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100 Jahre Phoniatrie in Deutschland
22. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie
24. Kongress der Union Europäischer Phoniater

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

16. bis 18.09.2005, Berlin

Repeated vocal fold paralysis after vaccination against tic-borne encephalitis

Wiederholte Recurrensparese nach Impfung gegen Frühsommer-Meningoencephalitis

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Monika Tigges - Städt. Klinikum Karlsruhe, Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie, Karlsruhe, Deutschland

100 Jahre Phoniatrie in Deutschland. 22. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, 24. Kongress der Union der Europäischen Phoniater. Berlin, 16.-18.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05dgppV39

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2005/05dgpp029.shtml

Veröffentlicht: 15. September 2005

© 2005 Tigges.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Abstract

Two weeks after vaccination against tick-born encephalitis (TBE) a 38-year-old patient developed unilateral paralysis of the vocal folds. Prognosis proved to be favourable as the paralysis subsided after 6 months. Two years later the patient presented again with left vocal fold paralysis, again following an TBE vaccination 2 weeks ago. Up to now, 4 months after the disease, paralysis is still present.

The estimated incidence of postvaccinal neuritis in general is 1:100,000.

According to the database of the Swiss Drug Monitoring Center (SANZ) for similar case reports of twenty spontaneous reports 11 concerned neurological side effects closely related to TBE vaccination.

TBE vaccination should be considered as possible cause for vocal fold paralysis and included in considerations on the indication for the vaccination in voice professionals. Literature on voice complications of vaccinations is discussed.


Text

Einleitung

Die Impfungen gegen Frühsommermeningoencephalitis (FSME) wird bei Kindern und Erwachsenen in Gebieten mit hohem Infektionsrisiko empfohlen. Bei Impfungen gegen FSME kommt es in seltenen Fällen zu neurologischen Komplikationen. Hier wird über eine Recurrensparese als möglicher Impfschaden nach Impfung gegen FSME berichtet. Die möglichen Pathomechanismen werden diskutiert.

Kasuistik

Am 19.4.02 wurde ein damals 36 jähriger Patient erstmals gegen FSME mit Encepur geimpft. Im Juni 2002 stellte er sich wegen Heiserkeit die ihm seit Anfang Mai 2002 aufgefallen sei vor. Damals wurde die vorangegangen Impfung vom Patienten nicht erwähnt. Es fand sich eine linksseitige Recurrensparese mit inkomplettem Glottisschluss bei Stimmlippenexcavation vor. Taschenfalteneinsatz bei der Phonation zeigte sich nur rechts. Wegen Phonie war eine Beurteilung der Feinbeweglichkeit nicht möglich. Eine Stimmübungshandlung mit Reizstromanwendung wurde durchgeführt. Lupenlaryngoskopische Kontrollen erfolgten in regelmäßigen Abständen. Nach 6 Monaten waren die Stimmlippen beidseits wieder uneingeschränkt beweglich und die Stimme voll belastbar.

Am 18.3.04 erhielt der Patient die 2. Teilimmunisierung gegen FSME mit Encepur. Danach trat keine Stimmveränderung auf. Die 3.Teilimmuniseriung erhielt er am 16.11.04. Am 6.12. 2004 stellte sich der Patient erneut wegen Heiserkeit seit 1 Woche vor. Ein Infekt wurde nicht erinnert. Der Patient erwähnte jetzt erstmals die vorangegangenen Impfungen. Die linke Stimmlippe stand erneut links paramedian still bei erweiterten Amplituden und fehlender Randkantenverschiebung. Beidseits war kein Taschenfalteneinsatz sichtbar. Zusätzliche zur Stimmübugnsbehandlung mit Reizstrom erhielt der Patient Prednisolon in absteigender Dosierung. Bei der letzten Kontrolle im Juli 2005 hatte sich der Stimmklang normalisiert. Die Stimmlippenbeweglichkeit war teilweise wiedergekehrt. Die Abduktion war jedoch noch eingeschränkt.

Diskussion

Seit Jahren wird diskutiert, ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Auftreten neurologischer Symptome und Impfungen besteht. Dabei wurde am häufigsten über Krampfanfälle bei verschiedenen Impfungen berichtet. Seit 2001 besteht eine Meldepflicht für den Verdacht auf Impfschäden.

Über Paresen einzelner Nerven wurden zwischen Januar und Oktober 2001 beim Paul-Ehrlich Institut (PEI) 12 Verdachtsmeldungen erstattet, die meist den Nervus facialis betrafen [1]. Nach Impfung gegen FSME wurden 2001 23 Meldungen erstattet. Darunter befindet sich eine 2 Tage nach einer FSME-Impfung aufgetretene Recurrensparese. Wegen des sehr kurzen zeitliche Abstandes wurde eher ein zufälliges Geschehen vermutet. Über einen Fall von Guillain-Barré-Syndriom nach FSME-Impfung wurde in [2] berichtet. Eine Schwerpunktneuritis nach FSME-Impfung wurde 1987 beobachtet [3]. Eine akute Encephalitis disseminata nach FSME-Impfung wurde 2004 beschrieben [4].

Für immunologische bedingte Impfkomplikationen werden pathophysiologisch zwei verschiedene Mechanismen diskutiert. Zum einen soll es sich um die Bildung von Immunkomplexen handeln, die zu nachfolgender KompIementaktivierung führen. Auf diesen Mechanimus werden Erkrankungen nach einer Hepatitis-B-Impfung zurückgeführt [5], [6].

Eine andere Hypothese ist die sogenannte "molecular-mimicry". Dabei hat ein bestimmtes Antigen eine große Ähnlichkeit mit körpereigenen Strukturen und löst bei Kontakt mit dem Agens (hier die Impfung) eine Immunreaktion gegen diese Strukturen aus [7]. Die serogenetische Polyneuritis und das Guillain-Barré.Syndrom nach Impfungen sollen nach diesem Konzept entstehen.

Bei der Frage nach dem Zusammenhang der Erkrankung mit der Impfung ist der zeitliche Abstand von Bedeutung. Aufgrund von Tiermodellen ist ein zeitliche Zusammenhang mit der Impfung wahrscheinlich innerhalb eines Intervalls von 5-42 Tagen. Nach den WHO-Kriterien zur Bewertung eines Verdachtsfalles einer Nebenwirkung gilt ein klinisches Ereignis als gesicherte unerwünschte Arzneimittelwirkung, wenn ein plausibler zeitlicher Rahmen vorliegt und keine anderen Ursachen in Frage kommen. Die Reaktion muss bekannt und pathophysiologisch erklärbar sei. In der Regel wird ein Reexpositionsversuch gefordert.

Eine wiederholt aufgetretene Recurrensparese nach FSME-Impfung wird hier erstmals beschrieben und erfüllt nach den WHO-Kriterien die Voraussetzungen für einen gesicherten Zusammenhang mit der Impfung gegen FSME.

Die Frage nach vorangegangen Impfungen sollte bei einer Recurrensparese in das diagnostische Repertoire aufgenommen werden. Bei Patienten mit Stimmberufen ist die Indikation zur Impfung gegen FSME besonders eng zu stellen.


Literatur

1.
Keller-Stanislawski B, Hartmann, Auswertung der Meldungen von Verdachtsfällen auf Impfkomplikationen nach dem Infektionsschutzgesetz, Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 45 (04) : 344-354 (2002)
2.
Petersen D, Guillain-Barré-Syndrom nach Frühsommer-Meningoenzephalitis-Schutzimfpung-Kasuistiken, Med Sach, 2000 96:114-116
3.
Scholz E, Wietholter H, Postvakzinale Schwerpunktneuritis nach prophylaktischer FSME-Impfung, Dtsch Med Wochenschr. 1987 Apr 3;112(14):544-6
4.
Schattenfroh C, Akute disseminierte Enzephalomyelitis nach aktiver Immunisierung gegen Frühsommermeningoencephalitis, Nervenarzt. 2004 Aug;75(8):776-9
5.
Carmeli Y, De-Medina T, Serious hepatitis B vaccine adverse reactions, are they immune-mediated?, Vaccine, 1993 Oct;11(13):1358-9
6.
Hartmann K, Keller-Stanislawski B, Rekombinante Hepatitis-B-Impfstoffe und Verdachtsfälle unerwünschter Reaktionen. Eine Bewertung der Spontanerfassungsdaten des Paul-Ehrlich-Instituts 1995 bis 2000, Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 45 (04):355-363 (2002)
7.
Birner P, Gatterbauer B, Drobna D, Bernheimer H, Molecular mimicry in infectious encephalitis and neuritis: binding of antibodies against infectious agents on Western blots of human nervous tissue, J Infect. 2000 Jul;41(1):32-8