labor

Die flächendeckende Erfassung und Dokumentation aller Neugeborenen in Berlin gestaltet sich hierdurch noch sehr schwierig und zeitaufwendig, da eine erhebliche Anzahl ausgefüllter Hörscreeningbögen per Hand und Einzeleingabe ausgewertet werden muss. Das Tracking ist auf diese Weise mit einer minimalen personellen Ausstattung noch nicht in der notwendigen zeitlichen Nähe durchzuführen. Eine Optimierung des Konzeptes erfordert eine bessere Schulung und personelle Vernetzung in der Durchführung der beiden Screenings. Hier ist mit der gesetzlichen Etablierung des Neugeborenen-Hörscreenings auch im Land Berlin davon auszugehen, dass wie in den Bundesländern, in denen die Hörscreeningaktivitäten mit Tracking und Follow-up finanzielle Unterstützung erhalten, die flächendeckende Erfassung erreicht werden kann.


Literatur

1.
Hess M, Scholand Chr, Gross M. Compliance der Eltern im Rahmen des Neugeborenen-Hörscreenings. In: Gross M. Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte 1994, Band 2. Berlin: RGV; 1995.
2.
Folsom RC, Widen JE, Vohr BR, Cone-Wesson B, Gorga MP, Sininger YS, Norton SJ. Identification of neonatal hearing impairment: recruitment and follow-up. Ear Hear. 2000;21(5):462-70.
3.
Hermann BS,Thornton AR. Audiologic follow-up after failure of an infant screening. Curr Opin Otolaryngol Head Neck Surg. 1996;4:367-70.