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Dreiländertagung D-A-CH
24. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

28. - 30.09.2007, Innsbruck, Österreich

CI bei angeborener Blindheit und progredienter Ertaubung – eine Fallvorstellung

Poster

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirugie. Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie. Dreiländertagung D-A-CH, 24. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V.. Innsbruck, Österreich, 28.-30.09.2007. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2007. Doc07dgppP18

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2007/07dgpp56.shtml

Veröffentlicht: 28. August 2007

© 2007 Fürstenberg et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Zusammenfassung

Einleitung: Bisher wurde nur in Einzelfällen von der Cochleaimplantation bei mehrfachbehinderten Menschen berichtet.

Fallbeschreibung: Eine blind geborene Patientin erhält nach über dreißigjähriger Ertaubung ein Cochleaimplantat. Während der präoperativen Diagnostik, der ersten Anpassungssitzung sowie des Hörtrainings wurde vor allem das Lormen ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation. Es werden die Parameter der ersten Anpassung vorgestellt und die eingehende Übung der Handhabung des Sprachprozessors beschrieben.

Innerhalb von sechs Wochen entwickelte die Patientin ein nahezu offenes Sprachverstehen. Die Technik des Lormens spielte bei den Hörtrainingseinheiten eine herausragende Rolle bis das auditive Verstehen ohne Hilfsmittel möglich wurde.

Zusammenfassung: Für diese Patienten bedeutete die Cochlea Implantation eine enorme Steigerung der Lebensqualität, weil der Hörsinn insbesondere bei blinden Menschen einen entscheidenden Beitrag zur Orientierung und damit zur Selbständigkeit bedeutet. Allerdings muss in der Nachsorge die Handhabung des Sprachprozessors und des Zubehörs einen besonderen Stellenwert einnehmen.


Text

Im vorliegenden Fall soll eine Vorstellung einer Patientin aus Köln erfolgen. Die heute 58-jährige Patientin stellte sich im August 2006 in unserer Klinik mit dem Wunsch vor, eine Cochleaimplantation links vornehmen zu lassen.

Zur Anamnese

  • Patientin, Alter 58 Jahre
  • kongenitale Erblindung
  • ab 17.-18. Lebensjahr progrediente Schwerhörigkeit
  • ab dem 25. Lebensjahr kein verwertbares Resthörvermögen
  • 1981 CI-Implantation (Banfai, System mit Stecker) mit großen Komplikationen und Fazialislähmung links
  • 1985 Explantation des CI-Systems
  • Kommunikation nur über Lormen/Braillie-Zeile möglich
  • Voruntersuchungen wie BERA, ECochG, Promontoriumstest im August 2006
  • Indikation zur Cochleaimplantation im August 2006
  • Implantation im Oktober 2006
  • Erstanpassung des Sprachprozessors im Dezember 2006

Die Versorgung der Patientin erfolgte am 27.10.2006 mit einem Implantat der Firma Cochlear. Während der Operation war eine Rekonstruktion der hinteren Gehörgangswand nötig und es zeigte sich das Fehlen jeglicher Stapes-Suprastruktur, sowie des Amboß. Implantiert wurde ein Freedom CI24 (RE) CA System. Als Sprachprozessor kommt ein Freedom-HdO-Prozessor zum Einsatz.

Erstanpassung

Bei der Ermittlung der Werte für die Hörschwelleneinstellung (T-Level) und für die Behaglichkeitsgrenzeneinstellung (C-Level) mussten die subjektiven Angaben der Patientin herangezogen werden, da intraoperativ keine Messung der SRT möglich war und auch die NRT keine Antworten bis zu Pulsweiten von 50µs zeigten. Da beim Versuch der intraoperativen Messung eine Fazialisstimulation ausgelöst wurde, war davon auszugehen, dass das Implantat funktioniert.

Während der Erstanpassung waren deutliche Hörreaktionen zu verzeichnen. Die in der Sitzung angegebenen Werte (sowohl die Werte für die Hörschwelle, als auch die Behaglichkeitsgrenzen) mussten deutlich abgesenkt werden, um einen angenehmen Lautheitseindruck zu erzeugen. Mit dieser ersten Map war schon ein Sprachverstehen möglich, wenn langsam genug gesprochen wurde.

Parameter für die Einstellung
  • Pulsweite: 25µs
  • Maxima: 10
  • Stimulationsrate (über alle Elektroden): 9000 Hz

Eine besondere Herausforderung bei dieser Anpassung war unter anderem die Kommunikation mit der Patientin. Wir entschieden uns für das Lormen zur Patientin durch die Mutter. Sämtliche Anweisungen und Forderungen während der Anpassung mussten durch die Mutter übersetzt werden. Außerdem zeigte sich, dass die Mimik und Gestik, sowie der Habitus der Patientin nicht mit sehenden Patienten zu vergleichen ist.

Nicht unerwähnt bleiben soll jedoch, dass bei dieser Patientin die Rückmeldung gegenüber anderen Taubblinden vereinfacht ist, da sie eine relativ gute Sprachproduktion besitzt. Bei dieser Patientin liegen Erfahrungen mit Elektrostimulation vor (Banfai-Implantat) und die Patientin verfügt über Hörerfahrung, da sie nach Spracherwerb ertaubt ist, so dass auch hier die Vorraussetzungen besser sind, als in ähnlich gelagerten Fällen.

Folgeanpassungen und Therapie

Zuerst muß erwähnt werden, dass im Februar 2007 eine Revision notwendig wurde, da sich durch mechanischen Reiz die Wunde über dem Elektrodenträgerbündel entzündet hatte. Hier war eine Wundrevision nötig. In der Folge konnte die Patientin den Sprachprozessor nur auf der contralateralen Seite tragen und musste ein „Crosskabel“ verwenden. Die Patientin trug den Prozessor zuerst, aus Angst, nicht den ganzen Tag.

Im Verlauf der Folgeanpassungen stiegen die Werte für T- und C-Level auf durchaus übliche Werte. Auffällig ist eine häufigere Änderung im medialen und basalen Frequenzbereich, die darauf schließen lässt, dass schon seit einiger Zeit keine Hörempfindungen in diesem Frequenzbereich mehr vorhanden waren. Deutlich zu sehen ist auch die Steigerung der T- und C-Level insgesamt, womit jetzt eine unauffällige Map erreicht wurde. Das Hörgerät wird von der Patientin, wegen fehlendem, akustischem Gewinn, nicht mehr genutzt. Umfangreichere audiologische Tests sind noch nicht erfolgt, jedoch liegen die Ergebnisse der therapeutischen Tests vor. Die Patientin wünscht, entgegen unserem Rat, keine externe Therapie außerhalb des CI-Zentrums. Hier sind die Zeitspannen zwischen den einzelnen Sitzungen leider aufgrund der eingeschränkten Mobilität der Patientin relativ lang.

Eine Kommunikation ist mit der Patientin mittlerweile ohne Lormen nur mittels Sprache möglich, wenn auf eine reduzierte Sprechgeschwindigkeit und deutliche Aussprache geachtet wird. Trotz der doch relativ guten Erfolge bleibt anzumerken, dass bei der Patientin im Vergleich zu anderen Patienten folgender Zusatzbedarf vorhanden ist:

  • Einsatz von Zusatzgeräten (z.B. Telefonadapter, Induktionssschleife, ...)
  • Mobilitätstraining (Handling des Prozessors, einsetzen Batterien, …)
  • Farbe des Sprachprozessors (minimaler Restvisus → Kontrast Untergrund)
  • Hilfe beim Support (Bestellungen Ersatz und Zubehör)
  • Dolmetscher (Lormen) während Therapie und Anpassung

Schlussfolgerung:

Zur Situation der Patientin nach der Cochleaimplantation ist zu sagen:

  • Sie berichtet, sie sei selbst zufrieden und müsse mit ihrer Mutter nun nicht mehr lormen.
  • Gespräche sind mit geringem Tempo und einigen Wiederholungen möglich.
  • Trotz der negativen Erfahrung mit dem Vorgänger-Implantat hat sich die Patientin entschlossen sich erneut mit einem CI versorgen zu lassen und diesen Entschluss nicht bereut.
  • Die Patientin befindet sich in der Lage, das erste Mal seit über 30 Jahren wieder Sprache zu verstehen.

Im Ergebnis ist der beschriebene Fall, trotz aller Widrigkeiten, als eine gelungene CI-Versorgung und ein Gewinn für die Patientin zu sehen.

Abbildungen: Maps der Sprachprozessoreinstellungen [Abb. 1], [Abb. 2], [Abb. 3], [Abb. 4]

Ergebnisse der therapeutischen Tests [Tab. 1]