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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Kindliche Aphasie nach Infarkt der Capsula interna links mit Stammganglienbeteiligung

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  • Martin Scharfenberger - Klinik für Kommunikationsstörungen, Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Langenbeckstr. 1, 55101 Mainz
  • Annerose Keilmann - Klinik für Kommunikationsstörungen, Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Langenbeckstr. 1, 55101 Mainz

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocP36

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp077.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Scharfenberger et al.
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Zusammenfassung

Vorgestellt wird der Krankheitsverlauf eines Jungen, dessen Allgemein- und Sprachentwicklung nach unauffälliger Schwangerschaft und Spontangeburt zunächst normal verlief. Im Alter von 1;06 Jahren erlitt das Kind einen linksseitigen Infarkt der Capsula interna mit Beteiligung der dorsalen Stammganglien. Die kernspintomographischen und dopplersonographischen Untersuchungen ergaben keinen Hinweis für einen Gefäßverschluss der Arteria cerebri media oder einen raumfordernden Prozess. Infolge des Infarktes bestand initial eine komplette schlaffe Hemi- und Facialisparese rechts, die innerhalb weniger Tage bereits eine deutliche Rückbildungstendenz zeigten. Dagegen war die nach dem Schädigungsereignis aufgetretene, etwa 6-wöchige komplette Aphasie im weiteren Verlauf zunächst nur allmählich rückläufig. Bei der im Alter von 1;10 Jahren erstmaligen logopädischen Untersuchung war das Sprachverständnis mit einem Entwicklungsalter von 1;11 Jahren ( Reynell III) altersgemäß. Der Wortschatz hingegen war noch deutlich eingeschränkt, befand sich jedoch wieder im Aufbau. Zu diesem Zeitpunkt waren auch erstmalig 2-Wort- Äußerungen zu beobachten. Im weiteren Verlauf war eine weitgehende Normalisierung der motorischen und sprachlichen Leistungen zu beobachten.


Text

Einleitung

Schädigungen des zentralen Nervensystems können in Abhängigkeit von der Lokalisation und Ausdehnung der Läsion auch zu einer Beeinträchtigung der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit führen. Im Erwachsenenalter treten insbesondere nach linkshemisphärischen Insulten im vaskulären Versorgungsgebiet der Arteria cerebri media gehäuft Aphasien auf. Diese bilden sich im weiteren Verlauf bei ausgedehnter Schädigung trotz adäquater logopädischer Behandlung oftmals nicht vollständig oder nur verzögert zurück. Im Kindesalter ist außer der Ausdehnung des Infarktes das Lebensalter von großer Bedeutung. Läsionen zwischen Beginn der Sprachentwicklung und dem 24. - 30. Lebensmonat führen zu einem vorübergehenden vollständigen Verlust der Expressivsprache mit nachfolgend normalem Ablauf der Sprachentwicklung [1]. Da sich die Hemisphären-Dominanz in diesem Lebensalter noch nicht ausgebildet hat, ist die Seitenlokalisation von untergeordneter Bedeutung. Entscheidende Voraussetzung für eine vollständige Rückbildung der Aphasie ist eine intakte Hemisphäre.

Fallbeschreibung

Vorgestellt wird der Krankheitsverlauf eines Jungen, dessen Allgemein- und Sprachentwicklung nach unauffälliger Schwangerschaft und Spontangeburt zunächst normal verlief. Im Alter von 1;06 Jahren erlitt das Kind einen linksseitigen Infarkt der Capsula interna mit Beteiligung der dorsalen Stammganglien. Die kernspintomographischen und dopplersonographischen Untersuchungen ergaben keinen Hinweis für einen Verschluss oder Anomalie der Arteria cerebri media. Ein raumfordernder Prozess war ebenfalls nicht nachweisbar. Infolge des Infarktes bestand initial eine komplette schlaffe Hemi- und Facialisparese rechts, die innerhalb weniger Tage bereits eine deutliche Rückbildungstendenz zeigten. Dagegen war die, nach dem Schädigungsereignis aufgetretene, etwa 6-wöchige Stummheit im weiteren Verlauf zunächst nur allmählich rückläufig. Bei der im Alter von 1;10 Jahren erstmaligen logopädischen Untersuchung war das Sprachverständnis mit einem Entwicklungsalter von 1;11 Jahren ( Reynell III) altersgemäß. Der Wortschatz hingegen war noch deutlich eingeschränkt, befand sich jedoch wieder im Aufbau. Zu diesem Zeitpunkt waren auch erstmalig 2-Wort-Äußerungen zu beobachten. Im Alter von 2;02 Jahren hatten sich die Paresen unter regelmäßiger krankengymnastischer Behandlung vollständig zurückgebildet. Der Wortschatz hatte sich deutlich erweitert. Es wurden erste 3-Wort-Äußerungen gebildet. Die Expressivsprache lag im unteren Durchschnittsbereich.

Diskussion

Angesichts der Lokalisation der Schädigung im Bereich der Capsula interna und den dorsalen Stammganglien wären als typische Folgen eine Anarthrie bzw. schwere Dysarthrie zu erwarten. Nach Wiedereinsetzen der Sprachentwicklung waren jedoch keine dysarthrischen Symptome zu beobachten. Somit bestand hier am ehesten eine passagere Aphasie, für die sich jedoch auch bei der kernspintomographischen Kontrolluntersuchung kein morphologisches Korrelat nachweisen ließ.

Anders als im Erwachsenenalter können bei Kindern nach ausgedehnten Schädigungen des zentralen Nervensystem unabhängig vom Ort der Läsion Sprachstörungen auftreten. Hierbei handelt es sich zumeist um expressive, motorische Aphasien. Das Sprachverständnis ist hingegen meist nur gering beeinträchtigt. Nach einer bisweilen mehrwöchigen Stummheit besteht ein zunächst nur geringer Sprachantrieb [2].

Im Gegensatz zu Erwachsenen ist auch bei ausgedehnten zerebralen Schädigungen im Kindesalter in vielen Fällen eine vollständige Rückbildung der Aphasie oft möglich. Entscheidende Faktoren sind, neben Lokalisation und Ausmaß der Schädigung, das Auftreten der Läsion im Kleinkindesalter bei noch nicht ausgebildeter Hemisphären-Dominanz mit einer vollständig intakten Hemisphäre. Die logopädische Therapie sollte möglichst früh einsetzen. Sie sollte sich jedoch anfangs bei noch eingeschränkter zerebraler Leistungsfähigkeit auf kurze Übungszeiten beschränken um einer Überanstrengung des Kindes vorzubeugen.


Literatur

1.
Wirth, G.: Sprachstörungen. Sprechstörungen. Kindliche Hörstörungen. Lehrbuch für Ärzte, Logopäden und Sprachheilpädagogen, Köln (4. überarbeitete Auflage) 1994 605f.
2.
Falk, K: Die aphasischen Störungen aus der Sicht des Logopäden. Die Sonderschule 18 (1973) 36ff