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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Meningitis und Labyrinthitis nach Cochlea Implantation bei Kindern: Analyse von 1200 Kindern

Vortrag

  • corresponding author Anke Lesinski-Schiedat - Medizinische Hochschule Hannover, HNO Klinik, 30625 Hannover, FAX: 05115325558
  • Ralf Beiermann - Medizinische Hochschule Hannover, HNO Klinik, 30625 Hannover, FAX: 05115325558
  • Stephanie Rühl - Medizinische Hochschule Hannover, HNO Klinik, 30625 Hannover, FAX: 05115325558
  • Jürgen Neuburger - Medizinische Hochschule Hannover, HNO Klinik, 30625 Hannover, FAX: 05115325558
  • Petra Gastmeier - Medizinische Hochschule Hannover, HNO Klinik, 30625 Hannover, FAX: 05115325558
  • T. Lenarz - Medizinische Hochschule Hannover, HNO Klinik, 30625 Hannover, FAX: 05115325558

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV42

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp090.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Lesinski-Schiedat et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Die Cochlea Implantation ist sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern mittlerweile ein etabliertes Verfahren. Dieses beruht auf der hohen Effizienz im Verhältnis zu der geringen Komplikationsrate, die das chirurgische Vorgehen und die technische Sicherheit der Produkte bieten. In der Literatur wurden bis jetzt als wesentliche Komplikationen Fazialislähmungen, Wundheilungsstörungen und Implantausfälle berichtet. In den letzten zwei Jahren wurde zunehmend auch über Hirnhautentzündungen bei Cochlea-Implant (CI) Patienten berichtet. Ziel der vorliegenden Studie ist die Feststellung der Inzidenz von Labyrinthiden und Meningitiden bei CI Patienten implantiert vor dem 12. Lebensjahr. Gemeinsam mit Fachkollegen der Epidemiologie und Infektionsheilkunde wurde ein Fragebogen entworfen, der die komplette Krankengeschichte des Patienten retrospektiv zusammenstellt. Befragt werden die Eltern, die Patienten selber, alle HNO- und Kinderärzte. Die Befragung erfolgt durch einen ärztlichen Kollegen im wesentlichen telefonisch. Da Mittelohrentzündungen häufig Vorläufer einer Meningitis sein können, beschränkt sich die Befragung auf alle Kinder, die vor dem 12. Lebensjahr versorgt wurden. In der Zeit von 1987 bis 12/2001 betrifft es 1200 Patienten. Alle Patienten mit einer post-Implantations Meningitis wurden einer genaueren Analyse unterzogen. Bis Mai 2003 konnten 200 Patienten komplett evaluiert werden. Mit einer post-Implantations Meningitis wurden 8 Fälle erkannt. Die Befragung wird fortgesetzt und nach Beendigung die erhaltenen Daten zusammengestellt. Die statistische Analyse erfolgt mit SPSS. Die Studie muss die Frage beantworten, ob CI Patienten prinzipiell oder in Abhängigkeit von Risikofaktoren wie Innenohrmissbildungen oder prä-Implantations Meningitiden ein erhöhtes Risiko für Meningitiden oder Labyrinthiden haben.


Text

Einleitung

Eine steigende Anzahl nach einer Cochlea Implantation an einer Meningitis erkrankter Patienten scheint die als komplikationsarme [1], [2] aber audiologisch effektive CI Versorgung in seinen Kennzeichen zu verändern. Im Juli 2002 wurden in einem europäischen Kollektiv von 7380 Implantaten (von 1994 bis 2000) 26 Fälle einer Postimplantations-Meningitis bekannt [3]. Mit einem sog. intracochleären Zwei-komponentensystem (bestehend aus Elektrode und Positioner) waren 17 Patienten versorgt. Die FDA Behörde der USA konnte zum gleichen Zeitpunkt 52 Fälle weltweit identifizieren. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Deutschland konnte nach einer postalen Befragung von 38 Kliniken über 6819 CI Patienten (2979 Erwachsene und 3840 Kinder) berichtet werden, von denen in der Zeit von 1991 bis Anfang 2003 12 Patienten (10 Kinder) eine Meningitis nach Implantation erlebten - drei Patienten verstarben im Zusammenhang mit der Erkrankung [4]. Mit einem Zweikomponentensystem waren 66% versorgt. Obwohl ein Keimnachweis nicht in allen Fällen zur Verfügung stand, schien eine Häufung von Pneumokokken und Hämophilus Influencae Typ B vorhanden zu sein sowie eine Häufung von Mittelohrentzündungen als unmittelbarer Vorläufer der Meningitis.

Aufgrund des auffällig hohen Anteils an intracochleären Zweikomponentensystemen innerhalb der betroffenen Patienten, des fehlenden Hinweises auf konkurrierende Ursachen wie bei Risikopatienten bekannt und der außerordentlich bedrohenden Erkrankung erfolgte im Juli 2002 eine Rückrufaktion der herstellenden Firma (Advanced Bionics) für den sog. Positioner. Außerdem hat die HNO Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) (gefolgt von vielen weiteren Kliniken) in Absprache mit der Mikrobiologie und der Pädiatrie der MHH sowie dem Robert-Koch-Institut alle Patienten unabhängig von dem verwendeten System auf ein möglicherweise erhöhtes Infektionsrisiko für eine komplikationsträchtige Mittelohrentzündung hingewiesen und eine Impfung gegen Streptococcus pneumoniae und Hämophilus Influencae Typ B dringend empfohlen.

Um produktunabhängige, bisher unerkannte Risiken für eine Postimplantations-Meningitis oder Labyrinthitis zu erkennen, wurde eine retrospektive Analyse von 1189 vor dem 12. Lebensjahr an der MHH implantierter Kinder initiiert. Die Konzentration auf diese Studienkollektiv erfolgte aufgrund der überwiegend betroffenen Kinder und einer erhöhten Inzidenz für Mittelohrentzündungen in diesem Alter.

Material und Methode

In der Zeit von 1984 bis 31.7.2002 wurden an der HNO Klinik der MHH 1189 Kinder vor dem 12. Lebensjahr implantiert. Die Untersuchung zielt auf die Evaluation der kompletten Krankengeschichte vor und nach der Implantation sowie die epidemiologisch wichtigen Einflüsse aus der Sozialgemeinschaft des Patienten. Die Datenerhebung erfolgt durch die Durchsicht der Behandlungsakte der HNO Klinik der MHH und der telefonischen und postalen Befragung der Eltern und aller behandelnden HNO-Fachärzte und Pädiater. Der genaue Inhalt der Fragebögen wurde gemeinsam mit der Klinik für Mikrobiologie der MHH konzipiert, erstellt, initial getestet und endgültig verändert.

Das Konzept des Fragebogens zielt auf die allgemeine und hno-spezifische Krankengeschichte, das sozialmedizinische Verhalten des Kindes, die Sozialanamnese - insbesondere auf epidemiologische Aspekte der Familie und der außerfamiliären, direkten Sozialpartner (Kindergarten, Schule) - und auf charakteristische Veränderungen der Krankengeschichte nach der Implantation.

Die telefonische Befragung begann im September 2002. Unerwartet langsam wurden die Ergebnisse erhalten, so dass im Frühjahr 2003 auf eine postale Befragung umgestellt wurde. Bis Juli 2003 konnten 105 Datensätze vollständig ausgewertet werden.

Ergebnisse

Das mittlere Alter zum Zeitpunkt der Operation lag, bezogen auf alle 1189 Kinder, bei 5 Jahren (min: 0,4 Jahre, max: 12,9 Jahre). Aufgrund von Reimplantation lässt sich die Analyse der verwendeten Produkte auf 1229 beziehen. Es kamen 58,2% Nucleus Produkte, 27,4% Clarion ohne Positioner und 14,2% mit Positioner und 0,3% Med-El zur Anwendung.

Das hier darzustellende Kollektiv von 105 Kindern wurde aufgrund der postoperativ klinischen Charakteristik in drei Gruppen aufgeteilt: Gruppe A umfasst 82 Patienten, die zu keiner Zeit Vertigo oder eine Hörminderung mit dem CI erlebten. Gruppe B umfasst 16 Patienten, die nach der CI Versorgung Vertigo und/oder eine Hörminderung mit CI (im Sinne einer Labyrinthitis) erlebten und Gruppe C (n=7), die nach der Implantation an einer Meningitis litten. Im Verhältnis zum Gesamtkollektiv hatten in Gruppe B und C mehr Patienten ein Clarion mit Positioner [Abb. 1].

Im Vergleich der klinisch unauffälligen Gruppe A mit Gruppe B zeigt sich, dass mehr Patienten mit einer postoperativen Labyrinthitis eine cochleäre Fehlbildung aufweisen und / oder präoperativ unter einer Meningitis litten [Abb. 2]. Allerdings konnte bei keiner Gruppe eine höhere Neigung zu Infekten allgemeiner Art festgestellt werden.

Diskussion

Die Cochlea Implantation gilt nicht nur aufgrund ihres guten Erfolges in der Hör-Sprachrehabilitation als ein zuverlässiges Verfahren. Insbesondere das komplikationsarme chirurgische Vorgehen konnte auch bei der CI Versorgung von sehr jungen Kindern zu seiner weltweit großen Verbreitung beitragen [1], [5]. Dennoch muss in Anbetracht der gehäuft aufgetretenen Meningitiden nach CI Versorgung der Aspekt der Risiken erneut analysiert werden. Im Zusammenhang mit der Verwendung eines intracochleären Zweikomponentensystems wie der Clarion Elektrode und dem Positioner sind bzgl. des Pathomechanismus die größere Cochleostomie, Mikrofrakturen bei modiolusnaher Lage der Elektrode und die histologisch nachgewiesene Zellfreiheit zwischen der Elektrode und dem Positioner [6] als mögliche Risikofaktoren zu nennen. Dahm et al.[7] konnten 1994 eine erhöhte intracochleäre Zahl an entzündlichen Zellen nachweisen, sofern mechanische Bedingungen an der Cochleostomie das intracochleäre Eindringen von Keimen aus dem Mittelohr begünstigten. Ein Infektionsweg unabhängig der intracochleären Situation ist prinzipiell über das Knochenbett des Implantatkörpers möglich.

Eine Schutzimpfung erscheint nur als Mittel der Risikominimierung sinnvoll. Besondere Aufmerksamkeit bzgl. potentiell komplikationsreich verlaufender Infektionen sollte auf alle Patienten mit einer Anatomievarianz des Mittel- und Innenohres und bei einer individuellen Neigung zu schwerwiegenden Infektionen gelegt werden. Eine komplette Analyse aller 1189 Kinder wird hier weiteren Aufschluss auf möglicherweise weitere Risikofaktoren liefern.


Literatur

1.
Kempf, HG, Johann, K, Weber BP, Lenarz, T (1997): Complications of Cochlear Implant Surgery in children. Am J Otol, Vol 18(6) Suppl.: S62 - S63.
2.
Cohen, NL (1997): Cochlear Implant soft surgery: fact or fantasy? Otolaryngol-Head-Neck-Surg. 117(3 Pt1): 214 - 216.
3.
O'Donoghue, G., Balkany, T., Cohen, N., Lenarz, T., Lustig, L., Niparko, J. (2002): Meninigitis and Cochlear Implantation (Editorial). Otology & Neurootology 23: 823 - 824
4.
BfArm (2003): Schreiben 31.3.2003 Gesch-Z B9.A3-AI-1173/02.
5.
Lenarz, Th., Hartrampf, R., Battmer, R.-D., Bertram, B., Lesinski, A. (1996): Die Cochlear Implant Versorgung bei Kleinkindern. Laryngo-Rhino-Otol. 75 (12): 719 - 726
6.
Lesinski-Schiedat, A. (2000): Untersuchungen zur optimalen Elektrodenlage bei Cochlea Implant Patienten. Habilitationsschrift der Medizinischen Hochschule Hannover.
7.
Dahm, MC, Clark, G.M., Franz, B.K., Shepherd, R.K., Burton, M.J., Robins-Browne, R. (1994): Cochlear Implantation in children: labyrinthitis following pneumococcal otitis media in unimplanted and implanted cat cochleas. Act Otolaryngol 114(6): 620 - 5.