gms | German Medical Science

23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Neue Wege in der akademischen Lehre

Vortrag

Suche in Medline nach

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV13

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp19.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Eysholdt et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Die langjährige Forderung nach einem größeren Stellenwert der Lehre an deutschen Universitäten bekam in der Medizin durch die Reform der Ausbildungsordnung eine neue Dynamik. Das Fachgebiet Phoniatrie und Pädaudiologie ist danach zwar kein Pflichtfach, kann sich als eigenständiges Fach aber sowohl im ersten als auch im zweiten Studienabschnitt als sog. Wahlpflichtfach präsentieren. Sinn- und reizvoll sind nach der Konzeption des Faches v.a. aber auch die Beteiligung an den Querschnittsfächern oder aber die themenbezogene Mitarbeit in anderen Pflichtveranstaltungen. Die Erlanger Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie hat die akademische Lehre in den letzten Jahren systematisch ausgeweitet, inhaltlich auf die Unterrichtung zu den „Kernstörungen“ des Faches präzisiert und durch die Einbindung aller akademischen und sonstigen Mitarbeiter die Corporate Identity des Personals außenwirksam kommuniziert. Das Engagement bildet sich einerseits in durchweg positiven studentischen Evaluationen ab; Studenten erfahren die Arbeit der Abteilung und des Faches und werden als Doktoranden rekrutiert. Die Kooperation mit anderen Fächern ist Ausgangspunkt optimierter klinischer Abläufe und neuer wissenschaftlicher Projekte. Der eingeschlagene neue Weg hat sich als richtig und erfolgreich bewiesen. Kleineren universitären Funktionseinheiten des Faches könnte ein durch die DGPP koordinierter Arbeitskreis Hilfe bei der eigenen Neupositionierung in der Lehre geben.


Text

Die langjährige Forderung nach einem größeren Stellenwert der Lehre an deutschen Universitäten bekam in der Medizin durch die Reform der Ausbildungsordnung eine neue Dynamik. Nach inhaltlichen Kriterien kommt es zu einer a priori als sinnvoll anzunehmenden Verkleinerung der Praktikumsgruppen in den klinischen Fächern („bedside teaching“). Theoretische und klinische Fächer werden vermehrt verzahnt; dies soll zu einer Fokussierung der Inhalte des vorklinischen Unterrichtes auf klinisch relevante Aspekte führen, außerdem zu einem früheren Patientenkontakt als bisher im Hinblick auf eine Steigerung der kommunikativen Kompetenz der Studenten. Weiterer Kernaspekt ist die Entwicklung des fachübergreifenden Unterrichtes auch in den klinischen Fächern, operationalisiert z.B. in der Methodik des problemorientierten Lernens POL und formalisiert u.a. in den sog. Querschnittsfächern. Ergänzt wurden in der Ausbildungsordnung auch sog. Wahlpflichtfächer, deren Absolvierung sowohl in der Vorklinik (jetzt: „Erster Studienabschnitt“) als auch im klinischen Studium (jetzt: „zweiter Studienabschnitt“) für jeden Studenten verpflichtend ist. Diese Querschnittsfächer sollen einerseits lokalen Besonderheiten mit individuellen Schwerpunktbildungen in den medizinischen Fakultäten Rechnung tragen, d.h. es können von den Studenten auch Fächer belegt werden, die nicht an allen Universitätskliniken vorgehalten werden; andererseits können Wahlpflichtfächer auch aus bestehenden Fächern generiert werden und z.B. zur Vertiefung von bestimmten Inhalten genutzt werden.

Das medizinische Gebiet für Kommunikationsstörungen, die Phoniatrie und Pädaudiologie, ist nach der neuen Ausbildungsordnung nach wie vor kein Pflichtfach. Nach dem interdisziplinären Selbstverständnis und auch der formalen Definition des Faches erscheint die Phoniatrie und Pädaudiologie losgelöst von einer individuellen Lehrverpflichtung gut geeignet, sich nach den o.g. Zielsetzungen der neuen Ausbildungsordnung in der akademischen Lehre zu positionieren, hinzu kommt natürlich die inhaltliche Motivation der Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten im Umgang mit den versorgungsrelevanten Störungen des Faches.

Die Erlanger Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie hat – losgelöst von der ohnehin bestehenden universitären Pflicht – im Rahmen des von den Mitarbeitern aller Berufsgruppen entwickelten, getragenen und überprüften systematischen Qualitätsmanagements das Engagement in der akademischen Lehre zur Kernaufgabe der Abteilungsarbeit erklärt und dies auch öffentlich gemacht (http://www.phoniatrie.uni-erlangen.de/e1848/index_ger.html). Das aktuelle Erlanger Lehrkonzept orientiert sich an den Zielsetzungen der neuen ärztlichen Ausbildungsordnung (Tabelle 1 [Tab. 1]).

Das Unterrichtskonzept wurde über einen Zeitraum von fast 10 Jahren entwickelt und zwischenzeitlich evaluiert: Das Hochschulrahmengesetz verpflichtet die Fakultäten zur Evaluation der Lehre und zur Darlegung der Evaluationsergebnisse. Unabhängig von dieser formalen Vorgabe hat die Erlanger Abteilung mit der Fremdbewertung der eigenen Arbeit, die dann Grundlage für eine inhaltliche und/oder methodische Weiterentwicklung ist, in ihrem Qualitätsmanagementsystem sehr positive Erfahrungen gemacht. Im Vordergrund steht bei der Bewertung der die Qualität verbessernden Bemühungen nicht so sehr die formale Prüfung einer Normenkonformität, sondern vielmehr der Beratungscharakter. Dieser methodische Zugang deckt sich mit dem der in der Krankenversorgung europaweit bewährten „Klinischen Audits“. Aus Sicht der Abteilung ist besonders die gemeinsame Evaluation durch Gutachter unterschiedlicher fachlicher Provenienz und Qualifikation gewinnbringend. Im Jahre 2003 wurde das Erlanger Konzept durch die Verleihung des Karl-Storz-Preises für akademische Lehre der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie gewürdigt.

Ergänzend zum „Peer-Review“ der Lehre werden die Praktika grundsätzlich auch mittels Fragebögen durch die Studenten evaluiert: Geschlossene Fragen zielten auf ein Gesamturteil, auf das fachliche und das kommunikative Niveau, die Gruppengröße, den Zeitrahmen und auf den Umfang des praktischen Anteils. Offene Fragen lauteten „Worüber haben Sie sich geärgert?“, „Was fanden Sie besonders gut?“ und „Welche Empfehlungen zum Praktikum können Sie uns geben?“. Bei den Blockpraktika kommen noch Fragen zu den einzelnen Unterrichtsblöcken hinzu. Die Evaluationen können an dieser Stelle nicht differenziert dargestellt werden, sind aber insgesamt hervorragend und verdeutlichen die Wertschätzung für die Didaktik und für die erfolgreiche Vermittlung von Einstellungen, Kenntnissen und Fähigkeiten.

Vor dem Hintergrund der Evaluationsergebnisse werden das didaktische Konzept und die individuellen Schulung der Dozenten laufend weiter entwickelt, dazu werden, z.T. auch im Rahmen der akademischen Qualifizierung von Habilitanden, auch externe Ressourcen genutzt (http://www.fbz-hochschullehre.de/).

Aus Sicht des für die akademische Lehre der Abteilung letztverantwortlichen leitenden Arztes ist das große Engagement aller Mitarbeiter für die Lehre als Teil der Corporate Identity der Abteilung hervorzuheben – außerdem macht gute Lehre Spaß. Neben der Bedeutung der Lehre für den in Zukunft steigenden Anteil leistungsorientierter Mittel kommt ein weiterer, die Existenz des Faches genuin berührender Aspekt hinzu: Durch eine offensive Lehre wird hochwertiger Nachwuchs auch für das Fach rekrutiert. Dies bildet sich in Erlangen in einer Vielzahl guter wissenschaftlicher Projekte mit Doktoranden als Erstautoren von nationalen und internationalen Veröffentlichungen ab. Die Lehroffensive dient also im letzten auch der Aktivierung der „human ressources“ als möglicherweise wichtigstem Faktor des dauerhaften Bestandes der Phoniatrie und Pädaudiologie im universitären Bereich.

Der in Erlangen eingeschlagene neue Weg in der Lehre ist von Erfolg gekrönt. Kleineren universitären Funktionseinheiten des Faches könnte ein durch die DGPP koordinierter Arbeitskreis Motivation und Hilfe bei der eigenen Neupositionierung in der Lehre geben. Damit wird sich der Vorstand der Fachgesellschaft in Zukunft zu beschäftigen haben.


Literatur

1.
Rosanowski F, Hoppe U. Akademische Lehre. Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie Universitätsklinikum Erlangen. Aachen: Shaker Verlag; 2003.