gms | German Medical Science

100 Jahre Phoniatrie in Deutschland
22. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie
24. Kongress der Union Europäischer Phoniater

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

16. bis 18.09.2005, Berlin

Münchner Auditiver Screeningtest für Verarbeitungs-und Wahrnehmungsstörungen (MAUS) - Retest-Reliabilität und Sensivität

Munich Auditory Screening test (MAUS) for perception disorders - reliability and sensitivity

Poster

  • corresponding author presenting/speaker Christina Heuckmann - Abteilung für Phoniatrie und Audiologie, Kinderzentrum München, München, Deutschland
  • author Claudia Massinger - Abteilung für Phoniatrie und Audiologie, Kinderzentrum München, München, Deutschland
  • author Thorsten Burger - Sektion Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinik Freiburg, Freiburg, Deutschland
  • author Andreas Nickisch - Abteilung für Phoniatrie und Audiologie, Kinderzentrum München, München, Deutschland

100 Jahre Phoniatrie in Deutschland. 22. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, 24. Kongress der Union der Europäischen Phoniater. Berlin, 16.-18.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05dgppP24

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2005/05dgpp074.shtml

Veröffentlicht: 15. September 2005

© 2005 Heuckmann et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Hintergrund: 2004 erfolgte die Normierung des MAUS-Tests an 359 Grundschulkindern. Um den Grad der Genauigkeit des MAUS zu messen, wurden die Retest-Reliabilität an 62 Grundschulkindern (8-10 Jahre) untersucht sowie an 36 weiteren Kindern (6-12 Jahre) mit AVWS die Sensitivität des Tests geschätzt.

Methode: Ermittelt wurden die Korrelationen (Spearman) der Testergebnisse zwischen dem ersten und zweiten Testzeitpunkt (zweite Testung erfolgte zwei bis sechs Wochen später) sowie die Sensitivität.

Ergebnisse: Die Retestreliabilität für den Gesamttest liegt bei .75 sowie bezogen auf die einzelnen Subtests bei .75 (Lautdifferenzierung), .71 (Lautidentifikation), .71 (Wörter im Störgeräusch) und .64 (Sinnlossilbenfolgen). Alle Korrelationen sind mit p<.001 signifikant. Die Sensitivität lässt sich vorbehaltlich der geringen Fallzahl derzeit auf 97% schätzen.

Diskussion: Die Retestreliabiliät ist für den Gesamttest sowie für die Subtests bis auf die Werte für die Sinnlossilbenfolgen zufriedenstellend.Es gibt nur wenige Vergleichsmöglichkeiten mit anderen sprachaudiometrischen Tests. Der amerikanische SCAN-Test zeigt ähnliche Stabilitätswerte. Im Bielefelder LRS-Screening liegen die Retestreliabilitäten zwischen .29 bis .65.

Die Sensitivitätswerte liegen bei der derzeit noch geringen Fallzahl im Zielerwartungsbereich.


Text

Hintergrund

Im letzten Jahr wurde der Münchener Auditive Screeningtest für Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (MAUS) entwickelt und an 356 Münchner Grundschülern normiert. Der Test beinhaltet folgende Untertests: Silbenfolgen, Wörter im Störgeräusch, Phonemdifferenzierung und Phonemidentifikation. Um den Grad der Genauigkeit des MAUS zu messen, wurden die Retest-Reliabilität untersucht sowie die Sensitivität des Tests geprüft.

Methode

Die Retest-Reliabiliät wurde an 62 Münchner Grundschulkindern (1.- 4. Klasse) ermittelt. Das periphere Hörvermögen war beidseits jeweils unauffällig (d.h. die Transitorisch Evozierten Otoakustischen Emissionen waren beidseits messbar).

Zwischen dem ersten und zweiten Testzeitpunkt lagen 2 - 6 Wochen (Mittelwert: 23 Tage, STD: 13,1 Tage). Errechnet wurden die Korrelationen (Spearman) der Testergebnisse zu beiden Messzeitpunkten. Zudem wurden über einen Lehrerfragebogen die Muttersprache, bekannte Sprach- und Hörstörungen sowie das evtl. Bestehen einer Legasthenie der Kinder erfasst.

Weiterhin wurde an 51 Kindern mit modalitätsspezifischer Auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) die Sensitivität des MAUS überprüft. Bei allen Kindern war das periphere Hörvermögen beidseits unauffällig und die nonverbale Intelligenztestleistung lag über 85. Die Diagnose der AVWS wurde erfolgte nach den bereits publizierten Kriterien [4].

Die Auswertungen erfolgten jeweils mit SPSS 12.0 für Windows.

Ergebnisse

a) Retest-Reliabilität:

38 (61,3%) der Kinder waren männlich und 24 (38,7%) waren weiblich. Das Durchschnittsalter lag bei 9,2 Jahren (Median: 9,1; STD: 0,9). Über den Lehrerfragebogen wurden folgende Merkmale für jedes Kind erhoben (ermittelte Anzahl und relative Häufigkeiten in Klammern):

„Deutsch nicht die Muttersprache" (n=20; 32,3%) „Legasthenie" (n=2; 2,4%). Bei keinem der Kinder wurden Hörstörungen und Sprachstörungen angegeben.

Die Retest-Reliabilität für den Gesamttest lag bei 0,75 sowie bezogen auf die einzelnen Subtests bei 0,75 (Lautdifferenzierung), 0,71 (Lautidentifikation), 0,71 (Wörter im Störgeräusch) und 0,64 (Sinnlossilbenfolgen). Alle Korrelationen waren mit p<0,001 signifikant.

b) Sensitivität:

Die Sensitivität für MAUS Test wurde an insgesamt 74 Kindern (22 Kindern ohne und 52 Kindern mit modalitätsspezifischer AVWS (Tabelle 1 [Tab. 1]) überprüft. Das Alter der Kinder lag zwischen 6-12 Jahren (Mittelwert 9,1; Standardabweichung 1,5). Die nonverbale Intelligenz betrug im Mittelwert 96 (Standardabweichung 9,9). Es wurden die Daten von 50 Jungen und 24 Mädchen überprüft. Auf Grund der Vierfeldertafel (Tabelle 1 [Tab. 1]) lässt sich die Sensitivität für den MAUS vorbehaltlich der derzeit noch geringen Fallzahl auf 96% (95%-Konfidenzintervall: 86-99%) schätzen.

Aussagekräftige Rückschlüsse auf die Spezifität können derzeit noch nicht gezogen werden.

Diskussion

Die Retest-Reliabilität liegt für den Gesamttest sowie für die Subtests Lautdifferenzierung, Lautidentifikation und Wörter im Störgeräusch zwischen 0,7-0,8, für die Sinnlossilbenfolgen etwas geringer. Es existieren nur wenige Vergleichsmöglichkeiten mit anderen sprachaudiometrischen oder in der Diagnostik von AVWS eingesetzten Tests. Der amerikanische SCAN-C-Test zeigt mit Werten zwischen 0,67 und 0,78 ähnliche Retest-Reliabilitäten [2]. Im Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC) liegen die berichteten Stabilitätswerte sogar nur zwischen 0,29 bis 0,65 [1]. Insofern sind die Reliabilitätswerte des MAUS vergleichbar mit denjenigen von Verfahren, die für ähnliche Fragestellungen zur Verfügung stehen und für die Stabilitätswerte berichtet wurden.

Die ermittelten Sensitivitätswerte liegen bei der derzeit noch geringen Fallzahl im Zielerwartungsbereich.

Der Test ist innerhalb von 15 Minuten durchführbar. Vom Testaufbau her werden entscheidende Merkmale von Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen überprüft. Normwerte für das Grundschulalter wurden bereits ermittelt [3].

Insofern erfüllt MAUS unter zusätzlicher Berücksichtigung der bisher ermittelten Sensitivitätsschätzungen wesentliche Voraussetzungen für einen Screeningtest.

Allerdings muss angemerkt werden, dass durch den fehlenden Goldstandard für Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen die Beurteilung der Validität nur eingeschränkt möglich ist. Durch die hohen Korrelationen der Subtests des MAUS und den jeweiligen Ursprungstests [5] als „Außenkriterien" ist die Kriteriumsvalidität des MAUS als günstig einzuschätzen. Auf Grund der Vorüberlegungen und der Vorstudie trifft dies auch auf die Inhaltsvalidität zu, wenngleich sich die Inhaltsvalidität bei dem Konstrukt „AVWS" nur schwer fassen lässt.

Die Korrelation des MAUS mit der Deutschnote hätte bei nachgewiesenem Zusammenhang von AVWS und Deutschnote Implikationen auf die Validität. Allerdings ließ sich dieser Zusammenhang nicht nachweisen [5]. Vermutlich fließen in die Deutschnote zu viele weitere Variablen mit ein (u.a. Intelligenz, sprachliches und soziales Umfeld, häusliche Förderung, sprachlicher Ausdruck, Sprachverständnis, Wissen), welche den untersuchten Zusammenhang möglicherweise verwischen.

MAUS ist ausschließlich ein Screeninginstrument. Es ist nicht zulässig, die Diagnose einer AVWS allein auf Grund der Testergebnisse aus dem MAUS zu stellen. Zur Diagnose und Differenzialdiagnose einer AVWS sind umfangreiche pädaudiologische Testkombinationen notwendig sowie ggf. interdisziplinäre Überlegungen.


Literatur

1.
Jansen H., Mannhaupt G., Marx H., Skowronek H. (1999): Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (BISC). Hogrefe-Verlag, Göttingen
2.
Keith WR (2000): Development and Standardization of SCAN-C Test für Auditory Processing Disorders in Children. J AM Acad Audiol 11, 438-445
3.
Nickisch A, Heuckmann C, Burger T (2004): Münchner Auditiver Screeningtest für Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen. Audiometrie Disk 23 mit Handbuch. Westra Elektroakustik, Wertingen.
4.
Nickisch A, Oberle D (2002): Analyse von Testprofilen bei auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen. In: Kruse E & Gross, M (Hrsg). Aktuelle phoniatrisch-pädaudiogische Aspekte 2002/2003. Median-Verlag, Heidelberg, 327-331
5.
Nickisch A., Heuckmann C., Burger T., Massinger C. (2005): Münchner Auditiver Screeningtest für Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (MAUS). Laryngo-Rhino-Otologie, submitted.