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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Melatonin als Alternative zur Sedierung bei Durchführung einer Hirnstammaudiometrie

Vortrag

  • corresponding author Claus-Michael Schmidt - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889
  • author Jörg Edgar Bohlender - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889
  • author Dirk Deuster - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889
  • author Peter Matulat - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889
  • author Arne Knief - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889
  • author Hildegard Otto - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889
  • author Antoinette Lamprecht-Dinnesen - Universitätsklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster,Tel: 0251-8356781, Fax: 0251-56889

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV35

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp083.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Schmidt et al.
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Zusammenfassung

Die Hirnstammaudiometrie als eines der wichtigsten Untersuchungsverfahren in der Pädaudiologie gelingt insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern oft nur in Sedierung oder Vollnarkose. In der Kinderneurologie wird schon seit einigen Jahren Melatonin zur Schlafinduktion vor EEG- Untersuchungen eingesetzt. Melatonin als Hormon, das den Schlaf- Wach- Rhytmus reguliert, induziert einen natürlichen Schlaf ohne die Risiken einer Sedation. Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Wir haben bei 30 Kindern von Februar bis Mai 2003 BERA- Untersuchungen im Schlaf bei vorheriger Melatoningabe durchgeführt. Bei 28 von 30 Kindern gelang eine Klick- BERA- Untersuchung, bei 23 eine anschließende Notched- Noise- BERA. Das untersuchte Kollektiv umfasste Hörstörungen von Normal- bis Resthörigkeit. Die Gabe von Melatonin erscheint uns als gute Alternative zur Sedation oder Vollnarkose mit hoher Erfolgsquote. Das Verfahren hat eine hohe Akzeptanz bei den Elten der betroffenen Kinder und beschleunigt im klinischen Alltag die Diagnosestellung der kindlichen Schwerhörigkeit.


Text

Einleitung

Die Hirnstammaudiometrie ist eines der wichtigsten Untersuchungsverfahren in der Pädaudiologie. Zur Objektivierung der Hörschwelle vor einer möglichen Hörgeräteversorgung oder Cochlea Implantation ist sie unverzichtbar; weiterhin gibt sie gemeinsam mit dem MRT des Schädels wichtige Hinweise für das Vorliegen eines Kleinhirn-Brückenwinkel-Prozesses. Die BERA (Brainstem evoked response audiometry) gelingt insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern oft nur in Sedierung oder Vollnarkose. Diese Verfahren sind mit hohem personellen und logistischen Aufwand verbunden und bergen, vor allem bei Kindern mit Mehrfachbehinderung, das Risiko von Atem- und Kreislaufdepression bzw. Narkosezwischenfällen. Durch begrenzt zur Verfügung stehende Narkosetermine und häufige Infekte der Kinder wird der Zeitpunkt der Diagnosestellung häufig hinausgezögert.

In der Kinderneurologie wird schon seit einigen Jahren Melatonin zur Schlafinduktion vor EEG-Untersuchungen eingesetzt. Melatonin als Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert, induziert einen natürlichen Schlaf ohne die Risiken einer Sedation. Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Methode

Wir haben bei 30 Kindern von Februar bis Mai 2003 BERA-Untersuchungen im Schlaf bei vorheriger Melatoningabe durchgeführt. Die Hälfte der Untersuchungen fand mit gleichzeitigem Schlafentzug statt: Die Eltern waren angewiesen, die Kinder abends spät (24 Uhr) ins Bett zu bringen, morgens früh zu wecken, und bis zur Untersuchung (in der Regel mittags) nicht wieder einschlafen zu lassen. Das Melatonin wurde nach Alter und Körpergewicht dosiert in Tee aufgelöst verabreicht. Anschließend wurden die Elektroden geklebt und das Kind konnte einschlafen. Zunächst wurde eine Klick-BERA durchgeführt. Wenn diese erfolgreich durchführbar war, schloss sich eine Notched-Noise BERA an. Zur Aufzeichnung wurde eine EVOSELECT® BERA verwendet. Die Untersuchung wurde von erfahrenen Audiologieassistenten durchgeführt. Sie war beendet, wenn das Kind aufwachte und nicht wieder einschlief, so dass eine weitere Untersuchung aufgrund der Unruhe nicht mehr möglich war. Vor Entlassung erfolgte eine ärztliche Untersuchung. Etwaige Besonderheiten wurden telefonisch erfasst. Die Ergebnisse wurden gemeinsam von einem Physiker und einem Pädaudiologen ausgewertet.

Ergebnisse

Das Alter der untersuchten Patientengruppe betrug im Median 2,21 ( ± 3,2) Jahre, die Einschlafzeit im Mittel 30 (±18) Minuten. Das älteste Kind war 13 Jahre, das jüngste 5 Monate alt. Bei 28 von 30 Kindern gelang eine Klick- BERA-Untersuchung. Bei 27 Kindern wurde nach erfolgreicher Klick-BERA eine frequenzspezifische BERA angeschlossen. Diese Untersuchung gelang bei insgesamt 3 Kindern für eine Frequenz, bei 4 Kindern in 2 Frequenzen, bei 9 Kindern in 3 und bei 4 Kindern in allen 4 Frequenzen (500, 1000, 2000 und 4000 Hz). Von den 30 Kindern waren 5 normalhörig, 3 geringgradig, 2 mittelgradig, 6 mittel- bis hochgradig, 3 hochgradig schwerhörig und 7 an Taubheit grenzend schwerhörig bzw. hörrestig (Einteilung nach Ptok [1]). Bei 2 Kindern lag eine einseitige Schwerhörigkeit vor (hochgradige Schwerhörigkeit bzw. Hörrestigkeit). Ein eindeutiger Effekt des Schlafentzugs hinsichtlich der Durchführbarkeit ergab sich nicht. Komplikationen oder Besonderheiten nach der Untersuchung wurden nicht registriert.

Diskussion

Eine Hirnstammaudiometrie zur Objektivierung kindlicher Hörstörungen wird in der Regel in Sedierung oder Narkose durchgeführt. Ein alleiniger Schlafentzug hat nach unseren Vorerfahrungen Erfolgschanchen von nicht mehr als 50%. Vorteil der Narkose ist die Möglichkeit, in gleicher Sitzung eine Mittelohrsanierung durchzuführen, Nachteil das allgemeine Narkoserisiko, Wartezeiten und Abhängigkeit von anderen Fachdisziplinen. Letzteres gilt auch für die BERA in Sedierung, bei der respiratorische und kardiovaskuläre Risiken erwähnenswert sind, die üblicherweise die Anwesenheit eines Arztes während der Untersuchung erfordern.

Melatonin ist ein körpereigenes Epiphysenhormon, das zur Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus ausgeschüttet wird. In den USA und anderen Industrieländern ist es frei verkäuflich, in Deutschland gilt es als Arzneimittel. Es wird synthetisch hergestellt. Anwendungsgebiete sind Schlafinduktion z. B. bei Jet-Lag, es wird generell häufig bei Schlafstörungen eingesetzt. Melatonin hat eine schlafinduzierende, jedoch keine sedative Wirkung. Weiterhin werden antioxidative, immunmodulatorische und tumorhemmende Wirkungen diskutiert. Nebenwirkungen sind bislang nicht bekannt. Melatonin wird bereits für EEG- und MRT- Untersuchungen im Schlaf erfolgreich eingesetzt [2], [3].

Die Gabe von Melatonin erscheint uns anhand unserer Ergebnisse als gute Alternative zur Sedation oder Vollnarkose mit hoher Erfolgsquote. Vorteilhaft ist die unproblematische und nebenwirkungsfreie Durchführbarkeit. Wie auch bei einer Sedierung kann, im Gegensatz zur Narkose, nicht gleichzeitig eine Mittelohrsanierung durchgeführt werden. Dies beschränkt den Anwendungsbereich auf Kinder ohne Mittelohrproblematik. Das Verfahren hat eine hohe Akzeptanz bei den Eltern der betroffenen Kinder und beschleunigt im klinischen Alltag die Diagnosestellung der kindlichen Schwerhörigkeit.


Literatur

1.
Ptok M (1997) Das Schwerhörige Kind, Deutsches Ärzteblatt 94, A 1932-A 1937, Heft 28/29
2.
Johnson K, Page A, Williams H, Wassmer E, Whitehouse W (2002) The use of melatonin as an alternative to sedation in uncooperative children undergoing an MRI examination; Clinical Radiology 57: 502-506
3.
Milstein V, Small JG, Spencer DW (1998) Melatonin for sleep EEG, Clinical electroencephalography 29 (1): 49-53