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21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

10. bis 12.09.2004, Freiburg/Breisgau

Organische Dysphonie bei Morbus Forestier mit Spondylophyten der vorderen HWS

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  • author presenting/speaker Till O. Seidler - HNO-Universitätsklinik Regensburg, Phoniatrie und Pädaudiologie, Regensburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Freiburg/Breisgau, 10.-12.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04dgppP03

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2004/04dgpp17.shtml

Veröffentlicht: 9. September 2004

© 2004 Seidler.
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Gliederung

Zusammenfassung

Morbus Forestier mit Spondylophyten der vorderen HWS und organischer Dysphonie bei mechanisch bedingter Minderbeweglichkeit der rechten Stimmlippe, Schilddrüsenzyste rechts. Patient männlich, 75 Jahre.

Anamnese: seit 4 Monaten Dysphonie, Dysphagie mit subjektiv Passagehindernis bei fester Kost, Reizhusten, laryngeales Globusgefühl.

Befunde: diskrete Vorwölbung Pharynxhinterwand rechts, herabgesetzte Abduktion der rechten Stimmlippe mit verkürzter Schwingungsamplitude und eingeschränkter Randkantenverschiebung, Schilddrüsenvergrößerung rechts palpatorisch, auditive Stimmbeurteilung: R0 B1 H1 A1 K0.

CT: Spondylophyten vordere Halswirbelsäule mit Verlagerung des rechten Aryknorpels, Schilddrüsenzyste rechts.

Röntgen der Halswirbelsäule: Verknöcherung des vorderen Längsbandes, Spondylophyt C5/C6.

Die Unterscheidung einer mechanisch behinderten Beweglichkeit der rechten Stimmlippe gegenüber einer nervalen Schädigung des Nervus laryngeus recurrens durch die Strumazyste sollte mittels EMG getroffen werden, was der Patient nicht tolerierte. Entschluss zur operativen Vorgehensweise mit Entfernung beider Befunde.

Therapie: Thyreoidektomie rechts, Entfernen der HWS-Spondylophyten.

Postoperatives Ergebnis: Laryngeales Globusgefühl und Dysphagie beseitigt, jetzt vollständige Abduktion der rechten Stimmlippe, auditive Stimmbeurteilung R0 B0 H0 A0 K0, keine Dysphagie, Reizhusten unbeeinflusst.

Fazit: Ein Spondylophyt der HWS verursachte die Minderbeweglichkeit der rechten Stimmlippe mit.


Text

Einleitung

Häufig besteht die Ursache eines Stimmlippenstillstandes in der Schädigung eines Nervus laryngeus recurrens. Ein rein mechanisch bedingter Stimmlippenstillstand ist seltener. Verantwortlich hierfür können Tumoren im Larynx aber ebenfalls extralaryngeale Ursachen sein. Hierzu gehören wie im vorliegenen Fall Erkrankungen der Halswirbelsäule. Die Unterscheidung einer rein mechanisch behinderten Beweglichkeit einer Stimmlippe von einer Parese nach Schädigung des versorgenden Nerven kann anhand der klinischen Untersuchungsbefunde nicht immer getroffen werden. Diagnostisches Hilfsmittel zur Differenzierung der Problematik ist neben radiologischen bildgebenden Verfahren die Elektromyographie. Diese Methode ist insbesondere bei Vorliegen mehrerer möglicher Ursachen für eine Schädigung ein wertvoller Beitrag zur Klärung der Ursächlichkeiten. Kann dieses Verfahren nicht angewendet werden - wie im vorliegenden Fall - ist die Feststellung der tatsächlichen Ursache erschwert.

Vorgeschichte

Der 75 jährige Patient stellte sich erstmals im Januar 2004 auf Initiative seiner Hals-Nasen-Ohren-Ärztin in der phoniatrischen Sprechstunde vor. Bei der Abklärung einer Hörstörung war als Zufallsbefund ein Stimmlippenstillstand der rechten Seite aufgefallen. Erst bei genauem Nachfragen wurde eine seit drei Monaten bestehende Heiserkeit angegeben. Seit zehn Wochen bestand ein Hustenreiz. Eine Dysphagie mit subjektivem Passagehindernis für feste Speisen war seit Wochen langsam progredient, darüber hinaus bestand seit unbestimmter Zeit ein laryngeales Globusgefühl. Dyspnoe oder Beschwerden seitens der Halswirbelsäule verneinte der Patient.

Befunde

Bei der Laryngoskopie imponierte eine diskrete Vorwölbung der Parynxhinterwand rechts. Es zeigte sich eine herabgesetzte Abduktion der rechten Stimmlippe sowie eine verkürzte Schwingungsamplitude und eingeschränkte Randkandenverschiebung bei der Phonation. Palpatorisch war eine gut verschiebliche und deutlich vergrösserte Schilddrüse rechts festzustellen.

Auditive Stimmbeurteilung R 0 B 1 H 1 A1 K1 (A=Anstrengung, K=Kraftlosigkeit).

Computertomographie von Hals und Thorax mit Kontrastmittelgabe [Abb. 1], [Abb. 2]:

Nachweis einer riesigen zystischen, teilweise verkalkten und randständig soliden Raumforderung der rechten Schilddrüse mit Ausdehnung bis knapp unter das Jugulum. Verlagerung der Trachea aus der Mittellinie, Verlagerung des Ösophagus nach links. Linke Schilddrüse von normaler Größe.

Massive degenerative Veränderungen der HWS mit rechts betonten ventralen spondylophytären Anbauten in Höhe C4/C5, dadurch Kompression des Larynx auf Niveau der Glottis und des Ösophagus von dorsal. Keine Raumforderung im oberen Mediastinum.

Röntgen der HWS in zwei Ebenen [Abb. 3]:

Verkalkung des vorderen Längsbandes mit hypertropher Osteophytenbildung von 2 cm im Segment 4/5 und Verlagerung der Trachea und des vorderen Weichteilmantels. Anterior betonte ankylosierende Spondylitis. Zeichen der generalisierten Osteoporose.

Therapie und Verlauf

Es erfolgte die komplikationslose Thyreoidektomie rechts und die Entfernung der Spondylophyten von außen in Vollnarkose. Postoperativ keine Schluckbeschwerden mehr bei fester Kost, das laryngeale Globusgefühl war verschwunden. Heiserkeit bestand nicht mehr. Lupenlaryngoskopisch zeigte sich postoperativ eine regelrechte Beweglichkeit mit unbehinderter Abduktion der rechten Stimmlippe. Der Reizhusten blieb unbeeinflusst.

Histologie

23,5 Gramm schweres Gewebsresektat mit einer gekammerten Zyste. Im Randbereich Schilddrüsenparenchym, zentral ein ausgedehntes Schilddrüsenadenom mit scharfer Begrenzung zur Umgebung und regressiven Veränderungen. Kein kapselüberschreitendes Wachstum.

Zusammenfassung und Diskussion

Beim hier vorgestellten Patienten lag eine organische Dysphonie infolge eines Stimmlippenstillstandes rechts vor. Gleichzeitig bestanden mit der Schilddrüsenzyste rechts und dem ausgedehnten ventralen Spondylophyten der Halswirbelsäule zwei mögliche Ursachen dieses Problems. Im vorliegenden Fall konnte anhand der klinischen Befunde der Grund für den Stimmlippenstillstand nicht eindeutig festgestellt werden. Zur Unterscheidung wäre eine EMG-Untersuchung notwendig gewesen. Diese tolerierte der Patient nicht. Es fiel der Entschluss zur operativen Vorgehensweise mit gleichzeitiger Entfernung der Schilddrüsenzyste und der Spondylophyten. Zusammenfassend liegt eine mechanisch durch Spondylophyten der HWS verursachte Minderbeweglichkeit der rechten Stimmlippe vor. Die Beschwerdefreiheit und komplette Wiederherstellung der Stimmlippenbeweglichkeit nach Operation macht eine Läsion des Nervus laryngeus recurrens rechts z.B. durch die Strumazyste unwahrscheinlich.