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23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Im freien Schallfeld evozierte vigilanzunabhängige Auditory Steady State Responses (ASSR) zur Anpassung von Hörsystemen

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV38

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp58.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Schönweiler et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Frequenzspezifische akustisch evozierte Potentiale können zur Hörgeräteanpassung eingesetzt werden (NN-BERA [1]; ASSR 80-110 Hz, 2 Probanden [2]; Audera-ASSR 40 Hz, 10 Probanden, In-situ-Messungen [3]; ASSR 80-110 Hz, 2 Probanden [4]). Für vigilanzunabhängige Modulationsfrequenzen (>80 Hz), die ein schlechtes Signal-Rauschverhältnis aufweisen, wurde dies noch nicht ausreichend untersucht.

Methode: An 10 erwachsenen Probanden wurden ASSR-Schwellen im freien Schallfeld bei den Prüffrequenzen 0,5, 1, 2, und 4 kHz bestimmt. Auf Basis der zuvor gemessenen Luftleitungshörverluste wurden digitale Hörgeräte angepasst (Siemens Signia HdO, Anpassformel HV/2, lineare I/O-Kennlinie, ohne Rauschunterdrückung und Spracherkennung). Anschließend wurden ASSR-Schwellen mit Hörgeräten ebenfalls im freien Schallfeld gemessen. Durch in-situ-Messung wurde der Schalldruckpegel am und im Ohr bestimmt und die Qualität des Stimulus oszillographisch kontrolliert. Die Differenz der ASSR-Schwellen mit und ohne Hörgeräten wurden mit Real-Ear-Insertion-Gains (REIG) verglichen.

Ergebnisse: 33 der 39 Anpassungen (85%) wichen nicht mehr als 10 dB von der Ziel-Insertion-Gain ab. 6 Anpassungen wichen mehr als 10 dB ab, besonders wenn die Probanden nicht für die Dauer von 1-1½ Stunden ruhig liegen und/oder stehende Wellen nicht vollständig eliminiert werden konnten.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse mit vigilanzunabhängigen ASSR könnten auch für Säuglinge eine viel versprechende Methode zur Anpassung von Hörgeräten werden.


Text

Einleitung

Es wurde bereits sporadisch nachgewiesen, dass frequenzspezifische akustisch evozierte Potentiale zur Hörgeräteanpassung eingesetzt werden können (NN-BERA [1]; ASSR 80-105 Hz, 35 Probanden (Kinder) [2]; Audera-ASSR 40 Hz, 10 Probanden, In-situ-Messungen [3]; ASSR 80-110 Hz, 2 Probanden [4]). In den Publikationen wurden überwiegend die durch ASSR gemessenen Verstärkungen mit psychoakustisch ermittelten Verstärkungen (Aufblähkurven) verglichen [1], [2], [4]. Vigilanzunabhängige ASSR mit Modulationsfrequenzen über 80 Hz in Verbindung mit in-situ gemessenen Verstärkungen wurden bisher noch nicht untersucht. Ziel der Studie war es daher, Aufblähkurven mit vigilanzunabhängigen ASSR zu messen. Diese Versuche dienen nur zur Anpasskontrolle, da die ASSR-Messung in ihrer jetzigen Form zum direkten Einstellen des Hörgerätes zu zeitaufwendig ist.

Methode

Es wurden 6 erwachsene Probanden im Alter von 52 bis 82 Jahren (im Mittel 71 Jahre) mit verschiedenen bekannten Hörverlusten in die Studie eingeschlossen. Die Potentialableitungen wurden mit einem Gerät Evoselect der Firma Pilot Blankenfelde durchgeführt. Als Wandler wurden ein DT48 Kopfhörer sowie für die Freifeldmessungen ein Canton XS Lautsprecher verwendet. Die Stimuli hatten die Trägerfrequenzen 0,5; 1; 2 und 4 kHz. Die Modulationsfrequenzen lagen zwischen 80 und 100 Hz. Wenn möglich, wurden die Stimuli als Multi-Reiz eingesetzt. Bei Frequenzen, die eine von den anderen Frequenzen stark abweichende Schwelle hatten, wie es z. B. bei Hochtonsteilabfällen vorkommt, musste mit einzelnen Tonfrequenzen getestet werden. Zur Festlegung der Schwellen wurde die in der Software integrierte teststatistische Auswertung genutzt, die im Gegensatz zu den meisten anderen kommerziellen Verfahren eine Irrtumswahrscheinlichkeit von nur 2% (statt z. B. 5%) zugrunde legt, wodurch mit einer höheren Genauigkeit, aber auch mit einem erhöhten Zeitbedarf zu rechnen ist.

Es wurden digitale Hörgeräte „Signia HdO“ (Fa. Siemens) mit linearer Verstärkungseinstellung auf der Basis der Luftleitungshörschwelle angepasst. Es wurde die denkbar einfachste Anpassformel verwendet (Verstärkung=Hörverlust: 2, d.h. HV/2). Störschallunterdrückungs- und Spracherkennungssysteme wurden deaktiviert. Um definierte Pegel zu gewährleisten und stehende Wellen zu verhindern, wurden die Probanden im Nahfeld des Lautsprechers positioniert und In-situ-Messungen durchgeführt. Die In-situ-Messungen erfolgten mit einem ACAM5-Messsystem (Fa. Acousticon). Dieses erlaubte eine gleichzeitige Betrachtung des Frequenz- und Zeitbereichs des akustischen Signals. Stehende Wellen konnten dadurch oszillographisch minimiert werden, in dem der Lautsprecherabstand bei Bedarf entsprechend variiert wurde. Die Differenz der ASSR-Schwellen mit und ohne Hörgerät wurde mit Real-Ear-Insertion-Gains (REIG), d.h. mit in-situ kontrollierter Zielverstärkung, verglichen. Die gesamte Untersuchungszeit umfasste etwa drei Stunden.

Ergebnisse

Ziel der Messung war es, die nach der Anpassformel eingestellte Verstärkung durch Messung der ASSR-Schwellen mit Hörgerät zu erreichen. Abbildung 1 [Abb. 1] zeigt dazu die Differenz der elektrophysiologisch mit ASSR gemessenen Verstärkung und der physikalisch gemessenen REIG. Die Mittelwerte der Differenzen befinden sich, abhängig von der Prüffrequenz, zwischen -4,75 und +5,20 dB. Die Standardabweichungen betragen maximal 9,84 dB.

33 der 39 ASSR-Verstärkungen (85%) wichen nicht mehr als 10 dB von den REIG-Werten ab (Abbildung 2 [Abb. 2]). 6 Anpassungen wichen jedoch mehr als 10 dB ab, besonders wenn die Probanden nicht für die Dauer von 1-1½ Stunden ruhig liegen und/oder stehende Wellen nicht vollständig eliminiert werden konnten. Die Ergebnisse waren für 500 Hz und 2 kHz tendenziell schlechter als für 1 kHz und 4 kHz.

Diskussion

Mit den vigilanzunabhängigen ASSR (Modulationsfrequenzen >80 Hz) ist grundsätzlich eine Anpassung von Hörgeräten bzw. Kontrolle einer Anpassung möglich. Die Abweichungen scheinen etwas geringer als die von Picton et al. publizierten zu sein [2], vermutlich, weil die tatsächlich bzw. In-situ vorhandenen Verstärkungen zugrunde gelegt wurden statt subjektive bzw. psychoakustische Aufblähkurven.

Die Ergebnisse waren zudem tendenziell besser als mit zuvor publizierten 40-Hz-modulierten ASSR, ebenfalls in Verbindung mit In-situ-Messungen. Als Probleme stellten sich wiederum die raumakustischen Bedingungen, vor allem stehende Wellen, heraus, die ohne In-situ-Kontrolle des akustischen Signals gar nicht offenbar werden. Da „schalltote“ Räume (Camera silens) in der Praxis nur selten verfügbar sind, müssen stehende Wellen während der Ableitung der Potentiale oszillographisch ausgeschlossen werden. Versuchsweise könnte ein Freifeld-Kopfhörerlautsprecher, wie der AKG K1000, verwendet werden, um dieses Problem zu vermeiden. Der Zeitbedarf ist für eine generelle Anwendung bei Kindern noch viel zu hoch. Mit der verwendeten Messanordnung werden derzeit weitere Messungen an einem umfangreicheren Kollektiv sowie an Kindern durchgeführt.


Literatur

1.
Patent DE. 101 21 914 A1. Anmelder: Böckhoff Hörgeräte, Erfinder: Steinmeier G., Verfahren zur Anpassung eines Hörgerätes mittels Notched-Noise-BERA, Offenlegung 2002.
2.
Picton TW, Durieux-Smith A, Champagne SC, Whittingham J, Moran LM, Giguere C, Beauregard Y. Objective evaluation of aided thresholds using auditory steady-state responses. J Am Acad Audiol. 1998;9:315-31.
3.
Schönweiler R, Wolter T, Meier S, Pötzl AL, Rohweder R. Fitting hearing aids using amplitude modulation following responses. In: 4rd international conference on newborn hearing screening, diagnosis, and intervention (NHS 2006). Cernobbio (Como), Italien, 31. Mai - 2. Juni 2006, Book of Abstracts.
4.
Wesarg T, Mühler R, Ziese M, Stützel A, von Specht H. Registrierung von Amplitude Modulation Following Responses an Hörgeräteträger. 7. DGA-Jahrestagung. 2004.