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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Gibt es Zusammenhänge zwischen den sprachanalytischen Leistungen im Heidelberger Vorschulscreening (HVS) und den Lese- Rechtschreibleistungen zwei Jahre später?

Vortrag

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  • corresponding author Monika Brunner - Abteilung für Stimm- und Sprachstörunen sowie Pädaudiologie der Univ. Klinik Heidelberg, INF 400, 69120 Heidelberg, Tel: 06221-567242, Fax: 06221-565732
  • Judith Troost - Abteilung für Stimm- und Sprachstörunen sowie Pädaudiologie der Univ. Klinik Heidelberg, INF 400, 69120 Heidelberg
  • author Ute Pröschel - Abteilung für Stimm- und Sprachstörunen sowie Pädaudiologie der Univ. Klinik Heidelberg, INF 400, 69120 Heidelberg, Tel: 06221-567242, Fax: 06221-565732

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV49

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp097.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Brunner et al.
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Zusammenfassung

Mit dem Heidelberger Vorschulscreening (HVS) zur auditiv-kinästhetischen Wahrnehmung und Sprachverarbeitung von Brunner et al. [1] liegt ein Testverfahren vor, das sprachanalytische und artikulatorische Fähigkeiten im Vorschulalter erfasst. Ziel der vorliegenden Studie war die Beurteilung der prognostischen und diskriminativen Validität des HVS. Die Stichprobe der Untersuchung umfasst 103 Kinder, welche als Vorschulkinder zur Normstichprobe des HVS gehörten und ca. zwei Jahre später, Mitte der zweiten Klasse, Lese-, Rechtschreib- und Intelligenztests bearbeiteten. Es zeigten sich statistisch bedeutsame Korrelationen zwischen allen HVS-Untertests sowie dem HVS-Gesamtwert mit der Lese- und Rechtschreibleistung. Die Rechtschreib- und Leseleistungen korrelierten durchschnittlich höher und mit mehr Untertests als die sprachfreie Intelligenz.


Text

Einleitung

Mit dem Heidelberger Vorschulscreening (HVS) zur auditiv-kinästhetischen Wahrnehmung und Sprachverarbeitung [1] liegt ein Verfahren vor, das im Vorschulalter einen Teil der therapeutisch trainierbaren Fähigkeiten erfasst, für welche ein Zusammenhang mit dem Schriftspracherwerb angenommen wird.

Diese sind:

Auditiver Kurzzeitspeicher [2]

Die Fähigkeit zur phonologisch-klanglichen Sprachanalyse und phonologischen Bewusstheit (z.b. [3], [4])

Die Fähigkeiten zur Unterscheidung klangähnlicher Laute [5], [6], [1]

Die Fähigkeit zur Umwandlung von phonologischer Information in Artikulationsprogramme [7], [8]

Die Fähigkeit zum Erkennen des Wortstamms [9].

Zusammenhänge zwischen den oben genannten Fähigkeiten, die mit dem HVS erfasst werden, und dem Schriftspracherwerb gelten also im Einzelnen als gesichert. Sie wurden jedoch überwiegend querschnittlich untersucht und basierten auf unterschiedlichen und teilweise nicht objektivierbaren Operationalisierungen.

Ziel der vorliegenden Untersuchung war, den Zusammenhang der im HVS geprüften Leistungen mit späteren schriftsprachlichen Leistungen festzustellen, um Hinweise auf die prognostische Validität des HVS zu gewinnen.

Methode

Die Stichprobe der Untersuchung umfasst 103 sieben- und achtjährige Kinder, die zwei Jahre zuvor an der Normierungsstudie des HVS teilnahmen. In die aktuelle Studie konnten nur die Schüler und Schülerinnen einbezogen werden, die regulär eingeschult wurden und in die zweite Klasse gingen. Somit handelt es sich um eine ausgelesene Stichprobe.

Zur Beurteilung der Vorhersagevalidität wurde die Rechtschreibleistung der Kinder anhand des Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Tests für erste und zweite Klassen (WRT 1+) und die Leseleistung mit Hilfe der Würzburger Leise Leseprobe (WLLP) erhoben. Der Grundintelligenztest CFT 1 (Summe 3) diente zur Beurteilung der diskriminanten Validität des HVS in Bezug auf die sprachfreie Intelligenz.

Ergebnisse

Zwischen der Leseleistung und dem HVS zeigen sich fünf statistisch bedeutsame, numerisch im unteren bis mittleren Bereich liegende und vom Vorzeichen her erwartungsgemäße Korrelationen. Die höchste, auf dem Niveau von .01 signifikante Korrelation ergibt sich zum HVS-Gesamtwert. Die Korrelationen mit dem Reimwörter Erkennen, der Auditiven Merkspanne und dem Wortfamilien Erkennen sind ebenfalls auf dem Niveau von .01 signifikant. Außerdem ist der Zusammenhang zum Silben Segmentieren statistisch bedeutsam.

Auch für die Rechtschreibleistung findet sich der deutlichste Zusammenhang mit dem HVS-Gesamtwert. Zusätzlich sind hier drei weitere Zusammenhänge auf dem Niveau von .01 signifikant, und zwar mit den Untertests Reimwörter Erkennen, Wortfamilien Erkennen und Artikulomotorik. Außerdem sind die Korrelationen mit der Phonematischen Differenzierung sowie der Auditiven Merkspanne auf dem Niveau von .05 statistisch bedeutsam. Da die Ergebnisse im Rechtschreibtest im Gegensatz zu den Ergebnissen im Lesetest nicht normalverteilt waren, wurden nichtparametrische Korrelationen nach Spearman berechnet.

Signifikante Korrelationen zwischen der sprachfreien Intelligenz (CFT, Summe 3) und den HVS-Werten ergeben sich auf dem Niveau von .01 mit den Untertests Reimwörter Erkennen und Auditive Merkspanne. Die Korrelation mit dem HVS-Gesamtwert ist ebenfalls auf dem Niveau von .01 signifikant. Alle weiteren Zusammenhänge sind statistisch nicht bedeutsam. Da keine Normalverteilung der Ergebnisse im CFT 1 (Summe 3) angenommen werden konnte, wurden nichtparametrische Korrelationen nach Spearman ermittelt.

[Abb. 1] stellt die untersuchten Korrelationen gemeinsam graphisch dar. Die höchste Korrelation zeigt sich für die meisten Untertests mit der Rechtschreibleistung. Auch der HVS-Gesamtwert korreliert am deutlichsten mit der Rechtschreibung. Die niedrigste Korrelation eines Untertests ist meist zur Intelligenzleistung zu beobachten. Fünf Untertests sowie der Gesamtwert zeigen mit der Rechtschreibleistung und vier Untertests sowie der Gesamtwert mit der Leseleistung signifikante Zusammenhänge. Mit der Intelligenzleistung korrelieren dagegen nur zwei Untertests und der Gesamtwert im statistisch bedeutsamen Bereich. Weiterhin wird deutlich, dass die Auditive Merkspanne, das Reimwörter Erkennen und der HVS-Gesamtwert mit allen drei Kriterien signifikant korrelieren.

Diskussion

Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass die mit dem HVS im Vorschulalter geprüften Fähigkeiten sämtlich positiv mit schriftsprachlichen Leistungen in der zweiten Klasse korrelieren. Alle gefundenen Korrelationen sind als niedrig einzustufen. Die durchgängig positiven Zusammenhänge deuten jedoch darauf hin, dass systematische Kovariationen zugrunde liegen und die Korrelationen nicht nur durch Zufallseinflüsse zustande kommen. Gleichzeitig zeigten sich unterschiedliche Korrelationsmuster für die Fähigkeiten des Lesens und der Rechtschreibung, was die Annahme zweier verschiedener Prozesse [10] stützt. Auch wird deutlich, dass höhere Zusammenhänge zur Lese-Rechtschreibleistung vorliegen als zur sprachfreien Intelligenz, welches auf den diskriminanten Validitätsaspekt des HVS hinweist.

Bei der Interpretation sämtlicher Ergebnisse ist in Rechnung zu stellen, dass es sich bei der Validierungsstichprobe aufgrund praktischer Einschränkungen um eine ausgelesene Stichprobe handelte. Kinder, die ein Jahr von der Einschulung zurückgestellt wurden, gingen zum Untersuchungszeitpunkt erst in die erste Klasse. Sie befanden sich damit ganz am Anfang des Schriftspracherwerbs, so dass ihre Leistungen noch starken Schwankungen unterlagen, kaum reliabel erfassbar und mit den Leistungen der Zweitklässler nicht vergleichbar waren. Da rückgestellte Kinder schlechter im HVS abschneiden als regelgerecht eingeschulte Kinder [1], konnten also besonders solche Kinder nicht in die Stichprobe einbezogen werden, die schwache Ergebnisse im HVS zeigten. Weiterhin fehlten leistungsschwache Kinder, da eine Schule die Zusammenarbeit ablehnte, welche Kinder aus Familien niedrigen sozioökonomischen Niveaus besuchen. Vor dem Hintergrund des klinischen Einsatzes bei sprachlich meist unterdurchschnittlich kompetenten Kindern sind jedoch gerade die schriftsprachlichen Leistungen der Kinder interessant, die im HVS schlecht abschnitten. Eine abschließende Validitätsbeurteilung kann also erst erfolgen, wenn mehr „Risikokinder" in die Stichprobe aufgenommen werden können.


Literatur

1.
Brunner M, Pfeiffer B, Schlüter K, Steller F, Möhring L, Heinrich I, Pröschel U (2001) Heidelberger Vorschulscreening zur auditiv-kinästhetischen Wahrnehmung und Sprachverarbeitung. Testhandbuch Teil 1 und CD. Westra Elektroakustik GmbH, Wertingen
2.
Baddeley, A.D. & Gathercole, S. (1992). Learning to read: The role of the phonological loop. In J. Alegria, D. Holender, J. J. Morais & M. Radeau (Eds.), Analytic Approaches to Human Cognition (S. 107-132). Elsevier, Amsterdam
3.
Küspert, P. (1998). Phonologische Bewusstheit und Schriftspracherwerb: Zu den Effekten vorschulischer Förderung der phonologischen Bewusstheit auf den Erwerb des Lesens und Rechtschreibens. Lang, Frankfurt a.M.
4.
Marx, P. & Schneider, W. (2000). Entwicklung eines Tests zur phonologischen Bewusstheit im Grundschulalter. In M. Hasselhorn, W. Schneider & H. Marx (Hrsg.), Diagnostik von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (S. 91-118). Göttingen, Hogrefe
5.
Dierks, A., Seibert, A., Brunner, M., Körkel, B., Haffner, J., Strehlow, U., Parzer, P., Resch, F. (1999). Testkonstruktion, -analyse und Erprobung des Heidelberger Lautdifferenzierungstests zur auditiv-kinästhetischen Wahrnehmungstrennschärfe (HD-LT). Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 27, 29-36.
6.
Möhring, L., Schöler, H., Brunner, M. & Pröschel, U. (2003). Zur Diagnostik struktureller Defizite bei Lese-Rechtschreib-Störungen in der klinischen Arbeit: Beziehungen zwischen verschiedenen Leistungsindikatoren. Laryngo-Rhino-Otologie, 82, 83-91.
7.
Breuer, H. & Weuffen, M. (1994). Lernschwierigkeiten am Schulanfang. Schuleingangsdiagnostik zur Früherkennung und Frühförderung. Beltz, Weinheim
8.
Donczik, J. & Clausnitzer, V. (2001). Wird die taktil-kinästhetische Wahrnehmung als Element des Ursachengefüges von Lese-Rechtschreibschwächen vergessen? Die Sprachheilarbeit, 46 (4), 179-188.
9.
Singson, M., Mahony, D. & Mann, V. (2000). The relation between reading ability and morphological skills: Evidence from derivation suffixes. Reading-and-Writing, 12, 219-252.
10.
Schneider, W. (1997). Rechtschreiben und Rechtschreibschwierigkeiten. In F.E. Weinert (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie: Themenbereich D Praxisgebiete, Serie Pädagogische Psychologie Bd. 3 Psychologie des Unterrichts und der Schule (S. 327-363). Hogrefe, Göttingen.
11.
Brunner, M., Pfeiffer, B. Schlüter, K; Möhring, L; Pröschel, U. (2002). Heidelberger Screening zur auditiv-kinästhetischen Wahrnehmung und Sprachverarbeitung im Vorschulalter. In: Gross, M. & Kruse, E.(Hrsg.): Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte 2001/2002, Band 9, Median Verlag, Heidelberg