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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Bestimmung der Sensitivität eines OAE-Hörscreeninggeräts (Eroscan) an einer Gruppe hörgeschädigter Kinder

Vortrag

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  • corresponding author Silke Kunze - Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München, Heiglhofstr. 63, 81377 München, Tel. 089-71009-247
  • Andreas Nickisch - Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München, Heiglhofstr. 63, 81377 München
  • Hubertus von Voss - Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München, Heiglhofstr. 63, 81377 München

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV32

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp080.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Kunze et al.
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Zusammenfassung

Im Rahmen einer vom Kinderzentrum München durchgeführten Studie wurde die Sensitivität eines OAE-Hörscreeninggeräts (Eroscan) an einer Gruppe von Kindern mit bekannten Hörstörungen bestimmt. Es wurden die Transitorisch Evozierten Otoakustischen Emissionen (TOAE) und die Distorsionsprodukte Otoakustischer Emissionen (DPOAE) im Screeningmodus gemessen. Als Grundlage zur Bestimmung der Sensitivität dienten jeweils die Messung der frühen akustisch evozierten Potentiale (Klickreiz) und/oder das jeweilige Audiogramm bei jeweils unauffälligen Tympanogrammen. Ziel der Studie war es, Messungen an 200 Ohren mit einer diagnostizierten Hörstörung von mindestens 40dBHL bei allen Frequenzen zwischen 500Hz und 8000Hz in Oktavabständen (Schallempfindungsstörungen) durchzuführen. Bisher (Stand Mai 2003) wurden 179 Ohren erfasst. Unter Zugrundelegung der Audiogramme oder der Ergebnisse einer Messung der akustisch evozierten Hirnstammpoteniale der jeweiligen Testperson als Goldstandard errechnen sich für den Eroscan im TOAE-Standard-Modus eine Sensitivität von 98,9% und im DP-Standard-Modus eine Sensitivität von 100%.


Text

Einleitung

Wesentlich für die derzeit diskutierte effektive Einführung eines Neugeborenen-Hörscreenings ist eine gesicherte Validität der Screeninggeräte. In der vorliegenden Studie wurde die Sensitivität des OAE-Hörscreeners Eroscan im „TOAE-Standard-Modus" und im „DP-Standard-Modus" anhand von 192 Ohren hörgestörter Kinder bestimmt.

Methoden

Probanden

Die Untersuchungen wurden an Kindern der Gehörlosenschulen München und des Privaten Förderzentrums für Hörgeschädigte Augsburg (SVE und Grundschule) sowie an CI-Patienten des Kinderzentrums durchgeführt. Die Screeningtests wurden an allen am jeweiligen Messtag anwesenden Schülern, von denen eine Einverständniserklärung vorlag, durchgeführt. Die Tests wurden nur gewertet, falls im zusätzlich angefertigtem Tympanogramm ein maximaler Unterdruck von 100 daPa festgestellt wurde und das zugehörige Audiogramm eine über die Frequenzen 500Hz, 1000Hz, 2000Hz und 4000Hz gemittelte Hörstörung von >40 dB HL aufwies. Falls der Unterdruck im Audiogramm mehr als 100 daPa aufwies, wurde die Messung eine Woche später wiederholt. Ferner wurden sämtliche Tests an allen CI-Patienten des Kinderzentrums München, die während der Dauer der Studie zu Rehabilitation oder Kontrolle in das Kinderzentrum kamen, durchgeführt.

Messungen

Es wurde mit dem Hörscreeninggerät Eroscan in folgenden Betriebsarten gemessen:

-TOAE-Standard-Modus (Messung der Transient Evozierten Otoakustischen Emissionen)

-DP-Standard-Modus (Messung der Distorsionsprodukte Otoakustischer Emissionen)

Zum Vergleich bei unerwartet nicht auffälligen Messergebnissen des Eroscans wurden alle Ohren zusätzlich mit einem weiteren TOAE-Screening-Gerät (Echoscreen) getestet.

Der Eroscan ist für jede Altersgruppe einsetzbar. Die Messungen an bereits schulpflichtigen Kindern ist demzufolge zulässig. Laut Herstellerangaben wird im TOAE-Standard-Modus mit 60 Klicks/s bei 81 dB SPL gereizt. Als Fail-Pass-Kriterium gilt ein Signal-Stör-Abstand von >4 dB in 3 von 6 Frequenzbereichen (1,5/2/2,5/3/3,5/4 kHz). Damit soll die Detektion von Hörstörungen >40 dB HL in mindestens 3 der genannten Frequenzbereiche gewährleistet sein. Im DP-Standard-Modus wird mit 65 bzw. 55 dB SPL bei den Frequenzen 2, 3 und 4 kHz gereizt. Als Fail-Pass-Kriterium gilt ein Signal-Stör-Abstand von >5 dB in allen 3 dieser Frequenzbereiche. So soll die Detektion von Hörstörungen >40 dB HL in mindestens einem der genannten Frequenzbereichen gewährleistet sein.

Vor jeder Messung führt das Gerät eine automatische Kalibrierung durch, woraufhin mit der Meldung „undicht" auf einen schlechten Sondensitz hingewiesen und die Messung abgebrochen wird. Als Messergebnis wird auf einer Leichtmetallanzeige „pass" für ein „pass" oder „Kontrolle" für ein „fail" angezeigt. Die maximale Testzeit beträgt im TOAE-Standard-Modus 64 Sekunden, im DP-Standard-Modus wenige Sekunden. Falls nach dieser Zeit aufgrund von Störeinflüssen keine eindeutige Aussage getroffen werden kann, wird darauf mit der Meldung „zu laut" hingewiesen.

Die Messungen wurden in an die Klassenzimmer angrenzenden Räumen durchgeführt. Falls nötig, wurde der Sondensitz pro Ohr jeweils maximal zweimal korrigiert. Eine vorherige Ohrinspektion oder Ohrsäuberung wurde nicht vorgenommen.

Zur Bestimmung der Sensitivität wurden als Goldstandard die aktuellen Audiogramme oder die Ergebnisse der Messung akustisch evozierter Hirnstammpotentiale verwendet.

Ergebnisse

Die Messungen wurden bisher insgesamt an 192 Ohren mit einer diagnostizierten mittleren Schallempfindungsstörung von mindestens 40 dBHL bei den Frequenzen 500/1000/2000/4000Hz durchgeführt.

TOAE-Standard-Modus

Von den 192 im TOAE-Standard-Modus gemessenen Ohren wurden 170 Ohren (89%) mit der Meldung „Kontrolle" als richtig auffällig gemeldet [Abb. 1].

Bei 20 Ohren (10%) wurde die Messung abgebrochen, da nach zweimaliger Korrektur des Sondensitzes keine ausreichende Abdichtung des Gehörgangs erzielt werden konnte (Meldung „undicht" und/oder „zu laut").

Die Messung von 2 Ohren (1%) unterschiedlicher Kinder zeigte ein „pass". Bei beiden Ohren waren die Messungen im DP-Standard-Modus auffällig. Eines der beiden weist einen mittleren Hörverlust von 43 dB HL (35/40/40/55 dB HL bei 500/1000/2000/4000 Hz) auf. Da nur bei 4kHz eine Hörstörung von >40 dBHL vorliegt, geht dieses Ohr entsprechend der Herstellerangaben in die Berechnung der Sensitivität nicht als falsch unauffällig ein. Ohr 2 weist einen mittleren Hörverlust von 66 dBHL bei einer Hörschwelle von 55/55/90 und 65 dB HL in den Frequenzen 500/1000/2000/4000Hz auf. Dieses Ohr zeigte auch bei der Messung mit dem Echoscreen ein unauffälliges Ergebnis.

DP-Standard-Modus

Von den 192 im DP-Standard-Modus gemessenen Ohren wurden 190 Ohren (99,0%) als richtig auffällig gemeldet [Abb. 1].

Bei 2 Ohren (1,0%) wurde die Messung abgebrochen, da nach zweimaliger Korrektur des Sondensitzes keine ausreichende Abdichtung des Gehörgangs erzielt werden konnte (Meldung „undicht" und/oder „zu laut").

Erfreulicherweise wurde kein Ohr als unauffällig eingestuft.

Eine Messung von 200 schallempfindungsgestörten Ohren, entspricht unter der Annahme einer Prävalenz von Hörstörungen im deutschsprachigen Raum von 0,0012% - 0,0013% (Gross et al. 2000, Nekahm et al., 2001) einer Erhebung an einer Population von 250 000 beliebigen Kinder. Die Verteilung der Schweregrade der Hörstörungen in der Gruppe der erfassten Testohren weist allerdings leider eine von der Bevölkerung abweichende Verteilung auf (35 (18%) mittelgradig (40-70 dB HL), 40 (21%) hochgradig (71-90 dB HL) und 117 (61%) resthörig oder gehörlos (>90 dB HL)).

Unter Zugrundelegung der Audiogramme oder der Ergebnisse einer Messung der akustisch evozierten Hirnstammpoteniale der jeweiligen Testperson als Goldstandard errechnet sich für den Eroscan im TOAE-Standard-Modus eine Sensitivität von 99,4% und im DP-Standard-Modus eine Sensitivität von 100%.

Zusammenfassung und Diskussion

Die vorliegende Studie führte zu einer Sensitivität des Hörscreeninggeräts Eroscan von 99,4% im TOAE-Standard-Modus und 100% im DP-Standard-Modus. Entsprechend der Herstellerangaben beziehen sich diese Werte auf eine Detektion von Hörstörungen >40dBHL (im TOAE-Standard-Modus in 3 von 6 Frequenzbereichen um 1,5/2/2,5/3/3,5/4 kHz und im DP-Standard-Modus in allen 3 Frequenzbereichen um 2/3/4 kHz).

Der DP-Modus stellte sich hinsichtlich Sondensitz und Störlärm als wesentlich stabiler heraus als der TOAE-Modus. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchungen konnte mit einer Ausnahme bei jedem getesteten Kind mindestens eine der beiden Messungen (TOAE- oder DP-Standard-Modus) durchgeführt werden.

Die in der vorliegenden Studie ermittelten Sensitivitäten bestehen entsprechend des deutschen Health Technology Assessment-Berichts (HTA) 2002 [1] den internationalen Vergleich. Der genannte HTA-Bericht ist ein systematisches Review hinsichtlich der medizinischen Effektivität und der ökonomischen Effizienz eines Neugeborenen-Hörscreenings. Es soll jedoch daraufhin gewiesen werden, dass Hörnervenschädigungen bei einem Hörscreening mittels otoakustischer Emissionen im Gegensatz zu einem Hörscreening mittels Hirnstammaudiometrie naturgemäß durch das diagnostische Netz fallen.


Literatur

1.
Kunze, S., P. Schnell-Inderst, A. Nickisch, F. Hessel, E. Grill, H. von Voss, J. Wasem (2003). Hörscreening für Neugeborene: Health Technology Assessment der medizinischen Effektivität und ökonomischen Effizienz. Drucklegung z.Zt. im DIMDI-Eigenverlag
2.
Grandori, F. und Lutman, M. (Hrsg.) (1998). The European Consensus Statement on Neonatal Hearing Screening.